„IGMG – Islamische Gemeinschaft Millî Görüş“ wünscht sich einen regeren Austausch mit Nichtmuslimen
„Hier kann sich keiner radikalisieren!“
Sadik Öztürk (rechts) beim gemeinsamen Lesen des Korans. Man muss kein ausgebildeter Imam sein, um das gemeinsame Gebet zu führen, ausschlaggebend sind Gelehrigkeit und Authorität. Foto: Robert Lehr
VON ROBERT LEHR Es geht ein wenig zu wie in einem Taubenschlag. Besucher kommen und gehen, begrüßen sich herzlich, plauschen miteinander, während Kinder lärmend auf dem Hof spielen oder die Treppen rauf und runter poltern und ihren nicht unerheblichen Beitrag dazu leisten, das gesamte Anwesen mit großer Vitalität zu füllen.
Wären da nicht der Duft von frischem Tee und die Gebete, die aus den Lautsprechern dringen – man würde nicht bemerken, dass man sich in einem islamischen Gemeindezentrum mit seinen drei Gebetsräumen sowie zahlreichen anderen Gemeinschafts- und Funktionsräumen befindet.
Quirlige Gemeinschaft
Inmitten dieses sympathischen, quirligen Lebens sitzt Aydin Geçgel und orchestriert das Ganze. Der 39-jährige Wormser türkischer Abstammung ist Sekretär und damit Vertreter des Vorstandes der Wormser „IGMG – Islamische Gemeinschaft Millî Görüş“ mit ihrem Domizil auf dem ehemaligen DB-Gelände an der Bensheimer Straße 1. Dessen baulicher Zustand allerdings passt so gar nicht zu dem regen Treiben, das hier stattfindet.
Geçgel erklärt diesen Widerspruch plausibel damit, dass die Planungen im Rahmen des kommunalen Projektes der „Grünen Schiene“ auf dem Gelände der Deutschen Bahn, eine komplette Neuausrichtung des Quartiers zum Inhalt haben.
An den entsprechenden Diskussionen sei man bereits beteiligt. Zum einen, weil es spannend sei, sich auf dem Wege der Bürgerbeteiligung konkret mit einzubringen und zum anderen, weil der Verein „Planungssicherheit“ brauche, so Geçgel. Dabei legt er Wert auf die Tatsache, dass es sich bei „Millî Görüş“ hier in Worms zunächst um eine Gemeinschaft handele und nicht um eine klassische Moschee, auch wenn man diesen Ausdruck untereinander benutze. Für eine Moschee braucht man mehr, als nur einen Raum, der zu einem Gebetsraum umfunktioniert wurde.
Trotzdem kämen, vor allem zu den Freitagsgebeten, mit weit über 300 Gläubigen deutlich mehr Besucher, als man Vereinsmitglieder habe. Derzeit seien es rund 180, dazu gehörten aber Paare und Familien. Momentan sei nur noch rund die Hälfte der Besucher türkischer Abstammung, die anderen kämen aus allen Teilen der islamischen Welt.
Unter den verschiedenen islamischen Gemeinden in Worms herrsche ein reger Austausch, eine Mitgliedschaft bei seinem Verein sei keine Voraussetzung für die Teilnahme am Gebet oder an anderen Vereinsaktivitäten, erklärt Geçgel. Daher treffe man bei den Gebeten auch in anderen Moscheen immer wieder vertraute Gesichter, aber auch stets neue.
Zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche „Ich beispielsweise bin gerade auf dem Sprung zur Veysel Karani Moschee in der Hafenstraße“, ergänzt Abdullah Ergün. Der 18-jährige Gymnasiast des Rudi-Stephan-Gymnasiums kümmert sich um die Vereinsjugend. Das Spektrum reiche dabei von der Hausaufgabenbetreuung, über Ausflüge wie in den Wormser Tiergarten oder das gemeinsame Spielen, bis hin zur Unterweisung in religiösen Fragen – alles in allem eine gute Übung für den jungen Wormser, möchte er doch nach dem Abi im nächsten Jahr Lehrer werden.
„Bei uns werden die Kinder und Jugendlichen konkret eingebunden“, so Ergün. Da käme es schon mal vor, dass gespielt werde, statt sich um die Hausaufgaben zu kümmern. Doch sorge die familiäre Atmosphäre in der Gemeinschaft dafür, dass die Kinder entsprechend gefördert würden. Wobei auch die Vertrautheit und Offenheit untereinander der beste Schutz davor sei, dass „jemand aus der Reihe tanzt“ – und schon gar nicht im religiösen Sinne. „Hier kann sich keiner radikalisieren!“, macht Aydin Geçgel unmissverständlich klar.
