Sehr gut besuchte Heylshofmatinee erinnert an den Fall der Mauer
„Mein Land ist mir zerfallen“
Walter Passian (stehend) und Karl-Heinz Deichelmann ließen lyrische Texte für 50 Jahre deutsch-deutsche Geschichte sprechen. Dr. Jörg Koch beleuchtete mit Auszügen aus Zeitungsberichten und anderen Dokumenten streiflichtartig die Wendepunkte 1949, 1953, 1961 und 1989. Foto: Regina Urbach.
Von Regina Urbach. Zur Eröffnung der vierten Heylshofmatinee würdigte Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek die friedliche Revolution vor 25 Jahren, die 1989 zum Fall der Mauer geführt hat. Historiker Dr. Jörg Koch führte mit Blick auf die Zeugnisse der Wormser und anderer Zeitungen in mehrere Stationen gesamtdeutscher Geschichte ein: 1949, 1953, 1961 und 1989. Humorvoll arbeitete er dabei heraus, wie nebensächlich gerade im Regionalteil das Geschehen in Berlin angesichts der Kriegsfolgenbewältigung oder etwa der Frage nach dem Taschengeld für Schulkinder erschien.
Als Barometer für die Gefühlslage im Osten lasen Karl-Heinz Deichelmann und Walter Passian lyrische Texte von Wolf Biermann, Jürgen Rennert, Rainer Kunze, Kurt Bartsch, Richard Lessing, Reiner Kirsch und anderen. Wie immer auf den Matineen wurde das vorgetragene Wort musikalisch untermalt, diesmal von Auszügen aus dem Werk „Erlebnisse eines Tages“ von Dmitrij Schostakowitsch, dargebracht von Preisträgern des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ der Klavierklasse von Paul Streich an der Lucie-Kölsch-Musikschule, namentlich Jan Yang, Luise Bodensohn, Emilie Granson, Julia Panzer, die an diesem Tag 20 Jahre jung wurde, und Philipp Langlitz. Anwesend in der ausverkauften Veranstaltung des Förderkreises Museum Heylshof und des Nibelungenmuseums war auch Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die zum Festakt am Nachmittag die Festrede hielt.
Skeptisch und emotional im Zwiespalt angesichts der unglaublich glimpflich verlaufenen Umwälzung blieb nicht nur der Autor der Titelzeilen, Jürgen Rennert („Mein Land ist mir zerfallen“), sondern auch Wolf Bierman in einem quasi auf Heines „Deutschland in der Nacht“ antwortenden Text „Um Deutschland ist mir gar nicht bang“: „Nur blutet jetzt der schwarze Saft, statt raus, tief, tief nach innen“, mahnt er, und: „Die liebe Muttersprache kann kein Vaterland mir rauben!“