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Sa., 04. April 2020, 10:10 Uhr
KUNST UND CORONA: Der NK im Gespräch mit betroffenen Kunstschaffenden über die aktuelle Situation und die Perspektiven
Mangelhafte Kommunikation & trübe Aussichten!
Peter Englert und Tobias Lensinger (von links) steht die Ratlosigkeit angesichts der aktuellen Krise ins Gesicht geschrieben. Um überhaupt etwas zu tun zu haben, machen die beiden ihr online Format Karantena.tv. Foto: Robert Lehr
VON ROBERT LEHR | „Wir haben die spezifischen Bedürfnisse der Kulturschaffenden im Blick und tun alles dafür, dass sie in der Lage sind, ihr künstlerisches Schaffen unverzüglich und vollumfänglich wieder aufzunehmen, sobald die Ausbreitung des Virus dies zulässt“, so eine Mitteilung des rheinland-pfälzischen Kultusministeriums von Donnerstagabend. Was Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Kulturminister Prof. Dr. Konrad Wolf offensichtlich nicht absehen, ist die Tatsache, dass das Ende der aktuellen Krise mitnichten eine Wiederaufnahme künstlerischer Tätigkeiten ermöglicht. Zwei Wormser, die von dieser Entwicklung in besonderem Maße betroffen sind, sind Peter Englert und Tobias Lensinger. FWG-Stadtratsmitglied Englert ist Schauspieler, der auch als DJ arbeitet und Konzerte organisiert. Lensinger arbeitet als freiberuflicher Veranstaltungstechniker sowie als Musiker in professionellen Bands. Was die zwei als Künstler bzw. Solo-Selbstständige vor allem ärgert, ist die Tatsache, dass bei den vollmundigen Ankündigungen der Politiker, auch über sie einen Rettungsschirm spannen zu wollen, nie davon die Rede gewesen sei, dass der auch im Bezug von Grundsicherung bestehen kann. Hier sei zwar der Zugang erleichtert worden und es fände keine Vermögensprüfung statt, doch „wer will das schon beantragen?“, so Lensinger. In den Genuss der Soforthilfe komme man auch nur, „wenn man entsprechend Betriebskosten nachweisen kann!“, ergänzt Englert.
„Unzureichende Kommunikation durch die Politik!"
„Die Kommunikation war absolut mangelhaft“, kritisiert Englert, der auch landesspezifische Unterschiede in der Auslegung und Bewilligung der zur Verfügung stehenden Bundeshilfen sieht. Natürlich werden sie kurzfristig die eine oder andere Art der Unterstützung in Anspruch nehmen müssen, sehen aber mittel- und langfristig sehr große Probleme. „Selbst wenn die Restriktionen schon bald aufgehoben würden, sind meine Jobs für dieses Jahr weg!“, so Lensinger. Er arbeitet als Veranstaltungstechniker in erster Linie in Mannheim z.B. für große Kongress, die oft von der Industrie ausgerichtet würden. „Die sind längst alle gecancelt und damit auch meine Arbeit dort“. Für ihn als Musiker sieht es genauso schlecht aus: „Als Gitarrist bei ,Me and the Heat' war ich schon für an die 30 Gigs in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland gebucht – alles auf unabsehbare Zeit weg!“ Auch zahlreiche Hochzeiten, für die er u.a. als Gitarrist und Sänger gebucht war, fallen aus. Sein „Notnagel“ sei seine ursprüngliche Ausbildung als Schornsteinfeger. In dem Beruf könne er jetzt vorübergehend wieder arbeiten.
Wer überlebt die Krise überhaupt?
