Zwei Polizistinnen betreuen seit 2015 die Wormser Flüchtlingsunterkünfte und sind Teil eines erfolgreichen Netzwerkes zur Integration
Mit Uniform, Herz und interkultureller Kompetenz
Die beiden Polizeikommissarinnen Anna Baus (stehend) und Angelina Stössel (sitzend) betreuen in einem Netzwerk zahlreicher Institutionen die Flüchtlingsunterkünfte. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Es ist ruhig geworden um die Wormser Flüchtlingsunterkünfte. Dies hat natürlich in erster Linie damit zu tun, dass es den großen Ansturm und die hitzigen Debatten der Jahre 2015 und 2016 nicht mehr gibt. Es hängt aber auch mit der vorbildlichen Organisation rund um die Heime in der Nibelungenstadt zusammen. Hier ist neben den ehrenamtlichen Helfern ein kompetentes und engagiertes Netzwerk aus Behörden entstanden, welches die Flüchtlinge ab deren Eintreffen in Worms betreut. Eingebunden sind hier die Ausländerbehörde und das Sozialamt der Stadt, die Polizei und der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) als Betreiber der Gemeinschaftsunterkünfte.
Spezielle Zuständigkeit
Der NK sprach mit den beiden Polizistinnen, die sich seit Herbst 2015 im Nebenamt mit der Thematik der Asylbewerber in Worms beschäftigen. Der Leiter der Wormser Polizeiinspektion, Polizeirat Frank Heinen, erläuterte dazu, dass mit dem Ansteigen der Flüchtlingszahlen im Jahr 2015 auch in Worms die Frage aufkam, wie man am besten mit der Situation umgehe. Rasch kam die Idee auf, es soll feste Ansprechpartner geben, sodass sich einerseits eine Vertrauensbasis zwischen Flüchtlingen und Polizei aufbauen ließe, anderseits auch bei der Polizei eine Kompetenz bei allen Fragen rund um die Thematik Migranten entstehe. Zudem sollte eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Behörden mit regelmäßigem Informationsaustausch garantiert sein.
Großes Engagement
Die beiden Polizeikommissarinnen Anna Baus und Angelina Stössel meldeten sich freiwillig für diese Aufgabe. Beide sind seit 2009 Polizistinnen und nach einem dreijährigen Studium an der Hochschule der Polizei der Polizeiinspektion Worms zugehörig.
Als sie 2015 die Aufgabe übernahmen, galt es für beide zunächst ein Konzept für die Flüchtlingsarbeit zu erstellen, sich in das Thema einzufinden und praktische Erfahrung in diesem Bereich zu sammeln. Als Grund für ihr Engagement nannten beide, die Tätigkeit in einem interkulturellen Umfeld sei eine hoch interessante und spannende Herausforderung. Auch die Selbständigkeit des Arbeitens mache Spaß. Weiter führte Anna Baus gegenüber dem NK aus, dass sie zusammen mit ihrer Kollegin alle fünf Gemeinschaftsunterkünfte mit insgesamt mehreren Hundert Flüchtlingen in Worms betreue. In den Unterkünften seien viele Nationen vertreten, wobei die meisten in Worms untergebrachten Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan stammen würden. Den zeitlichen Aufwand für ihre Arbeit schätzt sie auf etwa einen Tag pro Woche. In ihrer Hauptfunktion, also an vier Tagen, seien sie Bezirksbeamtinnen. Dies bedeute, sie betreuen einen bestimmten Wormser Stadtteil, Angelina Stössel ist für den Bezirk Neuhausen zuständig und Anna Baus für den Bezirk Worms Süd.
