WORMS: Ausstellung MYTHOS WORMS eröffnet / Künstler Eichfelder: „Worms sollte viel selbstbewusster sein!“
Karls- und Barbarossastadt
Konzeptkünstler Eichfelder widmet der Karls- und Barbarossastadt Worms eine Ausstellung, deren Vernissage unter anderem auch von Bürgermeisterin Stephanie Lohr besucht worden ist. Foto: Rudolf Uhrig
Von Rudolf Uhrig › Ist es nur eine Metapher, wenn Eichfelder seinen Doppelthron in seiner Ansprache „Janus-Thron“ nennt? Denn Janus, einer der ältesten römischen Götter, wird mit zwei miteinander am Hinterhaupt verwachsenen Köpfen dargestellt. So blickt er als stets Gegenwärtiger aus der Mitte seiner Ich-Kraft zugleich in die Vergangenheit und in die Zukunft, zurück zum Ursprung und voraus auf die – mögliche – Vollendung. Nur eine Metapher Eichfelders?
Auch Dr. Olaf Mückain, Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Leiter der Museen der Stadt Worms, bezieht sich in seiner Laudatio auf die Janus-Darstellung, die Rücken an Rücken unsichtbar zwei mächtige Kaiser symbolisiert, wie eben in der monarchistischen Tradition Amtsvorgänger und -nachfolger sich gegenseitig aufeinander stützen und dabei das System, das sie trägt, festigen. Und in der Tat, es geht um zwei mächtige Kaiser: nämlich Karl der Große (748-814) und Friedrich I., Barbarossa (1122-1190), deren Wirken allerdings 400 Jahre auseinanderliegt.
Zu den Sonderausstellungen, die noch bis zum 1. November im Andreasstift, aber auch im Nibelungenmuseum zu sehen sind, begrüßte Bürgermeisterin Stephanie Lohr die große Gästeschar im vom Kreuzgang begrenzten Innenhof des Andreasstifts. Just als Pre-Opening zur Kulturnacht, wo an gleicher Stelle eine Weile später die Wormser Barockbläser ein Ständchen geben. Lohr verweist natürlich auf die Nibelungen und auf Luther, die man mit einem Atemzug mit Worms nennt. Durch SchUM trat auch das große jüdische Erbe mehr in den Fokus.
Kaiserstadt Worms
Mit „Mythos Worms“ fördert Eichfelder eigentlich bekanntes aus der Geschichte, genauer aus der Wormser Geschichte zutage. Und damit fügt er Worms weitere Attribute hinzu. „Worms sollte viel selbstbewusster sein, denn es ist vielen nicht bekannt, was hier los war“, so Eichfelder.
Es geht ihm eben darum, dass Worms eigentlich auch Kaiserstadt war. Denn tatsächlich hat Karl der Große während der ersten Hälfte seiner Herrschaft vornehmlich aus Worms regiert. Auf dem Höhepunkt seiner Macht erstreckte sich Karls Reich von der Nordsee bis nach Mittelitalien und von den Pyrenäen bis ins heutige Ungarn. Er war der mächtigste Mann in Europa.
Barbarossa regierte überwiegend von Worms aus
Eichfelder rückt auch Barbarossa in das Wormser Bewusstsein. Nicht nur, weil sein Konterfei das Nordportal des Domes ziert. Sondern auch, weil Friedrich I. am meisten von Worms aus regierte und die meisten Hoftage in Worms abhielt.
Worms ist also auch Karls- und Barbarossastadt und somit der Thron nicht nur Symbol. Aber jenem Signum gewinnt der Künstler auch Ironisches und Partizipatives ab … „Betreten auf eigene Gefahr“ bringt Eichfelder an den Stufen zum Thron an. Mückain greift das spielerische Momentum auf, als er meint: „Diese Warnung gilt nicht nur für Senioren, Kleinkinder oder Unachtsame jedweden Alters. Auch und gerade Thronanwärter seien gewarnt, dass man beim Erklimmen der Stufen des Erfolgs nur allzu leicht ins Straucheln gerät oder von anderen rasch gestürzt werden kann.“
Eichfelder wirkt in Worms schon viele Jahrzehnte als Konzeptkünstler. So schuf er mit „Siegfrieds Grab“ auf dem Torturmplatz und „Kriemhilds Rosengarten“ am Rheinufer Kunstwerke im öffentlichen Raum. Und der Thron, die Sandsteinplastik, soll folgen. Seinem Wunsch zufolge wäre der künftige Standort der Weckerlingplatz als Achse zu Dom und Andreasstift. Fotos der „Thronbesteiger“ sind da als „Janus-Thron“ konzipiert, zu beiden Seiten möglich. Mückain sieht dann eine weitere partizipatorische Lücke geschlossen. Ähnlich der übergroßen Lutherschuhe im Heylshofpark, einem Werk von Constanze und Norbert Illig.
Ein Meter gleicht einem Jahrhundert
Aber Eichfelder verfolgt in „Mythos Worms“ weit mehr, auf einer über 100 Quadratmetern großen illuminierten Wandinstallation dokumentiert er 3000 Jahre Wormser Geschichte; ein Meter gleich ein Jahrhundert!: Worms von seinem Ursprung bis zur jüngsten Gegenwart. Er nennt dieses Werk „Borbetografie“. Mückain sagt: „Nur ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer Schritt in der Geschichte“!
Zunächst sieht der Besucher nur die dominierten Farben rot und grün als Farben des Lebens und der Vegetation, des Wachsens, aber auch des Feuers und Blutes. Kreise macht der Seher aus, aber alles schemenhaft, verkringelt. Kommt man näher, erkennt man Buchstaben, Namen, Zahlen, sogar Gesichter.
Narratives Breitformat
Der Kunsthistoriker Mückain bekennt: „Diese Art, Geschichte zu malen, hat nichts mehr mit der hehren Tradition der Historienmalerei gemein, allenfalls vielleicht das übergreifende, die Zeitdimension und das narrative ermöglichende Breitformat“. Für Mückain ist es ein „All-Over“ im besten Sinne mit William Turner, dem großen englischen Impressionisten des 18. Jahrhunderts. Die Kunst findet also in dem dialektischen Prozess zwischen Offenlegung und Verdecken, Malen und Übermalen, Definieren und Verunklären statt, eine kongeniale Analogie zur Historie und ihrer Erkennbarkeit und Lesbarkeit.
Für Eichfelders Borbetografie braucht der Besucher Zeit, will er erfassen und verstehen. Einmal mehr hebt der Wormser seine Stadt ganz nach oben in seiner Bedeutung und meint „Tauchen Sie ein; Worms war mithin die geschichtsträchtigste Stadt Deutschlands und einer der sagenhaftesten Orte Europas.
Im Wormser Kulturzentrum werden demnächst ausgewählte Mischtechniken und Digital-Art des Künstlers präsentiert.