In der Mitte der Gesellschaft Geçgel selbst ist in der Neuhauser Grenzstraße aufgewachsen und hat einen katholischen Kindergarten besucht. Nach abgeschlossenen Ausbildungen zum KFZ-Mechaniker und IT-Systemelektroniker hat der verheiratete Vater von vier Kindern den väterlichen Großhandel mit Restposten übernommen.
Nicht erst durch die dramatischen Ereignisse in Paris und die Ängste, Diskussionen und Pegida-Demonstrationen wegen einer vermeintlichen Islamisierung des Abendlandes sieht Geçgel dringenden Gesprächsbedarf mit einer wenig- oder uninteressierten Öffentlichkeit. Auch konkret islamkritischen Stimmen würde Geçgel gerne mit Offenheit und Informationen entgegentreten.
Er und seine Familie selbst sieht sich der Moslem „eher gestiegener Sympathie als Ablehnung gegenüber“. Obwohl seine Frau ein Kopftuch trägt, lese er in den Gesichtern seiner deutschen Mitbürger, dass diese genau wüssten, dass es sich hier um eine „ganz normale Familie in der Mitte unserer Gesellschaft“ handelt. Allerdings sei er doch erschrocken, als die Tochter nach dem „Charlie Hebdo“-Attentat gefragt habe: „Papa, waren das wirklich Muslime?“.
Klare Absage an Radikalismus Was er seinem Kind geantwortet hat, sollte Geheimnis elterlicher Pädagogik bleiben. „Erwachsener“ Kritik antwortet Moslem Geçgel in Sinne des Generalsekretärs der IGMG, Mustafa Yenero Mustafa Yeneroglu, dass solche Gewalttaten, egal von wem sie ausgehen und gegen wen sie sich richten, den gesellschaftlichen Frieden zerstören. Man müsse geschlossen auf diese schockierende Tat reagieren und solche grausamen Anschläge aufs Schärfste verurteilen.
„Unsere Werte sind auch die Werte Europas“, verdeutlicht er, „und dass die fünf Säulen des Islam mit Glaubensbekenntnis, rituellem Gebet, Armengabe, Fasten und Wallfahrt nach Mekka in keinster Weise hierzu im Gegensatz stünden“. Im Gegenteil, er selbst habe im Kindergarten beim Krippenspiel schon erfahren, wie verwandt der Islam doch mit dem Christentum sei. Denn Bethlehem spiele hier wie da eine außerordentlich wichtige Rolle.
Einladung an die Bevölkerung, sich direkt zu informieren Überhaupt sei es seiner Gemeinde wichtig, ins Gespräch mit anderen Religionen zu kommen, so Geçgel. So wie für Glaubensbrüder stünden auch Angehörigen aller anderen Religionen stets die Türen offen. Leider werde das Angebot nicht richtig angenommen, und auch beim „Tag der offenen Moschee“ sowie bei den gemeinsamen Fastenbrechen kämen nur wenige nicht-muslimische Gäste. „Dabei geben wir uns so viel Mühe mit ihren Spezialitäten, da biegen sich regelmäßig die Tische“, scherzt Geçgel.
Gemeinsam mit seinem Verband starte aber auch die Wormser IGMG in allernächster Zukunft neue Projekte, um Brücken zu den Religionen zu bauen, den interreligiösen Dialog zu fördern und die „Mehrheitsgesellschaft“ aufzuklären.
Gutes Miteinander mit der Politik Zur Politik pflege man schon seit Jahren enge Kontakte, erinnert Aydin Geçgel. Zu den verschiedenen politischen Parteien bestehe freundschaftliches Verhältnis. Mit den städtischen Beauftragten für Migration und Integration, Sabine Müller und Elisabeth Gransche arbeite man ebenso gut zusammen, in die Projekte der „Elternlotsen“ und „Mama spricht Deutsch“ sei man stark involviert.
Aydin Geçgel (vorne Mitte) im Kreise von Glaubensbrüdern nach dem Freitagsgebet. Aus aller Herren Länder kommen die Gläubigen, für die eine moslemische Gemeinde oftmals die erste Anlaufstelle in einem fremden Land ist. Hier wird auch wertvolle Hilfe bei Übersetzungen oder Behördengängen geboten. Man dürfe nie vergessen, dass selbst ein gebildeter Mensch hier zum „Analphabeten“ werden könne. Der Kenntnis der Sprache komme daher eine Schlüsselbedeutung zu. Foto: Robert Lehr