Pestel-Institut sieht 75-prozentigen Anteil von Frauen in Teilzeit- und Mini-Jobs / NGG und ver.di kritisieren „Niedriglohn-Schicht“
Frauen in Worms „regelrecht ausgenutzt“
NGG und ver.di appellieren an alle Beschäftigten, die einen Niedriglohn von weniger als 8,50 Euro pro Stunde bekommen, diesen online unter www.dumpinglohnmelder.de anzuzeigen. Beide Gewerkschaften wollen so die „Deutschland-Billiglohn-Landkarte“ vervollständigen. Schon jetzt zeichne sich dabei ab, dass „die Armut ganz oft weiblich ist“, so ver.di und NGG.
In Worms haben Frauen die schlechteren und die schlechter bezahlten Jobs. Sie werden in Teilzeit- und Mini-Jobs gedrängt. Nach Angaben des Pestel-Instituts seien lediglich 34 Prozent aller Vollzeitstellen in Worms mit Frauen besetzt. Ganz anders bei den Teilzeit- und Mini-Jobs: Hier beträgt der Frauenanteil 75 Prozent. „Frauen machen immerhin rund 5.010 Mini-Jobs in Worms. Gerade hier ist das Niedriglohn-Risiko am höchsten: Zwei von drei der Mini-Jobs werden mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt. Oft liegen sie sogar weit darunter“, sagt Jürgen Knoll von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). Der Geschäftsführer des ver.di-Bezirks rhein.pfalz spricht von einer „Niedriglohn-Schicht“, die vom „fair bezahlten und damit anständigen Arbeitsmarkt“ mehr und mehr abgekoppelt werde. „Gerade Frauen werden als billige Arbeitskräfte von Teilen der heimischen Wirtschaft regelrecht ausgenutzt“, so Knoll.
Gemeinsam mit ver.di übt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heftige Kritik an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Worms: „Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Mini-Jobber übernehmen die Arbeit von Vollzeitkräften. Jobs werden zerschlagen, Löhne gedrückt“, sagt Udo Löwenbrück. Der Geschäftsführer der NGG-Region Darmstadt und Mainz belegt dies mit Zahlen vom Pestel-Institut aus Hannover, das ver.di und NGG damit beauftragt haben, die regionale Arbeitsmarktsituation zu beurteilen. Demnach hat die Zahl der Mini-Jobs in den vergangenen zehn Jahren um 75 Prozent zugenommen. „Mini-Jobber sind moderne Tagelöhner – mies bezahlt mit wenig Schutz“, so Löwenbrück. Der Geschäftsführer der NGG-Region Darmstadt und Mainz beklagt eine „völlig verlotterte Moral im Umgang mit dem Wert von Arbeit“.
Bundesregierung habe hier „auf ganzer Linie versagt“
„Wer für einen Dumpinglohn schuftet, der fühlt sich von der Gesellschaft mit Füßen getreten. Und das völlig zu Recht“, sagt Jürgen Knoll. Die Bundesregierung habe hier „auf ganzer Linie versagt“. Seit Jahren stemme sie sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. „Dabei wird es höchste Zeit, diese Notbremse zu ziehen. Arbeit ist keine Dumpingware. Sie darf nicht länger nach dem Geiz-ist-geil-Prinzip auf den Wühltischen der Arbeitsvermittler angeboten werden“, so der ver.di-Bezirksgeschäftsführer. Vordringliche Aufgabe der neuen Bundesregierung müsse es daher sein, einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einzuführen.
„Für einen Niedriglohn zu arbeiten, bedeutet, dass man den Gürtel ganz eng schnallen muss. Wer dazu gezwungen ist, hat nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören“, sagt Udo Löwenbrück. Dumpinglöhner lebten längst in einer „Verzichtskultur“, zu der sie gezwungen seien. Ganze Familien würden dabei vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. „Bus- und Bahnfahrten sind für diese Menschen oft schon etwas Besonderes. Der Gang ins Kino oder Freizeitbad ist die absolute Ausnahme. Und ein Restaurantbesuch der pure Luxus“, so der Geschäftsführer der NGG-Region Darmstadt und Mainz.