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  • Mo., 21. Juli 2014, 13:56 Uhr
    Die Nibelungen und neue deutsche Mythen waren Thema am Sonntag im Heylshofpark bei der letzten Theaterbegegnung mit Dieter Wedel

    Mauerfall, Sommermärchen, Mutti-Mythos?

    VON REGINA URBACH Wie auf einer Gartenparty versammelten sich Dutzende Besucher am Sonntag im Heylshofpark, um Dieter Wedel, der Moderatorin Jule Gölsdorf und den Journalisten Wolfram Weimer, Jo Groebel und Markus Schächter, ehemals ZDF-Intendant, zu lauschen. Es wurde über Mythen heute, Wedels Inszenierungen, den Nibelungenmythos und seinen Missbrauch diskutiert, unterbrochen von einer musikalischen Pause mit Kostproben aus dem Programm von 13 Jahren Festspielmusik. Diese letzte Theaterbegegnung mit Wedel und Team, so auch Festspiel-Sprecherin Monika Liegmann, fiel besonders persönlich aus. Bei angenehmem, von leichtem Tröpfeln getrübtem Wetter, lernte man Darsteller und Veranstalter zwanglos kennen. So ließ sich Erol Sander seine bulgarischen Textpassagen von einer bulgarischen Besucherin vorsprechen und für seine Aussprache loben.

    Zunächst sprach Dieter Wedel über seine diesjährige und die früheren Inszenierungen. Eher zufällig seien 2002 die Theaterbegegnungen auf Wunsch der Darsteller entstanden und werden hoffentlich fortgeführt. Auch die Filmeinspielungen seien nicht von Anfang an geplant gewesen. Die Burgunden sollten in ihre Rüstungen schlüpfen, bevor sie an Etzels Hof auftauchten – doch auf der Bühne hätte das eine halbe Stunde gedauert, so Wedel. Mit Knowhow und Technik des ZDF wurden die ersten Festspiele gerettet. Ursprünglich habe man in Worms nicht einmal die Domfenster von innen erleuchten wollen und können. 

    Widersprüchliche Kritiken 2014
    Die diesjährige Aufführung laufe gut, so Wedel. Erste Rückmeldungen und bundesweite Kritiken seien widersprüchlich. So habe den Einen die Badezuberszene am besten, den Anderen gar nicht gefallen. Den zögernden Premierebeifall führte Wedel darauf zurück, dass die Zuschauer von der Aufführung zum Teil noch zu sehr bewegt gewesen seien. Auf die Frage nach seiner Lieblingsfassung sagte er: „Die letzte!“

    Auf die Idee zum Regiekniff, die Burgunden gegen Etzels Festmusik ansingen zu lassen, sei er durch den Filmklassiker „Casablanca“ gekommen. Viele fragwürdige Sätze Hebbels hätte er am liebsten weggelassen, dann aber doch einige behalten und versucht zu konterkarieren, indem er die Sprecher als elend und lächerlich, plitschnass in Unterhosen, darstellte. So habe er Werbels Lob der Nibelungentreue „einfach nicht ertragen“ und die Figur prompt dafür auf der Bühne erschießen lassen. Ursprünglich wollte er die Schauspieler sogar die Vorstellung mit den Worten „Ich kann nicht mehr“ unterbrechen lassen. Zum Glück ließ er sich aber überzeugen, dass seine Botschaft auch so deutlich rüberkommt.

    Dass er 13 Jahre bleiben werde, hielt Wedel anfangs für „völlig undenkbar“, mit Horrorvorstellungen  von Open-Air-Pannen und den anfänglichen technischen Schwierigkeiten. Er erzählte noch über seinen Umgang mit Kritiken, seine Empfindlichkeit und Abwehrstrategien. 

    Wie mit den Nibelungen weiter umgehen?
    In der Diskussion warnte Wedel davor, den Nazimissbrauch der Nibelungen zu ignorieren. Eine Errungenschaft der Nachkriegszeit sei schließlich  „der Zweifel an allem, was gesagt und geschrieben wird – eine wunderbare Eigenschaft aufgeklärter demokratischer Menschen“. Weimer wollte hingegen auch den Mythos an sich gewürdigt wissen. Oft seien schlechte Vorbilder die spannendsten Theaterfiguren. Groeber und Schächter regten an, für die Deutschen eine geeignete große Erzählung zu finden, die sich, ähnlich wie den Franzosen der Sturm auf die Bastille und den Amerikanern das „Go West“, als positiver Gründungsmythos eigne: 1848? Den Mauerfall? Das Fußballmärchen? An letzterem entzündete sich eine erneute Debatte um den „Gauchotanz“. Schweinsteigers mythosverdächtiger Einsatz im WM-Endspiel wurde gewürdigt ebenso wie der „Mutti-Mythos“ um die doch so nüchterne Kanzlerin. Eben dazu seien Mythen wichtig: Sie offenbaren Grundwahrheiten, die normativ oft nicht gewollt sind und dennoch gelten, fasste Jule Gölsdorf zusammen. So wie die Botschaft des Nibelungenliedes: Entscheidendes wird immer von Frauen vorangetrieben. Dem widersprach niemand.

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