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  • Di., 08. Dezember 2015, 16:17 Uhr
    Bauprobe zu den Festspielen 2016 / Nuran David Calis und Albert Ostermaier im Gespräch mit NK-Redakteurin Regina Urbach

    Nebelige Nibelungen

    Nuran David Calis, Sascha Kaiser, Irina Schicketanz, Albert Ostermaier und Petra Simon (von links). Foto: Bernward Bertram

    Von Regina Urbach Begrüßt von Sascha Kaiser, Geschäftsführer der KVG und Petra Simon, künstlerische Betriebsdirektorin Nibelungenfestspiele gGmbH, fanden sich heute Regisseur Nuran David Calis, Autor Albert Ostermaier und Bühnenbildnerin Irina Schicketanz sowie Verantwortliche für Ton und Licht zur Bauprobe vor dem Dom inmitten der Baustelle ein. Dabei gewährten Regisseur und Autor dem Nibelungenkurier Einblicke in Stück und Aufführung der Festspiele 2016. Die Interviews führte Regina Urbach


    Nuran David Calis: „Der Dom muss eine Rolle spielen“


    Warum haben Sie sich mit Worms und den Nibelungen beschäftigt?
    C: Der Nibelungenstoff ist eine der größten Erzählungen in Deutschland. Ich habe schon sehr früh Theater gemacht, da war der Nibelungenstoff auch immer ein Thema. Und die Frage, wie das jemand der wie ich von außen kommt, erzählt. Es war eine Frage der Zeit, wann ich das machen würde. Als der Anruf von Nico Hofmann kam, war klar, das mache ich, gerade an dem Ort, an dem dieser Mythos gelebt wird.


    Was reizt Sie an Ostermaiers Stück?
    C:  Die Fassung, an der er gerade arbeitet, ist so konsequent und ehrlich, wie man nur sein kann. Zum ersten Mal holt er alle Beteiligten auf die Bühne. Das Fundament bleibt der Nibelungenstoff. Der wirkt zugleich wie ein Katalysator und setzt bei allen Leuten, die an diesem Abend zwei, drei Szenen vor Originalkulisse drehen wollen, etwas frei. Die im Nibelungenstoff steckenden Konflikte greifen auf sie über, aus den Nibelungen-Urgründen wird hier ein Krieg erzeugt. Für einen Regisseur ist es interessant, die Leute so aufeinander treffen zu lassen.


    Wird es denn hinter den Kulissen Mord und Totschlag geben?
    C: Ja. Ob eine der Figuren dran glauben muss, muss sich an dem Abend zeigen – das wird aufregend!


    Gibt es wieder Musik?
    C: Ein Chor wird dabei sein, es gibt mitreißenden Gypsy Folk à la Emir Kusturica. Eine Party auf der Bühne muss auf die Zuschauer überschwappen.


    Was sind die Herausforderungen des Spielorts für Sie?
    C:  Der Dom soll Teil des Bühnenbilds werden. Wir gehen auch in den Dom hinein, mit Live-Kamera. Das wollte ich schon, als ich den Dom als Teil des Bühnenbilds von außen gesehen habe. Durch das Arbeiten mit Video möchte ich die Zuschauer hineinziehen und den Schauspielern auf die Pelle rücken, auch für die Zuschauer auf den hinteren Plätzen.


    Also eine Rückkehr zu Filmeinspielungen wie bei Dieter Wedel. Oder doch anders?
    C: Ich habe keine Arbeit von Herrn Wedel hier gesehen. Hier werden gute Theaterschauspieler stehen, die auch sehr präsent im Film sind. Ihr Können kommt bei einer reinen Theaterdarstellung einfach zu kurz. Deshalb arbeite ich mit Livekamera und einer riesigen Erzähl-Leinwand. Ich möchte so aus den Schauspielern mehr Intensität, mehr Potenzial herausholen. Ich folge ihnen in den Dom, auf die Toilette, überall hin…sie kommen aus dieser Geschichte nicht heraus! Die Zuschauer erhalten Zugang zu allem, es gibt kein Off. Die Darsteller können nicht abtreten, sich ihrer Geschichte nicht entledigen, auch nicht in den privatesten Momenten.


