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  • Sa., 09. Mai 2020, 07:12 Uhr
    Europa-Woche: Dr. Jörg Koch als Vorsitzender der Europa-Union Worms zu aktuellen Entwicklungen

    Lebendige Vielfalt in Frieden und Freiheit

    Dr. Jörg Koch am Parmaplatz. Die Partnerschaft zur norditalienischen Metropole entstand auf Initiative der Europa-Union Worms um Hans-Joachim Rühl und Josef Schork, dem Vorgänger Kochs. Foto: Robert Lehr


    VON ROBERT LEHR Europa ist eigentlich wie eine Schulklasse! – Wenn Dr. Jörg Koch spontan diesen Vergleich zieht, weiß er, von was er spricht. Denn der Wormser Historiker und CDU-Stadtrat ist sowohl Gymnasiallehrer in Frankenthal wie auch 1. Vorsitzender der Europa-Union Worms. Dass er diese Amt – fast auf den Tag genau – seit 10 Jahren inne hat, passt perfekt zu dem heutigen 70-jährigen Jubiläum der Schumann-Erklärung. Der französische Außenminister hatte am 9. Mai 1950 in einer Rede die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorgeschlagen, deren Mitglieder ihre Kohle- und Stahlproduktion zusammenlegen sollten.

    Die EGKS mit ihren Gründungsmitglieder Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Belgien und Luxemburg war die erste einer Reihe überstaatlicher europäischer Institutionen, die schließlich zur heutigen Europäischen Union wurden. Auf diese Weise wollten sie einen weiteren Krieg zwischen den Erzrivalen Frankreich und Deutschland nach dem Wortlaut der Schuman-Erklärung „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ machen. Sie gingen zu Recht davon aus, dass ein Zusammenschluss ihrer wirtschaftlichen Interessen auch eine Erhöhung des Lebensstandards zur Folge hätte.

    Gemeinsamketen entdecken – auf Unterschiede einlassen
    „Die Gemeinsamkeiten entdecken und sich auf Unterschiede einlassen“ ist für Dr. Jörg Koch dann auch die Gemeinsamkeit mit einer Klasse von z.B. 27 Schülerinnen und Schülern „mit ihren unterschiedlichen charakterlichen, ethischen, religiösen, sozialen oder bildungsmäßigen Hintergründen. Denn von „dieser produktiven Vielfalt lebt auch Europa!“

    Als die hierzulande größte pro-europäische Bürgerinitiative mit aktuell rd. 17.000 Mitgliedern engagiere sich die Europa-Union unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter und Beruf für die europäische Einigung, so Dr. Koch, und dies „auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene“. Sie setze sich mit Vortragsveranstaltungen, Diskussionsforen, Studien- und Begegnungsreisen oder Seminaren ein für ein friedliches, freiheitliches und föderales Europa, das demokratisch, transparent und handlungsfähig ist.

    Interesse früh geweckt
    Sein Interesse für ein gemeinsames Europa sei schon früh in seiner Biographie geweckt worden, so Dr. Jörg Koch. So habe er als Kind oft seine Großtante im französischen Hagenau besucht, damals noch mit Grenzkontrollen. Der erste Ehemann der gebürtigen Wormserin sei an der Ostfront gefallen. Den zweiten Mann, einen französischer Besatzungsoffizier, hat sie Anfang der 50er Jahre als Dolmetscherin in Baden-Baden kennen- und liebengelernt. So habe er schon früh auch die Möglichkeiten der verbindenden Kräfte zwischen den einstigen „Erzfeinden“ kennengelernt.

    Nicht zuletzt die Leidenschaft für Geschichte im Allgemeinen und vor allem die seiner Heimat hat Dr. Jörg Koch geprägt. „Worms liegt nicht nur im Zentrum Europas und in Nähe zu Frankreich, als eine der Hauptstädte des Heiligen Römischen Reiches sei es auch der Ort europa- bzw. weltgeschichtlicher Entscheidungen gewesen!“ Zudem öffne die Lage am Rhein – dem europäischen Fluss schlechthin – die Perspektive hin zu den Anrainerstaaten.

    Rückbesinnung auf Europa
    Die akute Corona-Pandemie in all ihren Folgen stellt für den überzeugten Europäer Koch „eher eine Chance als ein Risiko dar“. Gerade die Gefahren der Globalisierung mit ihren weltweiten Lieferketten sehe man deutlich an der jetzigen Abhängigkeit von anderen Ländern. In China würden Masken hergestellt, während pharmazeutische Produkte wie Medikamente u.a. aus Indien kommen. Diese Entwicklung gelte es rückgängig zu machen. „Eine Rückbesinnung auf Europa als Produktionsstandort wichtiger Güter ist nicht nur in diesem Zusammenhang ungemein wichtig“, so Dr. Jörg Koch.

