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  • So., 04. Oktober 2020, 22:02 Uhr
    HAUS AM DOM: Austausch von 40 interessierten Wormsern und Fachleuten wirft auch Fragen auf / Neues Netzwerk im Aufbau

    Integrationsgeschichten, die nachdenklich machen

    Mehr Teilnehmer dürfen coronabedingt zur Zeit nicht in den Burchardsaal im Haus am Dom. So musste Hans Himmel, Beauftragter und Koordinator der Flüchtlingshilfe der Dom- und St. Martinsgemeinde, etlichen Interessierten absagen, die sich auch für diese Veranstaltung anmelden wollten. Die Veranstaltung soll die erste von noch weiteren Veranstaltungen sein, um zum besseren Verständnis und zur Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen, Verbände, Gemeinden, Organisationen beizutragen. So soll ein neues Netzwerk entstehen, das sich im Besonderen um die Integration der geflüchteten Menschen in Worms kümmert. Hans Himmel konnte an diesem Abend die geladen Fachleute begrüßen: Marianne van der Beek vom Diakonischen Werk, Markus Holzmann vom Jobcenter Worms, Jan Reifenberger von der IHK, Katja Meyer-Höra von der VHS Worms, sowie die beiden Integrationsbeauftragen der Stadt Worms, Sabine Müller und Veronik Heimkreitner.

    Schwerpunkt der Geschichten dieses Abends war die berufliche Integration und das Erlernen der deutschen Sprache als wichtige Elemente der Integration in eine westliche Leistungsgesellschaft. Bei den noch folgenden Veranstaltungen sollen dann die Themen: Kinderbetreuung, Gleichberechtigung, Ausbildung und Studium und Gesetze zur Integration behandelt werden. Zum Beginn der Integrationsgeschichten las Hadwig Gote, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe Dom und St. Martin, die Geschichte einer jungen Frau, deren Name und Identität unerwähnt bleiben muss, da sie nach über fünf Jahren immer noch mit der Angst leben muss, von ihrer Familie bestraft und ihr Ehemann aufgrund des dort immer noch herrschenden Gewohnheitsrechts, umgebracht werden würde. Der Familienclan hat in diesem Land großen politischen Einfluss und ist auch international „im Geschäft“. Diese „bildreiche“ Geschichte zeigte die Not und Verzweiflung einer jungen Frau auf, die viele Flüchtlinge haben, die kurz vor der Abschiebung stehen. Die junge Frau lebt heute mit ihrem Mann und der vierjährigen Tochter dank der Hilfe ehrenamtlicher Helfer und dem Eingreifen der Härtefallkommission, gut integriert in der Stadt. Sie gehen einer geregelten Arbeit nach und die Tochter geht in den Kindergarten.

    In der Geschichte von Ahmad Sheikh Bouzan, er ist 36 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder, er kommt aus Syrien, wurde deutlich, dass es trotz eines guten Berufsabschlusses (Studium der Bankwirtschaft), nicht einfach ist, eine angemessene Arbeitsstelle zu finden. Selbst die Bewerbungen um einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz waren bis jetzt erfolglos. In den Beiträgen der Experten und in der Diskussion im Publikum kam zum Ausdruck, dass das Sprachniveau B2 nach dem Europäischen Referenzrahmen, oft nicht ausreicht, um in höherqualifizierten Berufen einen Arbeitsplatz zu finden. Jan Reifenberger informierte in diesem Zusammenhang über eine modulare Aus- und Weiterbildung, um die fehlenden Qualifikationen nachzuholen.

    Dalal Ramadan erzählte dann die dritte Geschichte. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie kommt aus der Stadt Hasaka im syrischen Kurdengebiet. Dalal Ramadan besucht die Fachschule für Sozialpädagogik in der Karl-Hofmann-Schule und möchte Erzieherin werden. Bereits in ihrer Heimat war Dalal Ramadan pädagogisch tätig. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften war sie als Englisch-, Arabisch- und Mathematiklehrerin an einer Grundschule in Hasaka aktiv. In Erbil im Irak, einer Station auf der Flucht ihrer Familie, war sie im Flüchtlingslager als Lehrerin bei „UNHCR-Save the children International“ beschäftigt. In der Wormser Fachschule hat sie große Schwierigkeiten dem Unterricht zu folgen, weil auch hier die sprachlichen Kenntnisse mit Niveau B2 nicht ausreichen. Hinzu kommt, dass sie, wie auch ihre „geflüchteten Mitschülerinnen“ in den Gruppenarbeiten von den „einheimischen Mitschülerinnen“ gemieden wird.

