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  • Di., 22. Juli 2014, 21:46 Uhr
    Mit „Hebbels Nibelungen – born this way“ verabschiedet sich Dieter Wedel als Intendant von den Nibelungen-Festspielen

    Nicht ganz so wild, aber düster und eindringlich

    Die Darsteller überzeugten durch schauspielerisches Können. Foto: Karolina Krüger


    VON REGINA URBACH Groß war der Promiauflauf zur Premiere der Nibelungenfestspiele am Freitag; schon ab 18.30 Uhr warteten Schaulustige, um Autogramme oder ein Lächeln fürs Handyfoto zu erhaschen. Der „König des Heylshofparks“, Dieter Wedel, in diesem Jahr zum letzten Mal als Intendant für die Inszenierung verantwortlich, ließ sich gerne feiern. Bundespolitiker und Ehemalige wie Wolfgang Bosbach, die Medienbeauftragte der Bundesregierung Monika Grütters, Rainer Brüderle oder Dirk Niebel gaben sich ebenso die Ehre wie zahlreiche Landespolitiker wie Kultusministerin Doris Ahnen, Justizminister Jochen Hartloff, Landrat Ernst Walter Görisch, Julia Klöckner, Landtags- und Bundestagsabgeordnete. 

    Medienvertreter wie der ehemalige ZDF-Intendant Markus Schächter und Prominenz aus Kultur und Showbiz wie Costa Cordalis (allerdings ohne Quasi-Schwiegertochter Daniela Katzenberger) flanierten, umzuckt vom Blitzlichtgewitter, an diesem Sommerabend durch den glamourösen Heylshofpark.

    Der Autor früherer Nibelungenfassungen, Moritz Rinke, war ebenso erschienen wie Nico Hofmann und Thomas Schadt, die die Festspiele 2015 verantworten werden. In der Pause und beim Party-Ausklang konnten Köstlichkeiten vom Parkhotel Prinz Carl genossen, Interviews und Gespräche geführt und auch mal – gegen Morgen – ausgelassen gefeiert werden. Preisträger der Jugendmusikschule und mehrere Musikgruppen webten mit an der musikalischen Verzauberung des Parks.

    Durch Wedel Alleinstellungsmerkmale entdeckt Zur Verabschiedung von Dieter Wedel würdigte Oberbürgermeister Michael Kissel dessen Verdienste. Bürgerstolz sei durch das „Wunder von Worms“ entstanden, so Kissel. Worms habe durch Wedel die magische Kulisse des Kaiserdoms und „Europas schönstes Freilicht-Theaterfoyer“ als Alleinstellungsmerkmale entdeckt.

    Dank für „13 spannende Jahre“
    Wedel dankte dem Wormser Publikum und vielen Unterstützern für „13 spannende Jahre“. Er schilderte, wie selbst ein Sanitätereinsatz beim Improvisationsstück „Teufel, Gott und Kaiser“ 2010 vom Publikum für eine gekonnte Inszenierung gehalten wurde – ein sehr dankbares Publikum! Er dankte besonders ZDF und SWR für die Unterstützung bei den Filmeinspielungen und die kontinuierliche Berichterstattung. Mit den Worten „jedem Abschied wohnt ein Neubeginn inne“ verwies er auf sein Nachfolge-Trio, das er aber nicht an seine Seite bat. Seine letzte Inszenierung kündigte Wedel an als seine „größte, dramatischste, poetischste und problematischste“. Um dieses Stück dürften sich Nibelungenfestspiele nicht drücken.

    Lars Rudolph spielt die Rolle des Hagen auch in diesem Jahr. Foto: Karolina Krüger


    Nibelungentreue kritisch reloaded
    Die Reaktionen des Premierepublikums auf die anschließende Aufführung fielen geteilt aus. Unbestritten hinterfragt Wedel die „Nibelungentreue“ kritisch, jene Tugend, die Goebbels 1943 nach Stalingrad den Deutschen predigte und deren Lobpreis Hebbel der Figur des Werbel (unheimlich: Michael Tregor) in den Mund legt. Wenn die Burgunden auch sonst wenig vollbrächten, so Werbel, spräche doch ihr unbedingter Zusammenhalt für sie. Für diesen, von Goebbels vereinnahmten Satz wird die Figur im Stück kommentarlos erschossen – bei Hebbel lebt sie weiter.

