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  • Sa., 13. November 2021, 08:00 Uhr
    Weltdiabetestag 2021: Heute vormittag wird in Worms zur Stärkung der stationären Diabetologie eine Petition überreicht

    Medizinische Versorgung sicherstellen!

    Weitere Informationen zu Diabetes und dem Weltdiabetestag sowie der Petition findet man unter https://www.ade-rlp.de Foto: Pexels/Nataliya Vaitkevich


    Von Robert Lehr | Der Weltdiabetestag wurde erstmals am 14. November 1991 unter dem Motto Diabetes wird öffentlich eingeführt. Seit 2007 ist er ein offizieller Tag der Vereinten Nationen und stellt somit – nach dem Welt-AIDS-Tag – den 2. offiziellen Tag der UN dar, der einer Krankheit gewidmet ist.

    Im Vorfeld des 14. November sprach der Nibelungen Kurier mit Prof. Dr. Anca Zimmermann, Oberärztin in der Medizinischen Klinik II des Klinikums Worms. Die Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie und Endokrinologie (ADE) Rheinland-Pfalz, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Diabetesgesellschaft (DGG).

    Die ADE hat, zusammen mit der AG Fuß der ADE – die dieses Jahr ihr 20. Jubiläum feiert – und der Arbeitsgemeinschaft niedergelassener diabetologisch tätiger Ärzte in RLP (ANDA) eine Unterschriftenaktion mit mehreren Tausenden Unterschriften als Petition zur Unterstützung der stationären Diabetologie initiiert. Sie wurde von Ärzten, nicht-ärztlichem Personal, Patienten und Angehörigen unterschrieben und soll im Rahmen des morgigen offiziellen Weltdiabetestages am heutigen Samstag an Vertreter des Gesundheitsministeriums Rheinland-Pfalz übergeben werden und so für dieProblematik sensibilisieren.
    Organisiert wird die Übergabe durch Herr Dr. Gregory Hess, der mit seiner Frau Dr. Eva Hess eine Diabetologische Schwerpunktpraxis in Worms betreibt und in den Vorjahren für die Organisation des Weltdiabetestages vor Ort verantwortlich zeichnete. Hierbei wurde bereits 2010 der Wormser Dom blau illuminiert – der weltweiten Symbolfarbe im Kampf gegen Diabetes.

    NK: Frau Prof. Zimmermann, welche sind die Hintergründe für die Petition?

    Prof. Dr. Zimmermann: Derzeit hat jeder 6. Patient im Krankenhaus einen Diabetes! Vor dem Hintergrund des vielerorts zunehmenden Betten- und Stellenabbaus bei der steigenden Zahl Betroffener machen wir uns Sorgen um die zukünftige optimale Versorgung dieser Patienten im flächendeckenden stationären Bereich und v.a. auch um die Sicherung des Nachwuchses im Fach.

    NK: Wie sehen die konkreten Fallzahlen aus?

    Prof. Dr. Zimmermann: Weltweit sind rasant steigende Zahlen der Diabetes-Erkrankungen zu verzeichnen. Mit ca. 8 Millionen Menschen mit Diabetes mellitus macht Deutschland hier keine Ausnahme. Hiervon sind ca. 90 Prozent an einem Typ 2 Diabetes erkrankt.
    Hier stehen die Insulinresistenz und das Übergewicht, die ungesunde Ernährung und fehlende Bewegung im Vordergrund. Von einer Dunkelziffer von weiteren 2 Millionen ist auszugehen. 341.000 Erwachsene und etwa 32.000 Kinder leiden an einem Typ 1 Diabetes, bei dem eine lebenslange Insulintherapie notwendig ist.
    Dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2021/2022 zufolge erkranken täglich in Deutschland etwa 1.000 Patienten neu an Diabetes, so dass 2040 etwa 12 Prozent der Bevölkerung davon betroffen sein würde.

    NK: Welche gesundheitlichen Folgen kann der Diabetes haben?

    Prof. Dr. Zimmermann: Durch das erhöhte Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkte, Schlaganfälle, Durchblutungsstörungen in den Beinen sowie Schäden an den Nieren, Augen und Nerven im Falle einer späten Erkennung oder insuffizienten Behandlung kann es beim Diabetes zu vielfachen akuten und/oder chronischen Komplikationen kommen, die eine stationäre Behandlung erfordern.

    NK: Wie sieht eine ganzheitliche Behandlung aus?

