SENIORENHEIM: Bewohner verbringen Ostertage ohne Angehörige / Pflegepersonal auch psychologisch gefordert
Familienfeier ohne Familie
In diesem Jahr feiern die Bewohner der Seniorenheime das Osterfest ohne ihre Angehörigen.
VON VERA BEIERSDÖRFER | Die Corona-Pandemie hat den Alltag in Deutschland komplett umgekrempelt. Ausgerechnet in dieser Krisensituation dürfen Senioren ihre Kinder und Enkelkinder nicht sehen. Da ältere Menschen unter die Hochrisikogruppe fallen, gilt in rheinland-pfälzischen Seniorenheimen ein komplettes Besuchsverbot. „Von diesem Besuchsverbot ausgenommen sind natürlich Ärzte zur medizinischen Versorgung“, erklärt Anna Bielicz-Böhmer, Leitung Betreuungsdienst am AGAPLESION Sophienstift, im Telefonat mit dem NK.
Es seien schwere Zeiten für Bewohner, Angehörige und auch das Pflegepersonal. Nicht einmal ehrenamtlich Tätige oder Hospizhelfer kämen derzeit ins Haus, um für ein wenig Entlastung zu sorgen.
„Angehörige können wir nicht ersetzen“
Das Kontaktverbot hat das Leben im Sophienstift stark verändert. „Natürlich versucht das Team vom Betreuungsdienst möglichst viel aufzufangen, aber Angehörige können wir nicht ersetzen“, so Anna Bielicz-Böhmer.
Um die soziale Distanz zwischen Pflegeheimbewohnern und ihren Lieben etwas zu verringern, nutzen die Mitarbeiter des Sophienstifts auf ihren Diensthandys eine App, mit der Angehörigen Fotos sowie Nachrichten von Oma und Opa übermittelt werden können. Auch zahlreiche Telefonanrufe leitet das Pflegepersonal jeden Tag an die Bewohner weiter.
Es sei schön, dass viele Familienmitglieder zumindest täglich telefonischen Kontakt zu ihren Eltern oder Großeltern suchen, denn bei allem Schutz vor einer Infektion sei auch der Schutz der Psyche alter Menschen sehr wichtig, erläutert die Leiterin des Betreuungsdienstes. „Wenn es Angehörige und Bewohner gar nicht mehr aushalten, arrangieren wir ein Treffen unter Abstand, bei dem Töchter, Söhne oder Enkel unterhalb des Balkons mit dem Seniorenheim-Bewohner sprechen können – das sind ergreifende Szenen“, erläutert die Sozialpädagogin.
Kein Lächeln mehr
Der Großteil der Bewohner habe Verständnis für die Situation und die getroffenen Maßnahmen. Einige aktive Bewohner, zu deren täglichem Ritual zählte, durch die Innenstadt zu schlendern, hätten bereits vor einigen Wochen aus freien Stücken darauf verzichtet. Zum Eigenschutz, aber auch aus Rücksichtnahme für Mitbewohner, die unter Vorerkrankungen leiden.
Dennoch sei es für manche - vor allem für demenziell erkrankte Personen - nicht ganz klar, was nun passiert, warum keine Besucher mehr kommen und warum die Pfleger und Pflegerinnen ihr Gesicht hinter Masken verbergen. „Wenn uns die Bewohner in Schutzausrüstung sehen, bekommen ein paar sogar Angst“, berichtet die Seniorenbetreuerin. Bei einigen kommen auch Kriegserinnerungen wieder hoch. Dass man schon andere Ausnahmesituationen überstanden hätte, sei dann eine häufige Floskel.
Was Anna Bielicz-Böhmer am meisten schmerzt, ist, dass durch den Mund-Nasen-Schutz die Mimik verloren geht. „Wir können den älteren Menschen nicht einmal mehr ein Lächeln schenken“.
Ostern mal anders
Eigentlich lädt das AGAPLESION Sophienstift alljährlich Bewohner und Angehörige zum großen Oster-Brunch mit Konzert ein. „Das können wir diesmal leider nicht machen. Dennoch wollen wir den Menschen, die besonders an den Feiertagen unter der Einsamkeit leiden werden, ein schönes Osterfest bereiten“, lautet der erklärte Wunsch von Einrichtungsleiter Harald Oswald. Zum einen wird es für jeden Wohnbereich einen eigenen traditionellen Brunch geben. Zum anderen hat Pfarrerin Jutta Herbert von der Magnusgemeinde angekündigt, dass sie eine Andacht für den Karfreitag und für den Ostersonntag für die Bewohner und Mitarbeiter zur Verfügung stellen möchte.
Diese Andachten wird das Team gemeinsam mit den Bewohnern auf den Wohnbereichen feiern. Darüber hinaus möchte die Pfarrerin einen Brief für jeden Bewohner und auch die Mitarbeiter schreiben, um etwas Licht in diese dunkle Zeit zu bringen.
Stimmen der Bewohner
Da das Besuchsverbot auch für die Presse gilt, hat Anna Bielicz-Böhmer stellvertretend für den NK mit Bewohnern des Sophienstifts gesprochen und diese gefragt: „In Kürze feiern wir Ostern – wie ist es für Sie, dass Ihre Lieben Sie nicht besuchen dürfen?
Frau M. (97): „Wenn meine Tochter nicht kommen kann, dann ruft sie an. Ich habe ein Telefon im Zimmer.“
Herr R. (85): „Meine Frau und ich vermissen unsere Tochter sehr. Wir haben nur eine Tochter. Wir würden sie gerne sehen, aber was sollen wir machen, wir müssen das akzeptieren. Es wäre ganz schlecht, wenn jeder machen würde, was er will“.
Frau B. (75): „Sehr gut, ich freue mich auf Ostern. Das ist hier doch sehr gut gelöst. Ich werde in den Hof begleitet und darf meinen Sohn mit Abstand hinter dem Tor sehen. Hauptsache ist doch, dass wir uns sehen und miteinander von Angesicht zu Angesicht sprechen können.
Frau E. (94): (weint und kann zunächst nichts sagen) „Ich vermisse mein Enkelkind, mit dem ich, bevor ich ins Seniorenheim gezogen bin, zusammengelebt habe“. Kontakt auf Abstand hinter dem Einfahrtstor oder vom Balkon aus wünscht sie nicht. „Ich will nicht krank werden und ich will nicht, dass ich jemanden anstecke. Ich bete jeden Abend, dass alle gesund bleiben.“
Herr A. (55): (weint ebenfalls) „Das ist sehr deprimierend, nicht nur wegen Ostern, sondern auch jetzt schon. Mir fehlen nicht nur persönliche Gespräche, sondern auch der Händedruck, die Umarmung, der Kuss“.