
Von Rudolf Uhrig › „Ladies and Gentlemen, I’m Ninety“ – mit weit ausgebreiteten Armen steht Engelbert Humperdinck auf der Bühne des historischen Marktplatzes in Westhofen und nimmt den lang anhaltenden Applaus des Publikums entgegen. Es ist Samstag, der 15. August 2026. Ein Weltstar in Westhofen? Ja. Und nicht zum ersten Mal. Bereits 1994 stand Arnold George Dorsey, wie der Sänger mit bürgerlichem Namen heißt, hier auf der Bühne. Damals versprach er, wiederzukommen. Nun hat er Wort gehalten.
Sein Auftritt im Rahmen der „The 90th Birthday Celebration Tour“ ist zugleich sein einziges Deutschland-Konzert in diesem Jahr. Und Westhofen erlebt einen Künstler, der auch mit 90 Jahren noch immer genau das beherrscht, wofür ihn Generationen von Fans lieben: große Melodien, große Gefühle und eine Stimme, die sofort Erinnerungen weckt.
Es ist ein Abend, der vieles miteinander verbindet: die große internationale Show und die intime Atmosphäre eines historischen Marktplatzes, musikalische Weltkarriere und rheinhessische Gastfreundschaft.
Dass ein solcher Abend überhaupt möglich wird, ist auch dem Engagement von Stefan Spies zu verdanken. Mit seinem GUT LEBEN am Morstein verbindet er historische Weinkultur, gehobene Gastronomie und Kultur zu einem Konzept, das weit über ein klassisches Konzertangebot hinausgeht. Die Marktplatzkonzerte zeigen eindrucksvoll, was unternehmerisches Engagement im Kulturbereich heute leisten kann.
Das gerade zu Ende gegangene Wonnegau Musik Festival war dafür ein eindrucksvoller Beleg. Glenn Leonard’s Temptations Revue brachte den Motown- und Soul-Sound nach Westhofen. Am Donnerstag sorgte die Coldplay-Tribute-Band „Viva la Vida“ für Begeisterung. Liz Mitchell von Boney M. ließ am Freitag die Disco-Ära wieder auferstehen, bevor Andy Borg am Sonntag gemeinsam mit G. G. Anderson und weiteren Gästen das Festival mit einem Schlagerfinale beschloss.
Für seine „90th Birthday Celebration“ brachte Engelbert eine hochkarätige Band mit, die eigens aus den USA angereist war: Todd Schroeder am Piano und als musikalischer Leiter, Gitarrist Keven Eknes, Adam Cohen am Schlagzeug, Chris Golden am Bass, Tish Diaz am Keyboard sowie Dawn Woullard-Bishop im Background.
Gemeinsam bildeten sie eine klassische, ausgesprochen präzise Rhythmusgruppe, ergänzt durch opulente Keyboardflächen sowie Bläser- und Streicherarrangements vom Band. Das Ergebnis: ein voller, nahezu cinematischer Klang, wie man ihn sonst aus den großen Konzertsälen von Las Vegas oder Los Angeles kennt.
Und auch die Dramaturgie des Konzerts war perfekt auf diesen Sound zugeschnitten. Engelbert nahm sein Publikum mit auf eine musikalische Reise durch mehr als sechs Jahrzehnte.
Zum Auftakt erklang „Welcome to My World“, das einst durch Jim Reeves bekannt wurde. Danach folgten die großen Stationen einer außergewöhnlichen Karriere: „Spanish Eyes“, „Quando, Quando, Quando“, „Don’t Let the Old Man In“ von dem verstorbenen Country-Star Toby Keith – und natürlich jene Songs, die längst zum kollektiven musikalischen Gedächtnis gehören.
Engelbert erzählte dazwischen kleine persönliche Geschichten, erinnerte an Begegnungen und vergangene Zeiten und zeigte dabei immer wieder jene Mischung aus britischem Humor, Charme und Selbstironie, die ihn seit Jahrzehnten auszeichnet.
Spätestens bei „Release Me“ war klar, warum dieser Mann noch immer ein Weltstar ist. Der Song, der Engelbert Humperdinck 1967 international berühmt machte und die Beatles in Großbritannien sechs Wochen lang von Platz 1 der Charts fernhielt, ist bis heute sein musikalisches Markenzeichen.
Es ist diese besondere Mischung aus Sehnsucht, Melancholie und großer romantischer Geste, die seine Lieder zeitlos macht.
Ganz ausverkauft war der Marktplatz an diesem Abend zwar nicht. Doch die Stimmung war außergewöhnlich. Und offenbar genoss auch der Star selbst die besondere Atmosphäre.
Beim Zugaben-Song „For the Good Times“ von Kris Kristofferson ging Engelbert auf Tuchfühlung mit seinem Publikum, schüttelte Hände und zeigte sich so nahbar, wie man es von einem Weltstar dieser Größenordnung kaum erwarten würde.
Und dann überraschte er noch einmal: Engelbert erschien im Bademantel auf der Bühne – nicht, wie einst Udo Jürgens in Weiß, sondern in Rot.
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