    Nicht alle Kompetenzen nach Brüssel!
    Ganz aktuell begrüßt Dr. Jörg Koch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Am Mittwoch hatten die Karlsruher Richter verkündet, dass diese Politik teilweise gegen das Grundgesetz verstoße, weil Bundesregierung und Bundestag die EZB-Beschlüsse nicht geprüft hätten. „Kommen aus Brüssel solche weitreichenden Beschlüsse wie der Anleihen-Aufkauf, ohne dass dies von Deutschland demokratisch legitimiert ist oder werden alle Kompetenzen dorthin verlagert, fördert es den Verdruss der Bürger“, zeigt er sich überzeugt. Der Brexit mache solchen Unmut überdeutlich.

    Reisebeschränkungen wenig dramatisch
    Den aktuellen Reisebeschränkungen falle zwar auch die Möglichkeit des Aufenthalts in den Nachbarländern zum Opfer, doch das sehe Koch nicht als Gefahr für Europa. Auch wenn es derzeit des Öfteren in den Medien als solche hingestellt würde, würde die aktuellen Beschränkungen die Vorfreude auf die nächsten Besuch im europäischen Ausland um so größer. Zudem fördere dies die durch die Touristikbranche prognostizierte Entwicklung weg von Fernflugreisen hin zu Orten, die mit dem Auto oder dem Zug erreichbar seien. „Auch so kann Europa weiter zusammenwachen“. schließt Dr. Jörg Koch.

    Euro-Union Worms zum Ende des 2. Weltkrieges 
    Ein anderer Jahrestag wird auch in dieser Woche gefeiert, weswegen auch von einer Europa-Woche gesprochen wird. Der Zweite Weltkrieg ging in Europa offiziell zu Ende. Es gab dabei sogar zwei offizielle Kapitulationserklärungen Deutschlands: Die erste wurde am 7. Mai 1945 im französischen Reims unterzeichnet, die zweite in der Nacht zum 9. Mai in Berlin. Dr. Jörg Koch erinnert als 1. Vorsitzender der Europa-Union offizielle für die Europa-Union Worms

    Als mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging, endete auch der jahrelang Kampf zivilisierter Völker untereinander. Dieses Fazit lautete: 55 Millionen Kriegstote, physische und psychische Belastungen, zerstörte Länder, Heimatlosigkeit, Flucht, Vertreibung. Jahrelang waren Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte missachtet worden. Nur dank des Kriegseintritts der US-Armee konnte Hitlers Machtstreben und Tyrannei beendet werden. Die amerikanischen Truppen kamen nicht als Freunde oder Befreier nach Deutschland, sondern, so eine Richtlinie der US-Regierung vom April 1945 für den Militärgouverneur der US-Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, um Deutschland zu besetzen und um „wichtige alliierte Absichten zu verwirklichen“.

    Wiederherstellung der Demokratie und des Rechts
    Zu diesen Zielen gehörte die Wiederherstellung der Demokratie und des Rechts, schon bald auch die Wiederherstellung der Infrastruktur, der Wiederaufbau der zerstörten Städte und der Infrastruktur, die Sicherung humaner Lebensverhältnisse. Im Laufe der Jahre wurden die Besatzer zu Freunden, das betraf ebenso das Verhältnis der "Erbfeinde". Auch die Franzosen, zu deren Besatzungszone Worms bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 gehörte, verweigerten sich nicht der deutsch-französischen Annäherung. 1963 unterzeichneten der französische Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer einen bis heute gültigen Freundschaftsvertrag. An diese beiden Staatsmänner sollte in diesen Tagen ebenso erinnert werden wie an die deutsch-amerikanische Freundschaft, die nicht vernachlässigt werden darf, unabhängig, wer beide Länder derzeit repräsentiert. Ohne die zunächst eher widerwillig akzeptierte jahrelange Präsenz der US-Streitkräfte in West-Deutschland wäre unsere Freiheit in ernster Gefahr gewesen.

    Dank der Verständigung der ehemaligen Kriegsgegner konnten 1951 die Grundlagen der heutigen Europäischen Union geschaffen werden, die jahrzehntelang erfolgreich als Wirtschaftsgemeinschaft funktioniert hat.

    Anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren sei an den Niedergang der Zivilisiertheit ab 1933, die Annäherung der mitteleuropäischen Staaten ab den 1950er Jahren bis zum supranationalen Miteinander der heutigen Europäischen Union erinnert und daran, dass diese Union nur dann Erfolg hat, wenn sie sich an ihre grundlegenden Werte hält: Humanismus, Rationalität, Säkularität, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte. Dafür einzustehen beginnt für uns zunächst im eigenen Land, auch „vor Ort“ in Worms.

    BU: Dr. Jörg Koch am Parmaplatz. Die Partnerschaft zur norditalienischen Metropole entstand auf Initiative der Europa-Union Worms um Hans-Joachim Rühl und Josef Schork, dem Vorgänger Kochs. Foto: Robert Lehr

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