INTERVIEW: NK im Gespräch mit der ersten Wormser Bürgermeisterin Stephanie Lohr
„Ich bin glücklich, wenn wir gemeinsam Dinge schaffen“
„Meine Freunde sind ein ganz wichtiger Rückhalt für mich“, erklärt Stephanie Lohr im Interview mit dem NK.
Der Wormser Stadtrat hatte Stephanie Lohr am 7. Juli zur neuen Bürgermeisterin der Nibelungenstadt gewählt. Die ehemalige Landtagsabgeordnete setzte sich mit 44 zu 3 Stimmen in geheimer Wahl durch und wurde somit die erste Frau im Amt des ersten Beigeordneten für das Dezernat II.
Sie löste damit den bisherigen Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek ab, der aus Altersgründen nicht mehr zur Wahl gestanden hatte
Der Nibelungen Kurier hat mit der Politikerin gesprochen, welches waren die Höhepunkte in diesem, sich seinem Ende neigenden Jahr; was steht für das kommende Jahr auf der Agenda und welche guten Vorsätze hat die erste Wormser Bürgermeisterin für sich persönlich gefasst?
NK:Frau Lohr, ein ereignisreiches Jahr liegt hinter Ihnen – beruflich konnten Sie Ihr Ziel erreichen und einige Vorhaben realisieren. Wenn Sie jetzt kurz vor Jahresende auf 2021 zurückblicken, welche waren Ihre glücklichen/besonderen beruflichen Momente? S. Lohr: Die Vereidigung zur Bürgermeisterin war natürlich schon ein besonderer Moment für mich, da er einen neuen beruflichen Lebensabschnitt markiert hat. Die Coronapandemie hat auch mein Jahr privat wie beruflich geprägt. Mich macht es glücklich, wenn wir gemeinsam Dinge schaffen. In diesem Jahr hat mich besonders die große Solidarität und Hilfsbereitschaft der Blaulichtfamilie beim Betrieb der Teststelle im EWR-Kesselhaus oder auch für die Betroffenen der Flutkatastrophe gefreut. Dieser Zusammenhalt und das gemeinsam Anpacken gibt mir unheimlich viel Kraft und Motivation.
NK:Gibt es Dinge, die Sie nicht verwirklicht sehen? Wo besteht Ihrer Meinung nach noch verstärkter Handlungsbedarf? S. Lohr: Ich wünsche mir, dass wir bei der Bekämpfung der Pandemie besser „vor die Lage“ kommen und nicht mehr hinterherlaufen. Wir müssen leider akzeptieren, dass Corona uns auch noch weitere Jahre beschäftigen wird. Aus diesem Grund müssen wir vorausschauender planen. Es macht mich betroffen und traurig, dass während der Pandemie auf die Belange der Kinder so wenig geachtet wird.
Ob das Schule, Sport oder das Vereinsleben sind, wir müssen hier mehr für unsere Kinder sorgen und uns darum kümmern, dass Kinder sich entwickeln können und Corona nicht die Biographien unserer Kinder dauerhaft belasten wird.
NK:Wie ist Ihr bisheriger Eindruck als erste Frau an der Stadtspitze? Spielt das Thema „Geschlecht“ heutzutage noch eine Rolle im Rathaus? S. Lohr: Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass mein Geschlecht eine Rolle spielt. Ich erfahre viel Offenheit und Wohlwollen von allen Kolleginnen und Kollegen.
NK: Welche Themen stehen für Sie auf der Agenda der Stadt Worms im Jahr 2022 - wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf? S. Lohr: In meinem Dezernat werden wir insbesondere einen Fokus auf die Innenstadtentwicklung setzen.
Dank des großartigen Einsatzes unseres Stadtentwicklungsmanagers sowie der Projektgruppe aus Beteiligten des Stadtmarketings, der IHK, der Hochschule, der Verwaltung und Unternehmern haben wir nun die Chance, eine Förderung in Höhe von 2,3 Mio. Euro zu bekommen, um unsere Innenstadt fit für die Zukunft zu machen. Wir möchten mit Hochdruck daran arbeiten, dass aus dem Geld sichtbare Erfolge werden.