    Prof. Dr. Zimmermann: Die Versorgung ist komplex, interdisziplinär und erfordert sehr gut ausgebildete Fachärzte und ein kompetentes und gut funktionierendes Diabetesteam, um den vielfältigen Aufgaben und Herausforderungen einer derartigen Behandlung gerecht zu werden. Beispielsweise ist bei der Behandlung der Patienten mit diabetischem Fußsyndrom eine diabetologische Betreuung absolut notwendig, um unnötige Amputationen zu vermeiden. Auch im perioperativen (im Rahmen der Operation bestehendes) Management oder bei der Behandlung der Frauen mit entgleistem Diabetes in der Schwangerschaft kann auf die diabetologische Expertise nicht verzichtet werden. Von großer Bedeutung ist die stationäre Versorgung der Patienten mit Typ 1 Diabetes und Insulinpumpentherapie, die eine Begleitung durch ein kompetentes und gut ausgebildetes Team erfordert. Nicht zuletzt setzt die stationäre Versorgung der Kinder mit Typ 1 Diabetes eine besondere Expertise der behandelnden Kinderärzte voraus.
    Darüber hinaus ist es absolut notwendig, die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte sowie von Diabetesberaterinnen und -berater zu sichern.

    NK: Warum ist die Lage so prekär?

    Prof. Dr. Zimmermann: Bei steigenden Zahlen der Menschen mit Diabetes und eine älter werdende Bevölkerung gibt es in unserem Bundesland nur einen einzigen Lehrstuhl für Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsmedizin Mainz und nur 20 Krankenhäuser mit diabetologischen Betten, die DDG-zertifiziert sind. Eines davon ist das Klinikum Worms. Besorgniserregend sind jedoch weniger die Zahlen, als ihre Dynamik über die letzten zehn Jahre.

    NK: Warum sind die Rahmenbedingungen derzeit so schlecht?

    Prof. Dr. Zimmermann: Ökonomisch bedingte Bettenkürzungen, Schließungen ganzer diabetologischer/endokrinologischer Abteilungen und fehlende Nachbesetzung freiwerdender Stellen, niedrige Vergütung der Leistungen im Vergleich zu operativen oder interventionellen Fächern, hohe Arbeitsbelastung und Leistungsdruck, um möglichst kurze Liegezeiten bei schwer kranken Patienten und die schnelle Rücküberführung in den ambulanten Sektor zu gewährleisten, haben dazu geführt, dass viele Krankenhäuser über keine Diabetologie und keine endokrinologische Expertise mehr verfügen. Die Zahl der Diabetologinnen und Diabetologen in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern hat sich von 2016 bis 2021 halbiert! Und nur ein Viertel von diesen ist jünger als 50 Jahre.

    NK: Was kann gegen diese Entwicklung getan werden?

    Prof. Dr. Zimmermann: Die Diabetes- und Ernährungsteams in Kliniken müssen besser aufgestellt werden, um die klinikweite Betreuung der Patientinnen und Patienten mit Diabetes zu sichern und die Abwärtsspirale der Personalkürzungen muss im Sinne des Erhalts einer adäquaten Patientenversorgung aufhören. Der Arbeitsplatz im Fach Diabetologie im Krankenhaus muss gesichert werden und für die kommenden Generationen so attraktiv gestaltet werden, dass junge Kollegen sich auch in Zukunft ihr Engagement in diesem absolut notwendigen Bereich vorstellen können.

    NK: Warum wird die Petition in Worms übergeben?

    Prof. Dr. Zimmermann: Nicht zufällig wurde ausgerechnet Worms für die Übergabe der landesweit gesammelten Tausenden von Unterschriften ausgewählt. Zum 40. Jubiläum des Klinikums Worms auf der Herrnsheimer Höhe feiern wir dieses Jahr 4 Dekaden diabetologische Tradition mit zwei in diesem Jahr erworbenen Qualitätszertifikaten in der Erwachsenendiabetologie (stationäre Behandlungseinrichtung für Typ 1 und Typ 2 Diabetes sowie für den Diabetischen Fuß), einer neu gegründeten internistischen Diabetologischen und Endokrinologischen Station, einer erweiterten Ambulanz, einem kompetenten und engagierten Diabetesteam und einer sehr guten Zusammenarbeit mit den diabetologischen Schwerpunktpraxen vor Ort.
    Darüber hinaus verfügt die Kinderklinik über eine zertifizierte Kinder- und Jugenddiabetologie und eine ausgewiesene Expertise in pädiatrische Endokrinologie, mit stationärer und ambulanter Versorgungsstruktur.
    In Rheinland-Pfalz gibt es viele engagierte Diabetologinnen und Diabetologen. Wir haben gute Voraussetzungen, aber es wäre sehr schade, diesen Schatz an Wissen, Kompetenz und Engagement unter dem Diktat des Sparens für die Zukunft zu verspielen. Wertschätzende Signale aus der Politik in Richtung flächendeckende stationäre Diabetologie wären hilfreich und willkommen, um das Gebiet wieder zu stärken und auch die zukünftige Versorgung der Menschen mit Diabetes und schweren Komplikationen zu sichern.

    NK: Frau Prof. Zimmermann, wir danken für das Gespräch und wünschen viel Erfolg für Ihre Initiative – Nicht zuletzt, weil sie für die Menschen im Nibelungenland professionelle, medizinische Hilfe sicherstellt.

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