Kommunikation auf Deutsch
Auf die Frage, wie denn die Verständigung mit den Asylbewerbern funktioniere, erklärte Angelina Stössel, dass viele Flüchtlinge inzwischen recht gut Deutsch könnten und grundsätzlich auch eine Kommunikation in deutscher Sprache versucht werde. Manchmal müsse ein Dolmetscher helfen oder es ginge auch mal mit Händen und Füßen, fügte Anna Baus lächelnd hinzu. Das wichtigste an ihrem Job sei, ein Vertrauensverhältnis zwischen allen Beteiligten aufzubauen. Nur wenn dies vorhanden sei, komme auch eine für alle Seiten zielführende Kommunikation zustande. Mittlerweile seien sie in den Unterkünften und bei den involvierten Behörden bekannt, genauso wie sie ein recht gutes Bild von den Bewohnern hätten. In den Unterkünften würden sie freundlich begrüßt, ab und an auch um Rat gefragt, wobei ihre Aufgabe ganz klar die Aufrechterhaltung der Ordnung sei. Die wöchentlichen Besuche dienten aber auch dazu, zu erfahren, wie die Stimmung sei und ob sich irgendwelche Probleme abzeichneten, sodass sie frühzeitig eingreifen können. Es gelte dabei, stets eine Balance zu finden. So repräsentierten sie auf der einen Seite die Staatsmacht, die das Gesetz durchsetzen muss, sie seien genauso aber der Freund und Helfer. Im Prinzip sei dies nicht anders als bei deutschen Mitbürgern.
Präventionsarbeit als zentraler Aspekt
Es sei wichtig, frühzeitig vorbeugend zu arbeiten und nicht abzuwarten, bis Delikte begangen würden. Dies funktioniere in Worms sehr gut. Es gebe derzeit keine großen Probleme, erläuterte Angelina Stössel. In der Vergangenheit sah das teilweise anders aus. Bevor die Polizistinnen ihre Arbeit begonnen haben, gab es in einer der Unterkünfte in Worms häufiger Probleme. Dort kam es regelmäßig zu Polizeieinsätzen.
Erster Polizeihauptkommissar Dietmar Haller, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Worms, ergänzte hier, man müsse die Größe der Stadt und der Unterkünfte sehen. Worms sei kein Brennpunkt und nicht Frankfurt, Mannheim oder Berlin. Natürlich gebe es hin und wieder Gesetzesüberschreitungen durch Zuwanderer, wie bei deutschen Mitbürgern auch. Dies seien bei Flüchtlingen in erster Linie Ladendiebstähle und vereinzelte Körperverletzungen. Es sei eben nicht immer problemlos, wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen auf so engem Raum zusammenlebten, da blieben Spannungen nicht aus. Aber es seien keine wirklich ernsthaften, nachhaltigen Konflikte. Meist gehe es darum, dass es einem zu laut sei oder ähnliches. Manchmal schaukle sich so etwas hoch. Genau deshalb sei es so wichtig, nah an den Menschen dran zu sein, Informationen zu gewinnen und vernetzt mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten.
Modell funktioniert
Ob sie als Frauen überhaupt in der Funktion des Ordnungshüters respektiert werden würden, wollte ich wissen, woraufhin Angelina Stössel erklärte, anfangs hätten viele, auch aus dem Kollegenkreis gesagt, dies funktioniert nie, aber es funktioniert. Weiter sagte sie: „Es hat in Worms keinen einzigen Fall gegeben, bei dem ich in meiner Tätigkeit als Ansprechpartnerin von einem Zuwanderer nicht respektiert worden wäre.“ Weiter führte sie aus, dass viele Bürger ganz falsche Vorstellungen hätten. In den Unterkünften in Worms gehe es sehr friedlich zu, keineswegs sei dies ein rechtsfreier Raum. Auch mit alleinstehenden jungen Männern hätte sie noch keine Schwierigkeiten gehabt. Wobei dies nicht nur eine Erfolg ihrer Arbeit sei, hier sei das ganze Netzwerk aus Stadt, ASB und Polizei zu nennen.
Das gesamte Betreuungs- und Präventionsmodell zeige, wie wichtig es sei, die Neuankömmlinge frühzeitig an die Hand zu nehmen, ihnen Chancen zu bieten, sie aber genauso mit Rechten, Pflichten und Gepflogenheiten in Worms vertraut zu machen.
Anna Baus (links) und Angelina Stössel im Gespräch mit zwei Asylbewerbern. Foto: Gernot Kirch