    Auch Versagen der Schulleitung und des Lehrkörpers

    Dies wurde von den anwesenden Teilnehmern der Veranstaltung nicht nur als ein schlechtes Sozialverhalten von zukünftigen Erzieherinnen gesehen, sondern auch als Versagen der Schulleitung und des Lehrkörpers. Viele fragten sich auch, warum die ausländischen Schülerinnen in der Richtung beraten wurden, die zweijährige Fachschule zur Erzieherin zu besuchen ohne die Ausbildung zuvor zur Sozialassistentin abzuschließen. Hier liegt eine mangelhafte Beratung von Seiten der Schule vor.

    Kopfschütteln und Unverständnis über das Vorhaben das Ausländeramtes

    Muneeb Akram, genannt Sahil, und bekannt in der Innenstadt als Barber Sahil, war der Letzte an diesem Abend, der seine Geschichte erzählte. Er wohnt seit über sieben Jahren in Worms, kommt aus Pakistan und hat hervorragende Integrationsleistungen vorzuweisen. Die Deutsch- und Integrationskurse bis zum Niveau B1 hat er selbst finanziert. Seine Ausbildung zum Friseur in Pakistan konnte er beruflich umsetzen, so dass er heute als Herrenfriseurmeister, bei der IHK Mainz anerkannt, seinen Beruf ausüben kann. Er führt das Friseurgeschäft „Barber Sahil“ und beschäftigt drei weitere Männer in Teilzeit. Doch trotz der herausragenden Integrationsleistungen wurde sein Antrag auf Aufenthaltserlaubnis von der Ausländerbehörde der Stadt Worms abgelehnt und vor kurzem wurde ihm sogar angedroht, dass die Behörde ihm die Arbeitserlaubnis entziehen möchte. Kopfschütteln und Unverständnis über das Vorhaben das Ausländeramtes war die Reaktion der Versammlung. Ihm wird vorgehalten bei der Feststellung der Identität nicht mitzuwirken. Die Behörde möchte einen Reisepass, um seine Identität feststellen zu können. Jeder Flüchtling, der aus ein angeblich „sichern Herkunftsland“ kommt, weiß, dass damit das Abschieberisiko besonders steigt. Mann muss sich dabei aber immer wieder fragen, warum andere amtliche Dokumente nicht ausreichen. Dies liegt im Ermessen der jeweiligen Behörde. Dass an diesem Abend die Ausländerbehörde und das Sozialamt nicht anwesend waren, lag daran, dass beide zuständigen Dezernenten es nicht für nötig gehalten haben.

    „Lotsenhaus“ von Verantwortlichen abgelehnt

    Hans Himmel hatte in der Vorbereitung der Veranstaltung mit Beiden telefonisch gesprochen. In anderen Städten und Landkreisen des Landes Rheinland-Pfalz gibt es Projekte mit Integrationslotsen und im Landkreis Koblenz-Mayen sogar ein Lotsenhaus, wie Jan Reifenberger von der Industrie- und Handelskammer anmerkte. In diesen Projekten arbeiten alle zusammen, die mit der Integration der Flüchtlinge zu tun haben. Solch ein Projekt stand vor Jahren auch in Worms zur Diskussion, informierte Markus Holzmann, leider wurde dies von den politisch Verantwortlichen in der Stadt abgelehnt. Hans Himmel forderte alle Anwesenden auf in der Integrationsarbeit nicht nachzulassen. Er sieht mit dieser Veranstaltung einen Neuanfang in der Hoffnung, dass auch die kommunalpolitisch Verantwortlichen sich neu orientieren und verstärkt die Zusammenarbeit mit den andern Einrichtungen suchen. In den anschließenden Gesprächen in kleinen Kreisen wurde dann auch angeregt, die kommunalpolitisch aktiven Parteien zu solchen Veranstaltungen einzuladen.

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