Peter Englert sieht die Lage in der Kulturlandschaft insofern auch als dramatisch an, dass es äußerst fraglich sei, ob die Veranstaltungen, die jetzt abgesagt wurden, überhaupt wieder kämen. Noch sei er zuversichtlich, sein schauspielerisches Engagement bei den Festspielen in Bad Hersfeld wahrnehmen zu können. „Fallen die aber aus“, so Englert, „sei es fraglich, ob es sie in Zukunft überhaupt noch gibt“. Auch beim „Theater am puls“ in Schwetzingen entfielen jetzt nicht nur Arbeitsmöglichkeiten für ihn – vielmehr sei es fraglich, ob der Betrieb überhaupt die Zwangsschließung überlebt. Genauso unabsehbar sieht er das Schicksal der Clubs, in denen er erfolgreich als DJ tätig war. Er hofft, dass möglichst viele den Shutdown überleben. „Mit den Clubs entfallen den Musikern aber auch wiederum die Auftrittsmöglichkeiten“, mahnt er den Teufelskreis an, in dem sich die Kulturszene bewegt. „Von unverzüglich“, wie in der Pressemitteilung, „kann keine Rede sein!“ „Uns ist klar, dass nach der Corona-Krise nichts so sein wird wie früher“, zeigen sich die beiden Kunstschaffenden unisono einig. Auch viele Sponsoren würden sich bestimmt überlegen, wie „systemrelevant“ aus ihrer Sicht z.B. die finanzielle oder materielle Unterstützung der Kultur in ihren vielfältigen Facetten sei. Auch hier befürchtet Tobias Lensinger deutliche Einschnitte in den zur Verfügung stehenden Etats. Ungeklärt sei laut Peter Englert auch, „was mit bereits gezahlten Fördergeldern und staatlichen Zuschüssen passiert?“
„Geballte Fachkompetenz“
Um sich von ihren existenziellen Nöten abzulenken und das Leben ihrer Mitmenschen etwas bunter zu machen, haben Englert und Lensinger mit anderen, die ebenso betroffen sind, das online-Format Karantena.tv ins Leben gerufen. „Wir bringen so täglich Spaß und Kunst ins Haus“, das man derzeit ja nicht verlassen sollte, so Englert. „Außerdem können wir hier unsere geballte Fachkompetenz bestens nutzen,“, ergänzt Lensinger. Einig sind sich die Künstler auch darin, „dass es allemal besser ist als garnix zu tun!“
Ein Kommentar des freien NK-Redakteurs Robert Lehr
Droht die „soziale Hängematte“?
Alle Kunst- und Freischaffenden oder Solo-Selbstständigen waren froh, zu Beginn der Corona-Krise zu hören, dass ihnen schnell und unbürokratisch geholfen werden soll. Als dann am Montag die entsprechenden Antragsformulare vorlagen, wich bei vielen Betroffenen die Zuversicht dem blanken Entsetzen. Geld gibt es – aber für wen? Welcher Musiker, Fotograf, Schauspieler, Solo- oder Sub-Unternehmer kann hohe Betriebskosten vorweisen und damit seinen Anspruch legitimieren. Das Kapital der Kunstschaffenden ist in erster Linie ihre Kreativität. Oder kann ich als Redakteur einen Stift, ein Blatt oder einen Chip für den Fotoapparat geltend machen? Die wenigen Quadratmeter, die ich als Büro nutze? Das könnte ich bestimmt, deckt aber in keiner Weise meine Ausfälle durch den Wegfall eines großen Teiles möglicher Honorare.
Gewiss, die Sparkasse oder das Finanzamt stunden anstehende Tilgungen bzw. Außenstände, sogar die Mehrwertsteuer darf in bestimmten Fällen einbehalten werden. Sogar private Mieten können zum Teil gestundet werden. Das hilft fürs Erste und reduziert die Kosten. Für alles andere bleibt dann die Grundsicherung. Aber ist das in diesen Zeiten eine nachhaltige Hilfe? So wie es unseren Künstlern geht, fehlt vielen die Perspektive. Darin sind sich alle einig: Die Gesellschaft als auch die Wirtschaft werden nach Corona für alle – ob selbstständig angestellt oder frei – nicht mehr dieselbe sein. Aber jetzt leiden wir gemeinsam. Können wir zur Normalität zurückkehren, müssen wir uns doch jetzt neu erfinden oder vielleicht in der berühmten „sozialen Hängematte“ – die den Staat viel kostet – einrichten? Oder ist jetzt gar die Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen?
In jedem Fall muss die Politik nachjustieren sowie mittel- und langfristig neue Rahmenbedingungen schaffen – gerade für uns „Kleinen“, die bekanntermaßen auch die Verletzlichsten sind. Wir alle wollen arbeiten, aber auch konsumieren. Davon lebt unsere Wirtschaft und unser Staat.