
Von Vera Beiersdörfer Dezenter Gegenwind, Vogelgezwitscher im Ohr und ein atemberaubender Blick in 50 Meter Tiefe – ein wenig mulmig wird einem zunächst schon, wenn man sich auf dem virtuellen Holzbalken zwischen den Türmen des Ostchores des Wormser Domes umschaut. Anlässlich der Tausendjahr-Feier stellt das Virtual Reality-Projekt "Balancieren zwischen den Dom-Türmen" einen herausragenden Programmpunkt dar, der heute Morgen anwesenden Pressevertretern im Dom vorgestellt wurde.
Einmaliger Blick
Die Dom-Türme prägen das Stadtbild wie kein anderes Bauwerk und sind eng im Bewusstsein der Bürger verankert. Dieser besondere Ort wird zu seinem 1000-jährigen Jubiläum nun mittels VR-Technologie nicht nur barrierefrei zugänglich, sondern auch aus der Vogelperspektive erlebbar.
Bereits mit Beginn des Rheinland-Pfalz-Tages am Freitag, dem 1. Juni, können sich die Besucher hoch hinaus wagen und auch bei der anschließenden Festwoche "1000 Jahre Dom zu Worms", vom 4. bis 10. Juni, bietet die katholische Kirche neben dem umfangreichen Programm, Neugierigen die Möglichkeit, sich mittels neuester Technologie völlig frei zwischen den Türmen des Ostchores zu bewegen und dabei die einmalige Aussicht auf die Nibelungenstadt sowie auf sonst verborgene Dimensionen des Domes zu genießen.
Erfahrung, die lebendig macht
Jede Kopf- und Körperbewegung wird durch die VR-Brille übertragen, die realistische Geräuschkulisse auf dem Kopfhörer sowie der durch einen Ventilator entgegenwehende Wind, vermitteln einen solch lebensechten Eindruck, dass es so manchem Tester gar schwindelig wurde. "Ich habe es selbst versucht und obwohl mir bewusst war, dass es eigentlich nicht echt ist und ich in Sicherheit bin, haben mich meine Sinne davor gewarnt, neben den virtuellen Holzbalken zu treten", beschreibt Dompropst Tobias Schäfer seine Erfahrung mit dem außergewöhnlichen Hochseilakt.
Dr. Karin Rüttgers, Therapeutin aus Wesel, die sich auf die Therapie von Angst- und Panikattacken spezialisiert hat, erläutert diese Empfindung als absolut typisch. Die meisten Menschen trügen die Urangst vor der Höhe in sich. Die Überwindung dieses angeborenen Schutzreflexes beflügele und werde als Ereignis, das lebendig macht beschrieben. "Im Rahmen der Therapie kann die VR-Technik im Prinzip mit einbezogen werden, um Patienten beim Besiegen ihrer Ängste zu helfen.
Multimediale Innovation
Seit mehreren Jahren arbeiten das Bistum Mainz und das Institut für Neue Medien Frankfurt zusammen und konnten bereits einige VR-Projekte gemeinsam verwirklichen. "Anlässlich der Festwoche des Wormser Domes, wollten wir etwas multimedial absolut Innovatives auf die Beine stellen", erklärt der Leiter des VR-Projektes Torsten Hemke.
"Mittels Photogammetrie wurde aus Fotografien und genauen Messbildern des Domes seine räumliche Lage sowie seine dreidimensionale Form genau bestimmt. Anders als bei Computeranimationen nimmt der VR-Brillen-Träger echte Schatten und Lichtverhältnisse wahr, was ihm noch stärker den Eindruck vermittelt, wirklich in luftiger Höhe zu balancieren" erläutert Dr. Michael Klein, Leiter des Institutes für Neue Medien Frankfurt.
Drohnenpilot Remigius Wloczkowski hatte etwa ein halbes Jahr lang (abhängig von Wetter und Licht) Aufnahmen gemacht, die dann in das Programm übertragen wurden.
Ordinariatsrat Thomas Klumb betont, dass es auf beeindruckende Weise gelungen sei, den Besuchern während der Festwoche zur Tausendjahr-Feier ein "niedrigschwelliges Angebot in 50 Metern Höhe" zu bieten.
Aufgeschlossene Kirche
"Wir sind alle keine Profis im Feiern von 1000-jährigen Jubiläen", schmunzelt Propst Tobias Schäfer, der angesichts des umfangreichen Programmes ein großes Lob an alle beteiligten Akteure ausspricht: "Getreu unserem Jubiläumsmotto ist es gelungen, uns in den kommenden Tagen als eine aufgeschlossene Kirche zu präsentieren", freut sich Schäfer auf die bevorstehenden Feierlichkeiten. Das ausführliche Programm finden Interessierte unter www.wormser-dom.de
Beitrag aus der Rubrik