Jede Menge Prominenz gab sich in Worms am Premierenabend die Ehre. Neben Stars und Sternchen war auch Ministerpräsidentin Maul Dreyer, hier mit Intendant Nico Hofmann und Mario Adorf, zu Gast in der Nibelungenstadt. Foto: Karolina Krüger
Von Regina Urbach Die Premiere der Nibelungenfestspiele 2015, erstmals unter der Intendanz von Nico Hofmann, erfüllt alle Erwartungen an eine Offensive der Qualität und Innovation. Ostermaiers Stück „Gemetzel“ bietet viel Stoff für aktuelle Diskussionen, Regie (Thomas Schadt) und Darstellungsqualität haben einen qualitativen Sprung nach oben getan. Die Inszenierung 2015 stößt vieles am eigentlich bekannten Nibelungenstoff neu an, auch wenn sie nicht immer leicht zu verdauen ist. Neben der aus den vergangenen Jahren vertrauten Prominenz waren auch mehr überregionale Vertreter aus Politik und Medien erschienen. OB Michael Kissel begrüßte die Gäste im neu illuminierten Heylshofpark.
Das Stück und die Inszenierung
Mit dem psychologisch durchdachten Text voller Wortspiele, schlagfertiger Dialoge und mittelhochdeutscher Einsprengsel hat Ostermaier Literatur geschaffen. Häufig stößt man auf Aphorismen, die man sich gerahmt an die Wand hängen könnte. „Gemetzel“ beweist, dass die Nibelungen auch ohne billige Lacher spielbar sind. Über den ersten, etwa 90-minütigen Teil werden die Zuschauer durch teils akrobatische Tanzdarbietungen mit (zu) vielen Rückblenden geführt. Diese meisterhaft ausgeführten Tanzstücke, begleitet vom „Panzerballett“, durchbrechen durch ihre Länge leider etwas den Erzählfluss der Haupthandlung. In Thomas Schadts Inszenierung offenbaren auch Hass und Eifersucht eine eigene Erotik, so zwischen Hagen und Kriemhild, aber auch Brünhild und Kriemhild; die Liebe zwischen Kriemhild und Siegfried dagegen wirkt gruselig. Bis zur Pause steigern sich die Erwartungen auf den Höhepunkt, das Überkochen des aufgestauten Hasses. Der zweite Teil, das tödliche „letzte Abendmahl“, fordert den Darstellern einen prägnant dargebotenen Tanz auf dem Vulkan ab. Rasant springt der Text zwischen grausigem „Spiel“, Vorahnungen, Wahn, geheuchelter Versöhnung und aufflammendem Hass. Kriemhild mimt den Hagen, dieser die Kriemhild und Ortlieb wird zum Regisseur seines eigenen Todes. Der Übergang zum realen Gemetzel geschieht kaum merklich. So schnell werden aus Feindbildern Kriege, soll das heißen. Schade nur, dass Ortliebs entsetzliches Selbstopfer, dramaturgisch doch der Höhepunkt, dabei nicht die ihm gebührende Erschütterung hervorruft. Das Gemetzel bleibt eher Reflexion denn Aktion. Statt Theaterblut rollen Schädel.
Die Darsteller
Dem facettenreichen Spiel der Truppe aus Schauspielern, Tänzern und Statisten zu folgen ist ein Vergnügen. Hingebungsvoll zieht Judith Rosmair als Kriemhild die Register einer dämonischen, zerfressenen, zunehmend wahnsinnigen Frau; in Rothaarperücke und herausstechend blauem Kleidchen lässt sich die betörende Macht ihrer Schönheit aber kaum nachvollziehen. Es ist vor allem Kriemhild, die bei diesen „Nibelungen“ tötet. Am Ende, als sie von allen äußeren Schalen (Liebende, Mutter, Königin) freigelegt und von ihrem eigenen Hass bloßgestellt dasteht, erwartet man geradezu, aus ihrem Munde die Worte der „Herr-der- Ringe“-Kreatur Golum zu hören: „Mein Schatzz!“ Mit naivem Charme und jungenhaftem Enthusiasmus erweist sich die agile Alina Levschin als Optimalbesetzung für einen zerrissenen Jungen voll existenzieller Fragen. Burgschauspielerin Catrin Striebeck gibt eine eindrucksvolle Brünhild als Lichtgestalt, cool und weise. Max Urlacher, übrigens auch Autor, gestaltet seinen Hagen zumindest zur Hälfte sympathisch, manchmal gar mitfühlend – und Kriemhild hörig. Eine schauspielerische Leistung von unglaublicher Vielseitigkeit meisterte Maik Solbach als Narr: ganz Narr, ganz Weiser und oft genug eine Inkarnation weiterer Figuren. Viel Arbeit wurde darauf verwendet, Schauspieler, Tänzer, Statisten und Musiker nahtlos interagieren zu lassen, dennoch bleiben die Tanzszenen in sich geschlossene Stücke und die Band etwas abseits vom Bühnengeschehen. Sportlich wurde auch den Schauspielern viel abverlangt. Kriemhild und die Objekte ihrer Träume hadern miteinander auf einer luftigen Brücke zwischen den Kulturtürmen in etwa sieben Metern Höhe.
Der Tanz und die Bühne
Filmeinspielungen wurden überflüssig. Vor allem die Tanzelemente (meisterhaft: das fließende Rheingold und der Drachentanz mit sieben Köpfen; Choreographie: Ted Stoffer) und die psychoanalytischen Träume Kriemhilds verleihen der Inszenierung eine Originalität, die auch den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Der Tanz offenbart Bilder, Gefühle und Wahrheiten, die die gesprochenen Worte verschleiern. Bühnenbild (Aleksandar Denic) und Kostüme (Jana Findeklee, Joki Tewes) entführen in eine Fantasy-Welt: hier asiatische Mammutzähne, Goldschmuck, mongolische Zöpfe und Fellkleider – dort wallendes Wikingerhaar, mannshohe Schwerter, Elch- und Bärentrophäen und eine Vorliebe für Totenschädel. Ein wenig „Game of Thrones“ mit ein paar Ausreißern.
Die Musik
Düster und schräg begleitete das Panzerballett (Komposition und Leitung: Jan Zehrfeld) das ganze Stück wie ein Soundtrack; mit ein wenig Abwechslung wären hier noch Chancen zu einer Emotionalisierung der Darstellung gewesen. Allein Siegfrieds (Jesús Capel Luna) Akrobatik-Einlage untermalt es mit einem rockig variierten Wagnerschen „Walkürenritt“.
Die Handlung und die Figuren
In „Gemetzel“ sind viele Stücke zu einem einzigen kondensiert. Am Nibelungenlied orientiert, greift es fast alle Aspekte des Stoffs auf: das Unheil bringende Gold, Heldenbilder, Rachedurst und den Krieg der Frauen, der ganze Völker ins Verderben stürzt. Charmant ist die Figur des pubertierenden Ortlieb, der alles hinterfragt: die Feindbilder einer Gesellschaft, die nur auf Materielles aus ist, die aber als Ersatz für ihre verlorenen Werte Helden braucht. Damit klinkt sich Ostermaier ins Motto des diesjährigen rheinpfälzischen Kultursommers, „Helden und Legenden“, ein. Siegfried, der tumbe Haudrauf, ist nur noch eine Projektionsfläche der Wunschträume zweier kämpferischer Frauen, die stärker sind als er – und der Gesellschaft, repräsentiert durch Gunter. Hagen auf der anderen Seite ist nicht allein Staatsmann oder Finsterling, sondern vor allem Teil von Kriemhilds Rachedurst, ihr reagierender Gegenpart. Zwischen beiden knistert erotisierte Spannung. So läuft er als böser Gegenheld, sozusagen „bad batman“ (im Batman-Kostüm) Gefahr, zu einer weiteren Projektionsfläche zu verkommen. Wenn überhaupt, sind Ortlieb und Brünhild die „Helden“ dieser Geschichte: sich selbst treu, wissend und nicht ganz von dieser Welt. Und „weil jeden Held die Welt nur tot ertragen kann“ (Narr), unterliegen sie. Brünhilds kaum ermessbare Wut und Hagens macchiavellistisches Menschen-Schach verblassen vor der Aggressivität von Kriemhilds Rachsucht. Ostermaier demontiert also nicht nur die Bilder vom „Helden Siegfried“ und vom „finsteren Hagen“, sondern auch von der „liebenden Kriemhild“. Damit es zum Gemetzel kommt, setzt sie bewusst das Leben ihres Kindes (Etzel: „ihre schärfste Waffe“) ein. Die dramatische Wende, als sich Ortlieb mit den Worten „Ich bin Siegfried!“ ins Schwert stürzt, offenbart: Seinen beiden Eltern ist ihr wahrer Schatz wichtiger als ihr Kind – das Gold, das sie sich durch ihre Heirat vom jeweils anderen erhofft haben.
Fazit
In „Gemetzel“ rechnet Ostermaier vor allem mit Kriemhild ab, aber subtiler als die letztjährige Inszenierung. Tumbes Germanentum wird ironisiert durch Blondhaarperücken oder einen wasserstoffblonden Akrobaten-Siegfried mediterranen Typs. Bühnenvergewaltigungen hat diese Inszenierung nicht nötig. Subtil sind auch Witz und Anspielungen; Schenkelklopfer sucht man vergebens. Dafür gilt es, nach Perlen zu tauchen, vor allem beim Nachlesen. Vom Publikum wurde erwartet, Sinne und Verstand neu zu schärfen. Das gelang: Nach einer bis zum Schluss gebannt verfolgten Vorstellung mit Zwischenapplaus für die Tänzer gab es reichlich Schlussapplaus.