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So., 13. Juli 2014, 13:14 Uhr
Bewegender Vortrag und lebhafte Diskussion: Dr. Burkard Keilmann referierte über die Begeisterung und Teilnahme Wormser Schüler und Lehrer am 1. Weltkrieg
Fürs Vaterland zu sterben passte ins Selbstbild der Elite
Das Konzept des Vortrags von Dr. Burkhard Keilmann in der Ernst-Ludwig-Schule, zum Nachdenken anzuregen, ging voll auf. Wäre nicht ein Gewitter aufgezogen, hätte das Publikum im Anschluss gerne noch lange weiter diskutiert. Foto: Regina Urbach
VON REGINA URBACH Eine quicklebendige Diskussion unter den rund 50 Teilnehmern rief der Vortrag von Dr. Burkhard Keilmann, Rektor des Rudi-Stephan-Gymnasiums, über die Kriegsbegeisterung und -teilnahme Wormser Schüler und Lehrer 1914 hervor.
Bewusst hatte Keilmann als Veranstaltungsort das Foyer vor der Gefallenentafel der Ernst-Ludwig-Schule gewählt, die damals das Wormser altsprachliche Gymnasium beherbergte. Das stellte an Bestuhlung und Technik einige Anforderungen, die nach einigem Tüfteln gemeistert wurden. Der Vortrag ist Teil einer vom Institut für Stadtgeschichte organisierten Reihe zur Ausstellung „Eine furchtbar ernste Zeit“, zu der jetzt ein bebilderter Katalog erschienen ist.
Schülerschicksale und die unrühmliche Rolle der Lehrer Keilmann selbst war ebenso wie seine Geschwister und sein Vater Schüler des Gymnasiums und hatte hier sein eigenes Pazifismus-Schlüsselerlebnis. Es war 1971, die Zeit des Vietnamkriegs, und Keilmann stand kurz vor dem Abitur. Als sie bei Lehrer Knierim eine Antikriegsrede aus dem 5. Jahrhundert vor Christus beim griechischen Historiker Thukydides lasen, fuhren am Nibelungenring amerikanische Panzer auf. Ausdrücklich lobte Keilmann seinen Lehrer, der im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren hatte, dafür, dass er die Schüler für Kriegstreiberei – auch in der Antike – sensibilisierte. Das war 1914 anders.
Viele Schicksale von Schülern des Gymnasiums und der Oberrealschule ließ Keilmann anhand von Uniformfotos aus dem Bestand von Stadtarchiv und Bibliothek lebendig werden. Er zitierte aus Briefen, Reden und Zeitungsartikeln voll befremdlicher Kriegseuphorie. Sogar die Verwaltung war ganz unbürokratisch bereit zu vorgezogenen Notprüfungen. Kaum ein Lehrer hinderte seine Zöglinge daran, die Schule zu verlassen, um ihr Leben zu opfern. Oft bestärkten sie sie darin oder gingen gar selbst mit „gutem Beispiel“ voran. Während sich die Landbevölkerung im August 1914 eher um die Ernte sorgte, gab es für vielversprechende junge Männer aus gutem Hause nichts Vordringlicheres, als fürs Vaterland zu sterben.
Kriegseuphorie gerade der Eliten Gerade von den sehr jungen Rekruten fielen viele in den ersten Kriegswochen. Über Kriegserlebnisse oder spätere Reflexionen herrscht in den Quellen eher Schweigen, so Keilmann. Er blieb nahe an den Lebensgeschichten und hielt sich mit Deutungen zurück. Vielleicht gerade dadurch regte er diese bei den Zuhörern an. Unterstützt von Dr. Gerold Bönnen, der die allgemeineren historischen Fragen beantwortete, fiel es ihm am Ende schwer, die äußerst lebhafte Diskussion zum Abschluss zu bringen, den erst das heraufziehende Gewitter besiegelte.
So dachte Mancher laut über die Zusammenhänge mit der Anfälligkeit bürgerlicher Kreise für den Nationalsozialismus nach. Dr. Busso Diekamp, ebenfalls im Publikum und im Oktober mit einem Vortrag an dieser Reihe beteiligt, ging kenntnisreich darauf ein. Andere berichteten über die „Kultur des Schweigens“ oder aber die Gedenkkultur zuhause. Auch ein Großenkel des gefallenen Alfred Günter war anwesend. Viel wurde nach dem Schicksal weiterer Namen auf der Gedenktafel gefragt, die zuunterst auch den Heizer Johann Kreider aufführt. Von ihm als einzigem wurde kein Abschiedsfoto in Uniform gemacht (!). So unbegreiflich es klingt: Fürs Vaterland zu sterben passte 1914 ins Selbstbild der Elite. Dafür spricht auch die Niederschrift des blutjungen Schülers Philipp Menger: „Zum Opfertod für die … Ehre seiner Nation ist keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu.“