Aber es stehen auch noch viele weitere Projekte auf unserem Plan. Wir werden mit unserem Bürgerservice neue Räume im ehemaligen Kaufhof beziehen und unser Serviceangebot weiter modernisieren.
Unter der Federführung unserer Gleichstellungsstelle möchten wir an der Umsetzung der Istanbul-Konvention arbeiten, um Frauen und Mädchen besser gegen jede Form der Gewalt, namentlich auch häuslicher Gewalt zu schützen. Auch im Klimaschutz wollen wir vorankommen.
Hier stehen zum Beispiel die Umsetzung und Weiterentwicklung des Hitzeaktionsplans auf der Agenda.
Beim Thema Wasserstoff wollen wir ein Zeichen setzen und gemeinsam mit der EWR AG und weiteren Wormser Akteuren, bspw. aus der Logistik oder unserem Entsorgungs- und Baubetrieb (ebwo AÖR) ausloten, wie wir in Worms Wasserstoff einsetzen können, um CO2 einzusparen.
NK:Wenn man über den Tellerrand hinausblickt – was wünschen Sie sich auf Landesebene und/oder Bundesebene seitens der Politik? S. Lohr: Auf der Landesebene wünsche ich mir in erster Linie von unserer Landesregierung, dass sie bei der Entschuldung der Kommunen endlich Worten Taten folgen lässt. Von der Bundesregierung erwarte ich, dass Bürokratie abgebaut wird. Wir brauchen in der Verwaltung die zeitlichen Ressourcen und Geld, damit wir unsere Vorhaben in Worms umsetzen können.
NK:Wie hat Ihre Familie Sie in Ihrem Vorhaben Bürgermeisterin von Worms zu werden unterstützt? Gab es auch Bedenken von Menschen, die Ihnen nahestehen? S. Lohr: Ich bin sehr dankbar für meine Familie. Meine Eltern haben mich darin bestärkt, ambitioniert zu sein und die Dinge selbst anzupacken und nicht darauf zu hoffen, dass sich die Probleme von selbst lösen. Meine Freunde sind ein ganz wichtiger Rückhalt für mich. Sie bauen mich auf, wenn es mal nicht so läuft und erinnern mich daran, dass es im Leben auch noch etwas anderes als Arbeit gibt.
NK:Gibt es für Sie neben Ihren politischen Erfolgen, Ereignisse, die Sie 2021 besonders erfreut haben? S. Lohr: Da gibt es zum Glück ganz viele Dinge, über die ich mich gefreut habe. Allerdings sind das eher Kleinigkeiten, wie bspw. das Backfischfest oder die Abenheimer Kerwe oder auch der erste Schultag meiner Patenkinder. Ich bin sehr dankbar und demütig dafür, dass in meinem engen persönlichen Umfeld alle gesund sind und ihr Leben leben können.
NK: … oder auch traurig gestimmt haben? S. Lohr: Traurig stimmt mich, dass sich unsere Gesellschaft in dieser Pandemie so spaltet. Mich macht es traurig, wenn ich sehe, dass Menschen bedroht und angegriffen werden, weil sie die Risiken der Pandemie aussprechen und den Mut haben, auch die unbequemen Entscheidungen zu treffen.
NK:Wer ist für Sie die Person des Jahres 2021 und warum? S. Lohr: Für mich gibt es in diesem Jahr nicht die eine Person – für mich sind es in diesem Jahr alle Menschen, die auch noch in der 4. Coronawelle die Kraft aufbringen und jeden Tag ihr Bestes geben, dass wir diese Pandemie überwinden.
Das sind an erster Stelle die Frauen und Männer in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen, Kitas oder auch in den Behörden, denen wir seit Monaten so viel abverlangen. Hinzukommen die Ehrenamtlichen, die sich im Kampf gegen die Pandemie eingesetzt haben und die dennoch keinen Moment gezögert haben, als ihre Hilfe im Flutgebiet gebraucht wurde.
NK:Was wünschen Sie sich für das Jahr 2022? S. Lohr: Das wir als Gesellschaft menschlich wie auch sozial wieder enger zusammenrücken und wir ein Mittel gegen Corona finden.
NK:Und was haben Sie sich persönlich fest vorgenommen? S. Lohr: Niemals aufzugeben, weniger Schokolade zu essen und mehr Sport zu machen.