Premiere von „Die Isländerin“ von Irene Diwiak als Siegerin des Nachwuchs-Autorenwettbewerbs der Nibelungen-Festspiele 2015
Kluges Nachwuchsstück um die „Islandisierung des Abendlands“
VON REGINA URBACH Am 17. Juli zeigte die 25-jährige Irene Diwiak, Gewinnerin des Nachwuchs-Autorenwettbewerbs der Nibelungen-Festspiele 2015 unter der Schirmherrschaft von Albert Ostermaier, ihr Stück „Die Isländerin“ im Lincolntheater.
Das Drei-Frauen-Stück dreht sich um die Welten und Lebensstrategien der pubertierenden Kriemhild, ihrer resignierten Mutter Ute und der Isländerin Brünhild, die ihr Leben in die Waagschale wirft, um Königin von Burgund zu werden. Das spannungsvoll dargebrachte Stück wirkte wie eine weibliche Antwort auf das diesjährige Festspielstück „Gold“, in dem es Männer sind, die Frauen für ihre Ziele in Szene setzen. Bei der „Isländerin“ werden die Frauen als Schachfiguren gezeigt, die ihre „Spieler“ klug wählen und so indirekt mit-führen. Die Abwesenheit von Siegfried, Gunter, Hagen und Co. auf der Bühne gipfelte in einem erst ganz zum Schluss auf der Bühne Klavier spielenden Recken (Etzel?), der nur einen Satz zu sagen hatte: „Und an mich denkt wieder keine!“
Die Zuschauer im gut gefüllten Lincolntheater wurden mittels eleganter Dialoge Zeugen, wie Kriemhild (Luise Weiß) vom jugendlichen Aufbegehren gegen das Burgunder fremdenkritische Spießertum zunehmend auf dieses zurückgreift, je mehr Brünhild ihr zur Rivalin wird: „Wir Burgunder sind nicht prüde, so lange alles stimmt“, bringt es ihre erfahrene Mutter (als eine Königin der Nacht verkörpert von Felicity Grist) auf den Punkt. Ute entpuppt sich als Intrigantin, die nicht davor zurückscheut, das Glück ihrer Tochter aufs Spiel zu setzen. Von deren Überlebensfähigkeit ist sie – ganz überfürsorgliche Mutter – nicht sehr überzeugt.
Intrigengeflecht von Mutter und Tochter
Zum Schluss siegt die geradlinige Kämpfernatur Brünhilds über das Intrigengeflecht von Mutter und Tochter. Ohne Zeigefinger und Plattitüden, aber minuziös seziert, wird der Umgang mit Fremden vorgeführt: ob kaum gezügelte Angst und Ablehnung (Ute) oder fürsorgliche Kontrollsucht voll uneingestandener selbstsüchtiger Ziele (Kriemhild).
Autorin und Regisseur Oliver D. Endreß arbeiten mit wohl dosierter Symbolik: Die Werte Burgunds, das sich allen anderen Kulturen überlegen dünkt, werden als dickes Buch mal ehrfürchtig weitergereicht, mal zornig zerfetzt. Der Gürtel zur Kontrolle der weiblichen Sexualität wird widerwillig getragen und brav an den künftigen männlichen „Hüter“ gereicht – oder aber zum Stein des Anstoßes in einem originell neu erfundenen Königinnenstreit. Kriemhilds sagenhaften Traum vom Falken, der von den Adlern des Lebens zerfleischt wird, lässt die Autorin jede Frau für sich träumen.
Das Bühnenbild ist reduziert auf wenige notwendige Symbole und wirkt doch nicht karg, die Aktion der Schauspielerinnen temporeich und glaubwürdig. Lisa Mies als Brünhild, die schon bald die Sympathie der Zuschauer gewinnt, agiert mit beredter Mimik und sogar in charmantem „Isländisch“. Nachträglich passt das Stück wunderbar in diesen EM-Sommer mit den Isländern als Siegern der Herzen, wie auch die anwesende junge Autorin Frau Diwiak bestätigte. Am Samstag, 30. Juli ist ein zweites und letztes Mal Gelegenheit, die „Islandisierung des Abendlands“ (Ute) im Lincolntheater zu genießen, Karten gibt es u.a. beim NK.
Über dem Umgang mit dem Fremden lässt sich trefflich pubertieren: Utes (Felicity Grist, links) mütterlicher Rat stößt bei Kriemhild (Luise Weiß) auf Granit. Foto: Regina Urbach