Am heutigen 29. September ist Weltherztag: NK-Interview mit Prof. Jens Jung zum richtigen Verhalten im Falle eines Herzinfarktes
Herzgesundheit ist Herzensangelegenheit!
Prof. Dr. Jens Jung ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Internistische Intensivmedizin und seit 2004 Chefarzt der Medizinischen Klinik I – Kardiologie und Angiologie. Er und sein Team befassen sich schwerpunktmäßig mit der Diagnostik und Therapie von Krankheiten des Herzens und der Gefäße.
VON ROBERT LEHR |Herzinfarkt und Schlaganfall sind mit über 17 Millionen Menschen, die daran sterben, weltweit die häufigsten Todesursachen. Rund 80 Prozent dieser Todesfälle könnten laut der World Heart Federation (WHF) durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden. Am heutigen Weltherztag werden deshalb alle Menschen dazu aufgerufen, sich intensiver um ihre Gesundheit zu kümmern.
Der Weltherztag findet jedes Jahr am 29. September statt und regt zu Aufklärungskampagnen an, u. a. zur Frage, was jeder Einzelne tun kann, um Risiken für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Schlaganfall vorzubeugen. Der diesjährige Slogan „My Heart, Your Heart“ („Mein Herz, dein Herz“) soll dazu auffordern, der eigenen Herzgesundheit, aber auch der von anderen mehr Achtsamkeit zu schenken.
Altersunabhängige Hauptrisikofaktoren für eine Erkrankung der Herzkranzgefäße sind Nikotinkonsum, Diabetes (Zuckerkrankheit), Bluthochdruck, familiäre Belastung (früh auftretende Herzkreislauferkrankungen wie Infarkt oder Schlaganfall bei nahen Blutsverwandten) sowie ererbte oder erworbene Störungen des Fettstoffwechsels.
Einige dieser Risikofaktoren verstärken sich bei Übergewicht, Fehlernährung und Bewegungsmangel. Auch bei übermäßigem Alkoholkonsum steigt das Risiko von Herzinfarkten und anderen schweren Erkrankungen.
Das Rauchen ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt. Durch Rauchentwöhnung kann das Risiko um bis zu 50 Prozent verringert werden. Die Wirkung einer zielgerichteten Ernährungsumstellung geht über die reine Senkung des Cholesterinspiegels hinaus.
Maßstab sollte die „mediterrane“ Kost sein, die sich durch kaloriengerechte, ballaststoffreiche und fettarme Nahrung auszeichnet und außerdem reich an ungesättigten und Omega-3-Fettsäuren ist.
Auslösende Faktoren für einen Infarkt können auch plötzliche Belastungen und Stresssituationen mit starken Blutdruckschwankungen sein. 40 Prozentaller Infarkte ereignen sich in den frühen Morgenstunden zwischen 6 und 10 Uhr. Infarkte treten montags häufiger als an anderen Wochentagen auf, erstaunlicherweise auch bei Rentnern nach dem 60. Lebensjahr.
Schnelle Hilfe zählt!
Um einen Herzinfarkt erfolgreich zu behandeln, zählt vor allem eins: die Zeit, in der ein Patient das Krankenhaus erreicht. Um im Ernstfall schnell und richtig zu reagieren ist es wichtig, die Anzeichen zu kennen, die auf einen Herzinfarkt hinweisen.
Prof. Dr. Jens Jung, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Worms, erklärt den NK-Lesern, wie man einen Herzinfarkt erkennt und welche Behandlungsmöglichkeiten existieren.
NK: Herr Prof. Jung, bei welchen Warnzeichen sollte ein Patient schnellstmöglich die Klinik aufsuchen?
