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  • Mo., 20. Juli 2020, 14:53 Uhr
    SEXUALISIERTE GEWALT: Wormser Anlauf- und Beratungsstellen für Kinder und Frauen fordern kontinuierliche Aufklärung

    Nach erster Empörung wieder in Tabuzone

    Häufig und leider alltäglich: sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Foto: Pixabay/Counselling


    VON VERA BEIERSDÖRFER | Die Fälle von systematischem, langjährigem Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen, verbunden mit dem Vertrieb von Missbrauchsdarstellungen im Internet sorgen für Erschütterung und Fassungslosigkeit bundesweit.
    Als Fachberatungsstelle zum Thema „Sexualisierte Gewalt“ ist es dem Frauennotruf Worms sowie dem hiesigen Kinderschutzdienst des ASB ein Anliegen, sich zu den aktuellen Vorkommnissen in Münster und Lügde und der daraus entstandenen Diskussion zu positionieren.
    „Die heutigen Formen und Möglichkeiten zur Verbreitung von kinderpornografischen Filmen und Bildern durch digitale Medien sind immens. In der aktuellen Debatte zu den aufgedeckten Fällen kommt jedoch vieles zu kurz, was fachlich notwendig wäre“, bemängelt Regina Mayer vom Wormser Frauennotruf. Die alleinige Forderung nach Erhöhung von Strafmaßen sei hier nicht ausreichend, erklärt Silke Lachmann vom Kinderschutzdienst. „Durch den entstandenen öffentlichen Handlungsdruck werden Gesetzesvorlagen erarbeitet oder politische Programme umgesetzt. Manchmal hat das den Vorteil, dass einiges möglich wird, was lange nicht denkbar war“, befürwortet Regina Mayer. Dennoch fehle eine langfristige Strategie, um sexualisierter Gewalt wirksam zu begegnen.


    Kein neues Problem

    „Mit jedem Fall, der an die Öffentlichkeit gelangt, erscheint das Thema ganz neu. Vergessen wird dabei die Häufigkeit und Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche führt Silke Lachmann aus.
    Sie weißt daraufhin, dass sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ein gesamtgesellschaftliches und strukturelles Problem ist mit schwerwiegenden psychischen, sozialen und auch sozioökonomischen Folgen. „Die Erfahrung von körperlicher, sexualisierter und psychischer Gewalt beeinflusst Bildungschancen, die Gesundheit und die Lebensqualität einer Vielzahl junger Menschen“.
    Jeder 8. Erwachsene hat Studien zufolge in seiner Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt. Regina Mayer die bei der Wormser Fachberatungsstelle überwiegend erwachsene Frauen begleitet, kann dies bestätigen und berichtet, dass eine Vielzahl der Frauen, die die Beratungsstelle aufsuchen, bereits in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben und ihnen die Unterstützung und parteiliche Begleitung gefehlt hat, die sie gebraucht hätten.


    Gesellschaftlich 
kaum bekannt

    „Beratungsstellen, Kinderschutz- und Opferschutzorganisationen thematisieren nicht nur seit vierzig Jahren das Ausmaß sexualisierter Gewalt, sondern sie haben bereits seit den 90er-Jahren auf die Herstellung und Verbreitung von Bildern und Filmaufnahmen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hingewiesen“, berichtet Regina Mayer. Sie bedauert, dass damals schlicht von Einzelfällen die Rede gewesen war: „Gesellschaftlich war das Thema kaum bekannt und die Strafverfolgung schwierig“. Beratungsstellen wurde in den 1990ern Übertreibung und Verallgemeinerung von Ausnahmefällen vorgeworfen, die Glaubwürdigkeit der Betroffenen wurde oft infrage gestellt.
    Hilfseinrichtungen mussten – damals wie heute – staatliche Zuschüsse für ihre Arbeit jährlich neu beantragen und legitimieren, oftmals kam es zu Kürzungen und Einstellungen von Projekten. „Um juristisch erfolgreicher gegen Kindesmissbrauch und sexualisierte Gewalt vorzugehen, braucht es vieles, aber insbesondere ein starkes Unterstützungssystem für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.

    Für die Zukunft ist es daher wichtig, umfangreiche Ressourcen für die Beratungsstellen zur Verfügung zu stellen“, verdeutlicht Silke Lachmann. Coronabedingt sind im ersten Halbjahr 2020 viele Erst-Anlaufstellen wie Schulen, Kindergärten und Sportvereine, wo sich Kinder Erzieher*innen, Lehrer*innen oder Trainer*innen anvertrauen konnten, weggebrochen. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche Informationen erhalten, wo sie darüber hinaus Unterstützung erhalten können, wenn sie Opfer von Gewalt und/oder sexualisierter Gewalt wurden.
    Opferschutz-Verbände, wie der Landesverband autonomer Frauennotrufe in Nordrhein-Westfalen, fordern daher ein systematisches Vorgehen, das neben einer Verbesserung der Ausstattung zur Strafverfolgung, verpflichtende Präventionsmaßnahmen und eine flächendeckend finanzierte Hilfestruktur vorsieht. „Es ist unabdingbar, das Tabu-Thema besprechbar zu machen – über die kurzen aufflackernden Fälle hinaus. Dafür braucht es regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit und gesellschaftliche Aufklärung, appelliert Regina Mayer an die Politik. „Ebenso relevant ist aber, dass wir vor Ort ein starkes Unterstützungssystem haben, um die anschließende Versorgung sicherstellen zu können; auch für erwachsene Betroffene.“

    Im Jahr 2019 wandten sich insgesamt 176 Kinder und Jugendliche, sowie Bezugspersonen und Fachkräfte hilfesuchend an den ASB Kinderschutzdienst. Die Zuständigkeit des ASB Kinderschutzdienstes bezieht sich auf die Stadt Worms und die eingemeindeten Vororte. Dies ist der Höchststand seit dem Bestehen des Kinderschutzdienstes. Im ersten Halbjahr 2020 wurden 117 Kinder, Jugendliche, Bezugspersonen und Fachkräfte durch den Kinderschutzdienst beraten. Im Frauennotruf nahmen 2019 107 betroffene Frauen und Mädchen, Unterstützungspersonen und Fachkräfte das Beratungsangebot in Anspruch. Die Fachstelle musste erstmalig eine Warteliste führen, da die personellen Kapazitäten für weitere Beratungen vollkommen ausgeschöpft waren. Sexualisierte Gewalterfahrungen in der Kindheit sind der häufigste Grund einer Kontaktaufnahme zum Frauennotruf.

    Anlaufstellen in Worms

    Notruf- und Beratungsstelle -
    Fachstelle geg. sexualisierte Gewalt
    Lutherring 21
    67547 Worms
    06241 / 6094
    notruf@frauenzentrumworms.de
    www.frauenzentrumworms.de
    Kontaktpersonen: Helena Duve und Regina Mayer

    Kinderschutzdienst des ASB
    Judengasse 26
    67547 Worms
    06241 / 88917
    kinderschutzdienst@asb-worms.de
    http://www.asb-worms.de
    Kontaktpersonen: Anika Hapke, Silke Lachmann und Sarah Brenzinger

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