Aktion gegen Langzeitarbeitslosigkeit am 30. August auf dem Ludwigsplatz
Jeder braucht es, gebraucht zu werden
Patricia Mangelsdorff
Ca. 3.700 Menschen sind in Worms arbeitslos, etwa 1.300 von ihnen länger als ein Jahr. Claus Scherer, Geschäftsführer des Job-Centers, findet das „eine gewaltige Zahl.“ Dahinter verstecken sich zahllose Einzelschicksale. Menschen werden buchstäblich unsichtbar, fallen aus dem Leben unserer Gesellschaft immer mehr heraus und vereinsamen.
Unter dem Motto „Stell mich an, nicht ab!“ hat deshalb am 30. August ein Aktionstag auf dem Wormser Ludwigsplatz darauf aufmerksam gemacht. Die Veranstalter - Caritasverband Worms, Diakonisches Werk Worms-Alzey, Diözesanstelle für Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorge des Bistums Mainz und Christliches Jugenddorfwerk (CJD) fordern eine aktive Arbeitsmarktpolitik sowie den Erhalt und Aufbau eines sozialen Arbeitsmarktes.
Auf dem Ludwigsplatz verteilen langzeitarbeitslose Männer und Frauen Flyer, drehen das Glücksrad und schenken Getränke aus. Seit mindestens einem Jahr gibt es auf dem 'ersten' Arbeitsmarkt keinen Platz mehr für sie. Vorübergehend haben sie Arbeit auf dem 'zweiten', dem sozialen Arbeitsmarkt: im MSC, dem Markt und Service Center des Caritasverbandes, einem Sozialkaufhaus für Möbel und Haushaltswaren.
Heute sind bereit, mit Passanten, Journalisten und Politikern über ihre Erfahrungen zu sprechen. Herr W., Frau A., Frau K. und all die anderen mussten dafür Mut fassen, denn es ist eine beschämende Erfahrung, den Arbeitsplatz zu verlieren, trotz vieler Bewerbungen immer wieder abgelehnt zu werden und bei Ämtern um Geld zu bitten. Heute wollen sie sich trauen, darüber zu reden.
Politiker nehmen sich Zeit für Gespräche
Tatsächlich kommt der ein oder andere Journalist auf sie zu. Und auch MdL Adolf Kessel und Bundestagskandidat Jan Metzler, CDU, nehmen sich nach ihren Statements auf dem Podium Zeit für Gespräche – etwa mit Frau Amos, Mutter von fünf Kindern, die jahrelang als Leiharbeiterin bei einem großen Logistikunternehmen arbeitete und trotz Vollzeit- und Schichtarbeit nie mehr als 800 bis 900 Euro netto nach Hause brachte. Bei den Wormserinnen und Wormsern insgesamt bleibt jedoch das Interesse sehr gering. “Die Leute sehen uns nicht.”
Karin Blüm, ehrenamtliche Mitarbeiterin des CV Worms: „Die Politikverdrossenheit der Leute ist groß. Sie wollen einfach nichts mehr hören.“ Frau K. ergänzt: „Ich gebe den Leuten immer zuerst einen Flyer vom Kaufhaus und lege dann Informationen zur Arbeitslosigkeit dazu. Dann gibt es wenigstens eine kleine Chance, dass sie das lesen.“ Und für Herrn W. ist die zentrale Erfahrung: “Die Leute sehen uns nicht.”
Herr W., 54, ist seit Anfang März diesen Jahres beim MSC. Arbeitslos ist er seit über 10 Jahren. Als damals große technische Veränderungen kamen, verließ sich sein Arbeitgeber lieber auf junge Mitarbeiter und entließ den Programmierer. Seit 2002 kennt er nur Aushilfsjobs und Maßnahmen des Jobcenters; inzwischen hat ihn auch noch eine schwere Erkrankung erwischt. “Die Arbeit im Sozialkaufhaus ist das beste, was mir seit damals passiert ist.” Im Gegensatz zu den vielen Maßnahmen, an denen er teilgenommen hat, hat er hier sinnvolle Aufgaben: “Hier mache ich richtige Arbeit.”
Die Veranstalter dieses Tages sind überzeugt, dass wir auch weiterhin einen sozialen Arbeitsmarkt brauchen, damit arbeitslose Menschen am Leben unserer Gesellschaft teilhaben können. Ohne Erwerbsarbeit ist das kaum möglich.
Arbeitslose nicht ausgrenzen
Auch die wahlkämpfenden Vertreter der beiden großen Parteien sind sich bei ihren Interviews auf dem Podium im Prinzip einig: Arbeitslose Menschen dürften nicht dauerhaft ausgegrenzt werden, es gäbe genug sinnvolles Aufgaben und es sei besser, Arbeit zu finanzieren als Arbeitslosigkeit. Beim 'Wie' zeigten sie sich allerdings unterschiedlich konkret.
Klaus Hagemann und Marcus Held, SPD, kritisieren vehement die mehr als 50%-ige Kürzung bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik: Allein für das Jobcenter Alzey-Worms eine Kürzung von 4 auf unter 2 Mio. Euro. Zumindest große Betriebe, so finden sie auch, sollten gesetzlich verpflichtet werden, Langzeitarbeitslose einzustellen.
Auch Adolf Kessel und Jan Metzler, CDU, betonen, dass es ihnen um die Menschen und deren gesellschaftliche Teilhabe gehe. Und da wir mit einer bleibenden Sockelarbeitslosigkeit rechnen müssten, erfordere das politische Maßnahmen. Kombilohnmodell, Bundesfreiwilligendienst, Konkurrenz zwischen erstem und zweitem Arbeitsmarkt – das alles wolle man intensiv diskutieren.
Für Claus Scherer, Geschäftsführer des Job-Centers für Arbeitsmarktintegration und Kerstin Adjalian, Vertreterin der ARGE Alzey-Worms, liegt völlig klar auf der Hand, dass Arbeitslosigkeit existentielle Not und gesellschaftliche Ausgrenzung bedeutet. Scherer: “Es muss jedem klar sein, dass wir einen zweiten Arbeitsmarkt brauchen.”
Herr W., Frau A. und alle anderen Mitarbeiter des MSC wissen, dass ihre Förderung für die Arbeit beim MSC bald auslaufen wird. Halt, Bestätigung, Kontakt zu Kunden und Kollegen, Lern- und Erfolgserlebnisse – wo werden sie all das danach finden? Werden sie in absehbarer Zeit noch einmal die Chance bekommen, gebraucht zu werden und eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen?