Interkultureller Runder Tisch: Bordsteine in Worms mit demokratischen Werten tätowiert
„Gerechtigkeit“ und „Vielfalt“ auf der Straße
Monika Rettig, Leiterin der Jugendkunstakademie, bringt die erste Folie vor der Lukaskirche auf.
„Akzeptanz“, „Vielfalt“, „Zusammenhalt“: Seit Sonntag sind diese und viele weitere Wörter auf innerstädtischen Bordsteinen zu lesen, senden Botschaften aus, werben um Zustimmung, wollen mit Leben gefüllt werden. „Diese Begriffe zeigen unsere demokratischen Werte“, sagt Pfarrerin Dr. Erika Mohri, Leiterin des Interkulturellen Runden Tischs (IRT) Worms, die die Idee zu den Straßentattoos hatte und sie nun auch umsetzte. „Wir haben sie auf die Straße geschrieben, weil sie die Basis sind, auf der wir stehen. Wir haben sie in der Nähe unserer Gotteshäuser und Treffpunkte platziert, um zu zeigen, welche Werte von uns ausstrahlen.“
Vorangebracht wurde die Aktion mit viel Einsatz und Kompetenz von Monika Rettig, die seit Jahren die Wormser Jugendkunstakademie leitet und die das Straßentattoo-Verfahren mit ihrem Mann, dem Künstler Horst Rettig, schon mehrfach praktiziert hat. Sie war am Sonntag an der ersten Station vor der Lutherkirche präsent und zeigte den Zweiergrüppchen, die sich zur Mitarbeit bereitgefunden hatten, wie die Begriffe mittels Folie, Pinsel und Farbe aufgetragen werden müssen. Das war eine durchaus diffizile Arbeit, denn die Folie musste vor dem Aufkleben auf den unebenen Bordsteinen gut angedrückt und sorgfältig aufgebracht werden. Dann wurden die Buchstaben mit einem sogenannten Stupspinsel mit weißer Farbe akkurat ausgefüllt. Nach dem Antrocknen wurde die Folie abgezogen und das Werk, wo nötig, freihändig überarbeitet.
Aufmerksamkeit erregen
Die Begriffe, die nun auf den Bordsteinen hoffentlich Aufmerksamkeit erregen werden, wurden von IRT-Mitgliedern bei ihren Organisationen unter der Fragestellung gesammelt: „Welche Werte sind für euch wichtig in Hinblick auf Demokratie?“ Die evangelische und katholische Jugend, die alevitische und Ahmadiyya-Gemeinde, die Jugend von DiTiB und Millî Görüş (IGMG) sowie Flüchtlinge der Motorpool-Unterkünfte beteiligten sich an der von Demokratie leben! unterstützten Aktion.
„Die Vorbereitungsgruppe konnte dann unter über sechzig Begriffen wählen“, freute sich Erika Mohri, Pfarrerin der Lukasgemeinde, über die tolle Resonanz. „Auf 20 Wörter haben wir uns dann geeinigt. Wir haben sie in Deutsch, z.T. auch in Englisch, Türkisch, Arabisch und Urdu auf die Folien drucken lassen.“ Neu gelernt habe sie das Wort „awakeness“ für Achtsamkeit, Wachsamkeit. Besonders berührt habe sie, dass der Begriff „Schutz“ genannt wurde. „Auch das erwarten Menschen von einer Demokratie“, sagte sie.
Straßentattoos an häufig besuchten Orten
Klar war von Anfang an, dass die Straßentattoos an häufig besuchten Orten aufgebracht werden sollten. Die Generalprobe erfolgte deshalb hinter dem Bahnhof. Am Sonntag nun arbeiteten die Teams zunächst vor der Lukaskirche, dann auch vor der Pestalozzischule und der Veysel-Karani-Moschee in der Hafenstraße, der Fathi-Moschee in der Bensheimer Straße und der Ehli Beyt Moschee in der Mainzer Straße. Letzte Station war das Rote Haus neben der Friedrichskirche, wo der Interkulturelle Runde Tisch seit nunmehr 15 Jahren tagt. Gerne griff Erika Mohri abschließend einen Satz von Umut Ciyrik, Mitglied der schiitischen Gemeinde Ehli Beyt, auf, der die Aktion treffend auf den Punkt bringt: „Diese Straßentattoos sind das Band, das uns verbindet.“
Ergänzend beschrifteten Monika Rettig und Dr. Mohri den Kubus „Recht auf Leben“, den das atelierblau der Lebenshilfe 2014 unter Leitung von Horst Rettig zum Gedenken an die Opfer von Hadamar im Hans-Doerr-Platz errichtet hat. „Gerechtigkeit“, „Toleranz“ „Würde“ sind Begriffe, die hier zu lesen sind.