Prof. Dr. Jens Jung: Typische Symptome eines Herzinfarktes sind starke Schmerzen im Herzbereich oder Brustkorb, die häufig auch in andere Körperregionen wie Arme, Schultern, Rücken, Hals, Kiefer oder den Oberbauch ausstrahlen können. Oft spüren die Betroffenen auch einen starken Druck oder ein Engegefühl im Brustbereich – als würde man ihnen die Brust einschnüren – sowie ein starkes Brennen. Das Tückische ist, dass sich ein Herzinfarkt auch durch ganz untypische Hinweise wie etwa Atemnot und Übelkeit, Schmerzen im Bauchraum oder Erbrechen zeigen kann. Besonders Frauen, Ältere und Diabetiker sind von diesen eher unspezifischen Beschwerden betroffen. Treten diese erstmalig und in hoher Intensität auf, ist deshalb schnelles Handeln gefragt.
Wer diese Warnzeichen verspürt, sollte nicht zögern und sofort die 112 oder die 19222 anrufen. Keinesfalls sollte sich ein potenzieller Herzinfarktpatient selbst ins Auto setzen oder zunächst den Hausarzt kontaktieren. So gehen wertvolle Minuten verloren, die schlimmstenfalls über Leben oder Tod entscheiden können. Denn wird ein Infarktpatient rechtzeitig in eine spezialisierte Klinik wie unser Klinikum gebracht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er diesen ohne bleibende Folgeschäden überlebt.
NK: Das heißt, meine Überlebenschancen hängen auch davon ab, in welcher Klinik ich mich behandeln lasse?
Prof. Dr. Jens Jung: Ja, es ist wichtig, bei Infarktverdacht umgehend eine spezialisierte Klinik mit Herzkatheterlabor aufzusuchen, die neben einem Herzinfarktnetzwerk auch eine Brustschmerz-Einheit vorhält. Da wir Teil des Herzinfarktnetzwerkes Worms-Alzey-Ried sind, nimmt der Notarzt bereits bei der Fahrt im Rettungswagen Kontakt mit uns auf, damit wir noch vor Ankunft des Patienten alle wichtigen Vorbereitungen treffen können. In der Klinik angekommen, beginnen wir sofort mit der Behandlung, um die bei einem Herzinfarkt verschlossenen Koronararterien wieder zu öffnen.
NK: Und wie sieht eine solche Herzinfarktbehandlung konkret aus?
Prof. Dr. Jens Jung: In der Regel kommt der Patient sofort nach seiner Ankunft in eines unserer beiden Herzkatheterlabore und es wird eine Koronarangiographie gemacht, also eine Röntgendarstellung der Herzkranzgefäße mit Kontrastmittel. Der Arzt kann nun genau sehen, an welchen Stellen die Arterien durch ein Blutgerinnsel verstopft sind. Die für den Verschluss verantwortliche Engstelle wird dann mithilfe eines Ballons aufgedehnt und anschließend mit einer Gefäßstütze, einem sogenannten Stent, versehen.
NK: Sie haben zuvor eine so genannte Brustschmerz-Einheit erwähnt. Was ist das genau?
Prof. Dr. Jens Jung: Bei der Brustschmerzeinheit – auch „Chest-Pain-Unit“ genannt – handelt es sich um eine spezielle Diagnostik- und Therapieeinheit zur Versorgung von Patienten mit akuten Brustschmerzen. In manchen Fällen ist ein Herzinfarkt nicht immer im EKG zu erkennen oder es liegt eine andere, eventuell lebensbedrohliche Krankheit, wie z.B. ein Einriss der Hauptschlagader oder eine Lungenembolie vor. Um abzuklären, woher die unklaren Brustschmerzen kommen, werden diese Patienten in unserer rund um die Uhr zur Verfügung stehenden „Chest-Pain-Unit“ speziell überwacht. Durch Kontrolle von Laborwerten und EKG können ein sich entwickelnder Herzinfarkt oder eine andere ursächliche Erkrankung sofort festgestellt und behandelt werden.
NK: Prof. Jung, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.
Zu aktuellen Themen rund ums „Herz“ Am Mittwoch, dem 7. November, von 18 bis 19.30 Uhr veranstaltet die Medizinische Klinik I des Wormser Klinikums im Rahmen der Herzwochen vom 1. bis 30. November wieder ein Herzseminar. Prof. Dr. Jens Jung berichtet gemeinsam mit einem niedergelassenen Kollegen über aktuelle Themen rund um das „Herz“. Im Anschluss stehen die Herzexperten für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.