Asylbewerber kandidiert für den Kirchenvorstand der Wormser Matthäusgemeinde
Glaube ist ein Geschenk Gottes
Hossein Ebady Neirizy.
Sein Händedruck ist fest, sein Blick aufmerksam und freundlich. Als Hossein Ebady Neirizy zum Interview erscheint, macht er nicht den Eindruck eines Mannes, der seit 15 Jahren erfolglos versucht, seine Frau und seine drei Kinder wiederzusehen. Seinen Optimismus hatte er zwischenzeitlich verloren, nahm therapeutische Hilfe in Anspruch, um die jahrelange Entbehrung seiner Familie ertragen zu können. Es war der Glaube, der ihm wieder Hoffnung gab. Nun möchte er sich für Andere engagieren und kandidiert für den Kirchenvorstand der Wormser Matthäusgemeinde.
Als er im Jahr 1999 aus dem Iran nach Deutschland flüchtet sind seine Töchter drei, elf und 14 Jahre alt. Seiner Frau und den Kindern will er die Strapazen der Flucht nicht zumuten, sondern die Vier nachholen, sobald er in Deutschland eine dauerhafte Bleibe gefunden hat. Doch bis heute wird Ebady Neirizy lediglich geduldet und muss diesen Status alle sechs Monate erneut beantragen. Im Iran hatte er 14 Jahre lang als Lagerist gearbeitet, der 56-Jährige verfügt also über entsprechende Fachkenntnisse. Dennoch ist es schwer eine feste Arbeitsstelle zu finden: "Potenzielle Arbeitgeber haben höchstens ein halbes Jahr Planungssicherheit, weil ich keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung habe, gleichzeitig würde eine Festanstellung die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ich dauerhaft in Deutschland bleiben darf", beschreibt Ebady Neirizy die Misere.
Diese scheinbar aussichtslose Situation ließ den Familienvater schier verzweifeln. Er begann den Gottesdienst der iranischen Gemeinde in Mainz zu besuchen. Zunächst nur, um in Gemeinschaft zu sein. Dann fing er an, die Bibel zu lesen und fand so einen Zugang zum christlichen Glauben: "Durch Jesus und die Geschichten in der Bibel habe ich Gott kennengelernt." Und er machte eine weitere Beobachtung: "In der Bibel steht, dass Gott die Menschen verändern kann. Diese Veränderung konnte ich bei mir spüren", erinnert sich Ebady Neirizy. "Nachts konnte ich vor lauter Angst, dass mein Asylantrag erneut abgelehnt würde, nicht schlafen, doch plötzlich wurde ich ruhiger und fing an, auf Gott zu vertrauen." Er besucht einen Alpha-Kurs, in dem er mehr über den christlichen Glauben erfährt. Sechs Monate lang dauert diese 'Mini-Ausbildung', in wöchentlichen Treffen und Gottesdiensten lernt er die Grundpfeiler evangelischer Religion kennen. Sein Fazit: "Glaube ist ein Geschenk Gottes, das man auch annehmen wollen muss." 2004 lässt er sich von Pfarrer Hamed Akbare in Mainz taufen.
Nachdem die iranische Gemeinde in Mainz sich aufgelöst hat, findet er in der Wormser Matthäusgemeinde wieder Anschluss an den christlichen Glauben und das evangelische Leben. „Dass sich Hossein Ebady Neirizy um ein Amt im Kirchenvorstand unserer Gemeinde bewirbt, freut mich ganz besonders, denn ich glaube, dass er durch seine freundliche Art Menschen für unsere Gemeinde begeistern kann”, so Veronika Veerhoff, Pfarrerin der Wormser Matthäusgemeinde. Sollte er im Februar in den Kirchenvorstand gewählt werden, möchte Ebady Neirizy sich für die Flüchtlinge in Worms engagieren - in deren Situation kann er sich gut hineinversetzen.
Hossein Ebady Neirizy ist unterdessen Großvater. Ende des Jahres wird er sein Glück erneut versuchen und einen Antrag stellen, um dauerhaft in Deutschland bleiben zu dürfen und dann endlich auch das neue Familienmitglied in die Arme schließen zu können. Möge der Geist der Weihnacht einen Teil dazu beitragen.