    2015 wurde kritisiert, dass die Bühne in ihrer Breite nicht ausreichend bespielt wurde. Wie wollen Sie dies 2016 erreichen?
    C: Der Dom ist mehr als eine Kulisse, er muss eine Rolle spielen. Die Darsteller sollen ihn begehen, bespielen, die Zuschauer sollen neue Facetten dieses Orts für sich erfahren. Diese Dynamik, diese Intensität soll sich auf die Zuschauer übertragen.


    Bildschirm und Dom gleichzeitig – da wird doch die Aufmerksamkeit geteilt?
    C: Ja, denn das Leben auf der Bühne ruht ja nicht, wenn etwas auf dem Bildschirm zu sehen ist. Das ist ein Spannungsverhältnis. Ich glaube, die Zuschauer sind bereit und es ist zumutbar, auf vieles zu reagieren. Durch eine kurze Irritation wird man tiefer in die Geschichte hineingezogen. Wenn uns das über die verschiedenen Medien und Zugriffe gelingt, wird das ein spannendes Abenteuer.


    Albert Ostermaier: „Zickenkrieg, potenziert“


    Aus Film wird Realität – ist es das, was im Nibelungenstück 2016 passieren wird, also ein Gemetzel unter den Darstellern?
    O : Es wird kein Bühnengemetzel oder Amoklauf geben, es soll subtiler sein. Der Nibelungenstoff mit seinen Konfliktstellen soll während der gesamten gespielten „Dreharbeiten“ präsent sein. Man muss ja über die Nibelungen sprechen, wenn man sie verfilmen will: Wie kann man diesen Stoff gegenwärtig machen, was hat er für ein Potenzial? Was wird da eigentlich erzählt und was können wir heute noch erzählen? Wie offensiv gehen wir damit um? Es wird aber nicht so sein, dass im Stück der Siegfrieddarsteller erstochen wird oder ähnliches.


    Der Zickenkrieg wird aber real?
    O: .. ein globales Thema, aber in einer neuen, überraschenden Variante, nochmals potenziert. Übrigens können auch Männer zicken.


    Sie haben das Stück so offen gestaltet, dass es bei den Proben noch veränderbar ist. Was ist für Sie absolut nicht verhandelbar?
    O: Einzelne Fenster oder Ebenen bleiben bis zuletzt offen. Spontane überraschende Elemente wirken einfach lebendiger. Wir wollen darauf reagieren können, was in der Welt und um uns herum gerade passiert. Natürlich muss man diese Offenheit auch aushalten. Ob das glückt, hängt von den Schauspielern ab, wie sie improvisieren. Diese Risikoflächen finde ich sehr spannend. So wie ich Nuran David Calis kenne und schätze, weiß ich, dass er den Text würdigt, dass er das im Sinn des Stücks machen wird, da habe ich vollstes Vertrauen. Wir konzipieren und entwickeln das gemeinsam: Wie gehen wir mit dem Stoff um? Wie wird er auf der Bühne ausgehen? Ich sage nicht „Mach in der und der Partie, was du willst.“ Nein, an bestimmten Stellen im Stück steht, was passieren soll. Das sollen die Schauspieler mit Leben füllen – toll, was Schauspieler da oft können!


    Sie wollen auf verschiedenen Zeit- und Sprachebenen agieren, die Magie von Film, Bühne und Realität zeigen- wollen Sie nicht zu viel auf einmal?
    O: Nuran David Calis ist ein strenger, radikaler Regisseur. Das Schöne an der Arbeit mit ihm ist, dass man ein Gegenüber hat. Wir werden gemeinsam auch zu radikalen Entschlüssen kommen, beispielsweise etwas wegzulassen oder zu vereinfachen. Wir arbeiten und probieren hier in einem vertrauten Kosmos.

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