Spannende Diskussionsveranstaltung über die Notwendigkeit von Zuwanderung, Willkommenskultur und den Stand der Integration in Worms
Kampf um die Köpfe
Elisabeth Gransche und Dr. Burak Copur. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch. Die Zukunft hat längst begonnen. Und dies auch in der Nibelungenstadt. Ob es nun einige Zeitgenossen wahrhaben wollen oder nicht, aber der demographische Wandel hat auch die Region fest im Griff und Worms ist eine Einwanderungsstadt. Sicher, manch ein Zeitgenosse steckt den Kopf lieber in den Sand und glaubt, dass die „Gastarbeiter“ bald wieder gehen.
Doch mit der Realität hat dies nur wenig zu tun. Es geht längst nicht mehr darum, ob wir Zuwanderung haben, sondern wie man das Miteinander von deutscher Mehrheitsgesellschaft und Migranten gestaltet. Aus diesem Grund hatten die beiden Integrationsbeauftragten der Stadt Worms, Elisabeth Gransche und Sabine Müller den Integrationsforscher der Universität Duisburg-Essen, Dr. Burak Copur, am Freitagabend zu einer Diskussionsveranstaltung ins Wormser Rathaus eingeladen. Rund 40 interessierte Bürger waren der Einladung gefolgt.
33 Prozent Migranten
Alleine Blick auf die Zahlen macht deutlich, wie notwendig eine Vertiefung der Integration ist. So leben in Deutschland rund 16 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund, was rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Viele davon besitzen übrigens bereits die deutsche Staatsbürgerschaft. In Worms haben rund 33 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, was bedeutet, sie sind Ausländer oder ihre Eltern sind nach 1949 hierher eingewandert. In der Wormser Kernstadt sind schon fast 50 Prozent der Menschen Migranten und auf manchen Schulen haben beinahe 70 Prozent Schüler ihre Wurzeln bzw. die der Eltern im Ausland. Etwa 70 Prozent der Zuwanderer kommen aus Europa.
Demographischer Wandel
Unsere Gesellschaft wird immer älter, da die Geburtenrate dramatisch sinkt, denn deutsche Familien bzw. Frauen kriegen immer weniger Kinder. Nun kann man natürlich sagen, wenn es weniger Deutsche gibt, ist dies nicht schlimm, andere Länder wie etwa Kanada sind auch dünner besiedelt, ohne dass die Menschen unglücklich sind. Zu bedenken ist hierbei nur, dass In Deutschland die gleichmäßige Verteilung über die Generationen fehlt, was bedeutet, es gibt jetzt schon viele Ältere und Alte und wenige Junge. Was zur Konsequenz hat, es fehlen Steuer- und Beitragszahler für Renten- und Sozialkassen. Und bald gehen die „Babyboomer“ in den Ruhestand. Will man also den Wohlstand erhalten, ist man auf eine Zuwanderung angewiesen. Um die Bevölkerung konstant zu halten wären rund 400.000 Einwanderer im Jahr notwendig, realistisch kann man wohl aber von 100.000 bis 200.000 ausgehen. Und damit diese Zuwanderung gelingen kann, muss sie gesteuert und positiv begleitet werden.
Andere Länder vergreisen übrigens nicht so rasch wie Deutschland. So hatten Frankreich 1989 rund 58 Millionen Einwohner und heute sind es 66 Millionen. Ähnlich in Großbritannien. Dort waren es 1980 etwa 56 Millionen Einwohner, heute hat das Vereinigte Königreich 64 Millionen Einwohner, Bis zum Jahr 2050 werden beide Länder mehr Einwohner zählen wie Deutschland.
Dr. Burak Copur
Der Integrationsforscher begann seinen Vortrag mit der Analyse über den Stand der Zuwanderung. So führte er aus, dass zwar ab den 1950er Jahren „Gastarbeiter“ nach Deutschland gekommen seien, aber lange keine aktive Politik stattgefunden habe, um die Menschen in unsere Gesellschaft einzubinden. Dies sei mehr oder weniger dem Zufall überlassen worden. Erst im Jahr 2000 mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrecht sei dies erfolgt. Weitere wichtige Schritte seien das Zuwanderungsgesetz im Jahr 2005 und die Abschaffung der Optionspflicht (Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft) im Jahr 2014 gewesen. Es habe lange gedauert, bis ein Perspektivwechsel bei Politik und Bevölkerung erfolgt sei, der Einwanderung nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance sieht. So habe etwa der Fachkräftemangel zu einem Umdenken geführt. Nun würde die Integration aktiv, etwa mit Sprachförderung, betrieben.
Deutschland wie auch Worms müsse den Zuwanderer zeigen, dass sie willkommen seien, denn nur dann würden sie kommen. Und davon, dass sie kommen, hänge die Zukunftsfähigkeit ab. Längst sei erkannt, dass es weltweit darum gehe, „kluge und Köpfe“ in die Städte und Länder zu holen, um Wirtschaftswachstum zu haben und Innovationen zu fördern.
Integration könne man aber nicht verordnen, sondern dies müssten die Menschen empfinden. Hier könne man etwa von Kanada oder Australien lernen, die Zuwanderer als Entwicklungsmotor ihrer Gesellschaften sehen.
Wobei Dr. Burak Copur auch klar machte, dass für alle Bewohner Deutschland das Grundgesetz als Basis gelte, an das sie sich alle zu halten haben.
Die Integration befinde es sich auf einem guten Weg, aber wir würden noch „mittendrin stecken“ und der Erfolg könne durch Ausländerfeindlichkeit, Islamphobie und Antisemitismus gefährdet werden.
Wichtig für Worms sei, dass Oberbürgermeister Michael Kissel die Schaffung einer Willkommenskultur zur Chefsache und zum zentralen Themangemacht habe.
Mahnungen
Abschließend äußert sich die Integrationsbeauftrgate Elisabeth Gransche, auch sie betonte, wie wichtig es sei, die Zuwanderer als Bereicherung zu begreifen und Dinge wie Sprachförderung und Willkommenkultur auszubauen. Gleichzeitig berichtete sie aber aus ihrer Erfahrung in Worms, wie schwer es sei, mit manchen Zuwanderergruppen ins Gespräch zu kommen. Hier nannte sie etwa Teile der türkischen Migranten. Auch warnte sie davor, Problem nicht offen anzusprechen, sondern sie unter den Teppich zu kehren. Gerade sogenannte „Gutmenschen“ würden dazu neigen, manche Missstände oder Fehlentwicklungen mit dem Hinweis auf den Migrationshintergrund zu entschuldigen, dies könne nicht funktionieren.