
Von Vera Beiersdörfer Eine repräsentative Studie zeigt, dass fast jede siebte Frau in Deutschland mindestens einmal Opfer von sexueller Gewalt wird. Das sind neben Vergewaltigung auch versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Nur etwa fünf Prozent der Frauen, die seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen von sexueller Gewalt erlebt haben, zeigen diese Taten überhaupt an.
„Aus Scham und Angst davor, dass über ihren Kopf hinweg Anzeige erstattet wird, meiden die meisten Betroffenen zudem Ärzte und Krankenhäuser, ihre körperlichen Verletzungen bleiben somit medizinisch unterversorgt. Auch das seelische Trauma wird verdrängt und die Frauen bleiben in der Not mit ihrer Sorge um ihre Gesundheit allein und finden erst später den Weg zu Fachberatungsstellen. Das soll nun anders werden!“, erläuterte Regina Mayer vom Wormser Frauennotruf während eines Pressegesprächs im Klinikum.
Einer von zwei rheinland-pfälzischen Standorten
Das Modellprojekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“, das diese Woche im Klinikum Worms gestartet ist, soll in erster Linie allen Vergewaltigungsopfern Zugang zur bestmöglichen medizinischen Versorgung gewähren – unabhängig von der Bereitschaft Anzeige zu erstatten. "Ich bin stolz, dass Worms einer von zwei rheinland-pfälzischen Standorten ist, der Frauen einen niederschwelligen und unbürokratischen Zugang zur Erstversorgung nach Vergewaltigung ermöglicht", lobte Oberbürgermeister Michael Kissel das Engagement aller am Projekt Beteiligten. Er hofft, dass dies ein weiterer Schritt ist, um das Thema sexualisierte Gewalt endlich aus der gesellschaftlichen Tabuzone heraus zu holen.
Standardisiertes Verfahren
Gemeinsam mit dem Klinikum hat der Frauennotruf Worms als Trägerin des Projekts ein Konzept übernommen, das der Frauennotruf Frankfurt 2013 entwickelt hat. „Menschen, die eine Vergewaltigung erlebt haben, sind in erster Linie Patientinnen. Daher ist es unsere gesellschaftliche Verantwortung, die Betroffenen adäquat medizinisch zu versorgen. Dabei kann ein standardisiertes Verfahren nur helfen“, erklärte Prof. Dr. Thomas Hitschold, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, die Motivation sich an dem Projekt zu beteiligen. Regina Mayer dankte dem Ärzteteam dafür, dass sie im Klinikum sofort auf offene Ohren gestoßen sei, als Ende 2015 die Idee das Frankfurter Modell nach Worms zu holen am Runden Tisch gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen geboren war.
Signal für Betroffene
Finanziert wird das Vorhaben vor allem vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Familien, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz, die Untersuchungskosten trägt das Klinikum. Ein Untersuchungs-Kit, das u.a. mit einem standardisierten Fragebogen bestückt ist, kostet rund 70 Euro und wird derzeit von der Stadt finanziert, zudem sollen künftig Bußgelder vom Amtsgericht zugeleitet werden. "Noch ist nicht alles geklärt. Für weitere Kalkulationen muss zunächst abgewartet werden, wie sich das Projekt etabliert", veranschaulichte Regina Mayer. "Jedoch ist das Bekenntnis solch vieler Akteure und Unterstützer schon jetzt ein Signal für die Betroffenen, sich nicht zu schämen. Stigmatisiert wird der Täter, nicht das Opfer!", ergänzte Kissel.
Geschützter Wartebereich
„Die meisten Frauen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, haben unmittelbar nach dem Ereignis das Bedürfnis nach einer zuverlässigen Anlaufstelle, bei der sie sowohl medizinische Hilfe als auch Kontaktinformationen für die Weiterbetreuung erhalten. Das Projekt bietet durch ausführliches Informations- und Untersuchungsmaterialien auch uns Ärzten Hilfestellung, diese Frauen umfassend versorgen zu können", berichtete Dr. Angelika Matich, projektverantwortliche Oberärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Hilfesuchenden können dabei sicher sein, in einem abgeschiedenen Raum, geschützt vor der Öffentlichkeit in Ruhe warten zu können, bis sie versorgt werden. Erst im zweiten Schritt wird mit den Frauen geklärt, ob sie an einer Spurensicherung interessiert sind. Willigt die Patientin ein, werden die gesicherten Spuren unentgeltlich vom Projektpartner ASB ins Institut für Rechtsmedizin gebracht und dort für ein Jahr gelagert, um im Fall einer Anzeigenerstattung verwendet werden zu können.
Werbung soll aufklären
„Durch die Auslage von Materialien bei Beratungsstellen, niedergelassenen Ärzten und bei öffentlichen Stellen und die Plakatierung von Werbeflächen möchten wir vor allem die Frauen ansprechen, die eine Anzeigenerstattung scheuen oder sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend entscheiden möchten“, erklärte Jasmine Olbort, die als Gleichstellungsbeauftragte das Projekt ebenfalls begleitet. Alle Beteiligten hoffen nun, dass mit Start des Projektes weniger Frauen, denen sexualisierte Gewalt angetan wurde, eine medizinische Versorgung scheuen.
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