Im großen Ratssaal der Stadt ließen die Veranstalter die Geschichte der Wormser Gewerkschaftsbewegung Revue passieren
Feierstunde zu „70 Jahre Gewerkschaften“
Nach dem offiziellen Teil folgte das gemütliche Beisammensein im Foyer. Hierbei gab es alte Dokumente aus der Gründerzeit zu bewundern. Von links: Susanne Wingertszahn, Heiner Boegler und der Wormser Gewerkschaftschef Wolfgang Mayer. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Am 1. Juli 1945 wurden in Worms die Gewerkschaften erneut gegründet, nachdem sie in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 verboten waren und viele Mitglieder der Arbeiterbewegung verhaftet und ermordet wurden.
Trotz tropischer Hitze
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Region Rheinhessen-Nahe nahm das Gründungsdatum in Worms am 1. Juli 1945 zum Anlass, um den 70. Geburtstag im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung im großen Saal des Wormser Rathauses zu begehen. Trotz tropischer Hitze, die über der gesamten Region lastete, waren am Mittwochabend um 18 Uhr rund 70 Gewerkschaftler und Gäste erschienen. Die Temperaturen lagen, zumindest gefühlt, bei weit über 30 Grad und machten Mineralwasser zum begehrtesten Objekt des Abends. Doch beeinträchtigte die Hitze den Stolz der Gewerkschaftler und den würdigen Ablauf der Veranstaltung in keiner Weise.
Gegner von Hitler
Die Begrüßungsworte sprach Bernhard Elz vom DGB Stadtverband Worms. Für die Stadt Worms überbrachte Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek die besten Glückwünsche zum 70. Geburtstag. In seiner Ansprache blickte er vor 1933 zurück und stellte die Rolle der Gewerkschaften als entschiedenem Gegner von Adolf Hitler heraus. Mit deutlichen Worten fragte der Bürgermeister in die Runde: „Was hat Hitler für die Arbeiter getan?“, um gleich darauf die Antwort zu geben und zu formulieren: „Gar nichts! Er hat sie ins Massengrab von Stalingrad geführt!“
Aktuelle Themen
Susanne Wingertszahn, die Geschäftsführerin des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland aus der Zentrale in Mainz, thematisierte als einzige Rednerin die Gegenwart und Zukunft und brachte damit Schwung in die Veranstaltung. Als wichtigste Arbeitsfelder nannte sie drei Herausforderungen. Dies waren die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeiten, die Zerschlagung von Firmenstrukturen, sodass die Mitbestimmung verloren gehe, und die Problematik der Leiharbeit bzw. der Werksverträge.
Richtungssteit zwischen SPD und KPD
Dr. Klaus Jürgen Becker, der stellvertretende Leiter des Stadtarchivs Ludwigshafen, dokumentierte in seinem ausführlichen Referat die spannenden Gründungsjahre von 1945 bis etwa 1956. Im Fokus stand dabei der Richtungsstreit zwischen Gewerkschaftsfunktionären, die Mitglied in der SPD waren und denen, die der KPD nahe standen. Letztendlich setzte sich hier der SPD-Flügel durch, was auch mit der Spaltung der Nachkriegswelt in Ost und West sowie der Gründung der zwei deutschen Staaten zu tun hatte. Generell hätten sich die Gewerkschaften ab Mitte der 1950er Jahre aber aus der intensiven, ideologisch-politischen Auseinandersetzung etwas zurückgezogen und sich mehr auf ihr Kerngeschäft, die Vertretung der Arbeitnehmerinteressen, konzentriert. Ein ganz bekannter Werbeslogan gegen die Samstagsarbeit sei hier gewesen: „Samstag gehört Papi mir!“. Auch für das Urlaubsgeld hätten die Gewerkschaften in dieser Phase gestritten.
Gemütlicher Ausklang
Den Abschluss des offiziellen Teils des Abends bildete ein Redebeitrag von Gewerkschafturgestein Heiner Boegler, der seine ganz persönlichen Erlebnisse aus der Gründungszeit schilderte.
Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung durch Liedbeiträge von Uli Valnion. Nach Ende des offiziellen Teils folgte der gemütliche Part im Foyer des Rathauses.
Fazit
Eine insgesamt gelungene und würdige Veranstaltung mit viel Erinnerungen und einer exakten Aufarbeitung der Gründungsphase. Was ein wenig fehlte, war der Pep und die Lebendigkeit. Sicherlich hätte man auch mehr auf das Jetzt und die Zukunft der Gewerkschaften in Worms eingehen können.