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  • Mi., 22. April 2015, 17:42 Uhr
    Beim SPD-Dialog diskutierten Experten und Gäste über den Ärztenotstand und der Überlastung bei der psychotherapeutischen Betreuung

    Medizinische Versorgung im Brennpunkt

    Der Ärztemangel war das Kernthema des Abends. Von links: Dr. Peter Heinz, Michael Kissel,Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Jens Guth und Dr. Paul Brämer. Foto: Gernot Kirch


    Von Gernot Kirch Die Wormser Sozialdemokraten hatten am Dienstagabend zu ihrer Veranstaltungsreihe „Worms im Dialog“ ins neue Ärztehaus in der Von-Steuben-Straße eingeladen. Auf der Tagesordnung stand diesmal das Thema „Neue Ansätze in der Gesundheitspolitik.“ Als Experten waren die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Oberbürgermeister Michael Kissel, der Vorstandsvorsitzende des Wormser Gesundheitsnetzes, Dr. Paul Brämer, sowie Dr. Peter Heinz aus dem Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung geladen. Die Moderation übernahm der Wormser SPD-Vorsitzende Jens Guth.

    Überlastung der Psychotherapeuten
    Ein überraschend wichtiges Thema des Abends war die schlechte Versorgung mit Psychotherapeuten in der Nibelungenstadt. Zwei Veranstaltungsbesucher, die in diesem Bereich tätig sind, meldeten sich zu Wort und schilderten die Situation in Worms sowohl für Menschen mit seelischen Erkrankungen wie auch mit Suchtproblematik. So gebe es zum Teil lange Wartelisten, sodass sich Erkrankte häufig ein halbes Jahr gedulden müssten, bis eine Behandlung beginnen könne. Was sehr problematisch sei, da man Menschen häufig gerade soweit habe, dass sie eine Therapie machen wollten und diese dann warten müssten, was häufig zu einem Wegbrechen der Motivation zur Behandlung führe. Auch sei es nicht immer unproblematisch, wer für die Behandlung aufkomme. Dr. Paul Brämer bestätigte den kritischen Zustand bei der Psychotherapie in Worms. Die Ministerin nahm die Kritik auf und stimmte zu, dass den Menschen hier schneller geholfen werden müsse.

    „Kampf um Ärzte“
    Das ganz große Thema des Abends war natürlich der in den nächsten Jahren drohende Ärztemangel in Deutschland und damit auch in Worms. So werden in den kommenden Jahren rund ein Viertel der Wormser Allgemeinmediziner das Rentenalter erreicht haben. Und für viele frei werdende Praxen steht kein Nachfolger bereit, vielmehr sind Hausärzte inzwischen eine kostbare Mangelware, um die in ganz Deutschland gebuhlt wird.

    Hier, so Oberbürgermeister Michael Kissel, sind Ideen gefragt, um junge Mediziner in die Nibelungenstadt zu locken. Es gebe mittlerweile einen regelrechten „Kampf um Ärzte“. So lädt die Stadt etwa gemeinsam mit dem Wormser Gesundheitsnetz (WoGe) junge Mediziner im Juni zu „Jazz and Joy“ ein, um zu zeigen, wie lebenswert Worms ist. Denn außer dem Geld seien für viele Ärzte auch die sogenannten weichen Faktoren - wie das Vorhandensein von Kitas, Schulen, Infrastruktur und Freizeitmöglichkeiten - wichtig bei der Frage, wo möchte ich arbeiten und leben.

    Durststrecke
    Dr. Paul Brämer, der Vorstandsvorsitzende der WoGe, führt aus, dass Worms im Vergleich zu anderen Regionen noch gut aufgestellt sei. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil sich die WoGe mit ihren rund 100 Mitgliedern schon seit Jahren aktiv darum bemüht, Mediziner nach Worms zu bekommen. Dennoch sagte Dr. Paul Brämer eine Durststrecke voraus, da die komplette Ausbildung eines Allgemeinmediziners rund elf Jahre dauert. Selbst wenn also jetzt viele angehende Studenten in die Allgemeinmedizin wollten, würde es bis 2027 dauern, bis diese ihre Praxis aufmachen könnten. Richtungsweisend sei hier etwa auch die Praxisgemeinschaft der WoGe im Wormser Ärztehaus. Hier seien jetzt schon drei Allgemeinmediziner tätig und ab September würde noch eine Kinderärztin dazukommen.

    Der Vorteil dieser Praxisgemeinschaft sei, es ist auch eine Teilzeitbeschäftigung oder eine Begrenzung der Wochenstunden möglich. Auch wird die gesamte Administration von der WoGe übernommen. Zudem können Ärzte einen Ein-Jahres-Vertrag unterzeichnen, was bedeutet, nach einer gewissen Zeitspanne ist eine Wechsel in eine andere Stadt möglich, der Arzt muss sich also nicht für zehn Jahre an einen Standort binden. Abschließend sagte Dr. Paul Brämer, dass die klassische Hausarztpraxis, in der ein Mediziner nahezu rund um die Uhr von morgens 7 Uhr an erreichbar ist, der Vergangenheit angehören dürfte. Auch Ärzte strebten inzwischen eine geregelte und in der Stundenzahl begrenzte Arbeitswoche an.

    Arztberuf wird weiblich
    Der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz, Dr. Peter Heinz, führte aus, dass der Arztberuf weiblich wird. So seien inzwischen rund zwei Drittel der Medizinstudenten junge Frauen. Was auch daran liege, dass Mädchen im Durchschnitt das bessere Abitur machten. Viele Frauen wollten jedoch selbst Familie haben und wollten bzw. könnten daher nicht mehr der Arzt sein, der 24 Stunden zur Verfügung steht. Eine Lösung seien hier auch die Bereitschaftspraxen, die den Bedarf am Abend oder Wochenende abfedern könnten. Dr. Peter Heinz erinnerte auch an die Ärzteschwemme, der man sich vor einigen Jahren gegenübersah, nun müsse man bei dem drohenden Mangel eben umdenken, was man intensiv tue.

    Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) zählte einige Maßnahme der Landesregierung auf, um den Beruf des Hausarztes zu stärken. So sei es gelungen an der Universität Mainz einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin zu installieren. Auch diskutiere sie auf Bundesebene, ob der Numerus Clausus wirklich das einzige Zulassungskriterium für das Medizinstudium sein soll. Die Allgemeinmediziner sollten auch durch sogenannte „Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAH) entlastet werden. Dabei handelte sich um gut ausgebildetes Personal, das etwa Hausbesuche mit Routineaufgaben wahrnehmen kann. Auch die Telemedizin sei ein Baustein zur Entlastung der Ärzte.

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