    Doch findet die Auseinandersetzung darum in der Charakterisierung der drei Kulturen Burgunds, Bechelarens und der Hunnen statt. Die Burgunden werden recht eindimensional vorgeführt als tumbe, kriegswütige, fremdenfeindliche, paranoide und zu allem Überfluss auch noch notgeile Teutonen, die sich nur bei Blasmusik, Schnitzel und Bier wohlfühlen. Dazu setzen sie etwa Etzels großzügigem Willkommensfest ein stampfendes Marschlied entgegen. Sie sind es, die den Krieg ins Hunnenreich tragen, das durch einen abgeklärten Etzel (eher cool als wild und leidlich Bulgarisch sprechend: Erol Sander) die Welt befriedet hat. Den Burgunden ist es in Worms langweilig. „Nur im Feld zählt der Mann noch was“, singen sie im Volkslied.

    Bei Hebbel scharfe Kritik der Nibelungentreue
    Und doch findet sich bei Hebbel bereits die schärfste Kritik an der Nibelungentreue, aus dem Munde Kriemhilds (königlich-beherrscht gespielt von Charlotte Puder). Sie fordert eher Gerechtigkeit als Rache. Den Mord an Siegfried, einem Helden, hätten ihre Brüder gedeckt oder sogar aktiv mitbetrieben, empört sie sich. Aber den Mörder Hagen, den deckten sie nun, um den Preis ihres eigenen Lebens. Trotzdem reicht sie ihren Brüdern, sogar Gunther, die Hand – doch diese sterben lieber mit dem „Teufel“ Hagen (durch und durch garstig und schauspielerisch sehr überzeugend: Lars Rudolph), der sie fest im Griff hat. Wodurch eigentlich, wird nicht nachvollziehbar.

    „Ihr widert mich“: Starre vor dem Bildschirm
    Im zweiten Teil offenbart die Darstellung, die durch eine Art Thriller-Livemusik (Matthias Trippner an Keyboard und Percussion) und actionreiche Szenen im ersten Teil mit Kletterpartien, Morden, Mordversuchen und viel Wasser noch Spannung hält, dann ihre Schwächen. Bis zum resignativen Ende, dem Abtritt Etzels mit den Worten „Ihr widert mich“, gerät der Regie das zeitlupenartig gedehnte Morden immer starrer. Reglos lässt Kriemhild ihren Sohn (Romeo Hinkel) von Hagen ermorden, Etzel reagiert darauf mimisch und verbal erst in einer Filmsequenz. Reglos beobachtet auch Etzel die Hinrichtung Kriemhilds durch Dietrich von Bern (majestätisch: Robert Joseph Bartl), der als christlicher Herrscher von ihm mit der Nachfolge seines Reiches betraut wird. Über lange Passagen zeigen Filmeinspielungen das gegenseitige Abschlachten, während die Darsteller zu glotzenden Statuen vor dem Bildschirm gefrieren. Der Spannung und Logik der Dramaturgie hätte es besser getan, hätte Wedel so nicht auch noch das passive Beobachten fremder Kriege am Bildschirm kritisieren wollen.

    Erol Sander (von links). Foto: Karolina Krüger


    Eine Kriemhild voller Brüche
    Besonders die Figur der Kriemhild leidet unter schwer nachvollziehbaren Brüchen: Zunächst sympathisch als eine Art „weiblicher Michael Kohlhaas“ (Dieter Wedel), eine selbstbewusste Gerechtigkeitskämpferin mit beherrschtem Auftreten. In einer Filmsequenz mutiert sie zur blutgierigen Brudermörderin mit irrem Blick, die besessen an der Locke ihrer Mutter rupft. Zum Schluss, wieder auf der Bühne, gilt ihr Interesse vorrangig dem verlorenen Nibelungenschatz und ihrer Obsession von der Tötung Hagens. Erst, als sie diese ausführt, löst sie sich aus ihrer Erstarrung und lässt sich zu einer langen Umarmung Hagens (nicht aber ihres von Hagen ermordeten Sohnes!) hinreißen.

    Die Antiklimax dieses von Kriemhild und Hagen vorangetriebenen Untergangs mit seinen nur reagierenden Gegenspielern, etwa Rüdiger (engagiert, aber zu wenig berührend: Roland Renner), riss auch das Publikum nicht zu Begeisterungsstürmen hin; eher verhalten fiel der Applaus aus. Gelungene, starke Bilder – Kriemhild, verheiratet mit Siegfrieds Sarg; Etzel, schweigend die stolze Kriemhild umreitend; archaische Schamaninnen; Burgunden, verschanzt unter einer monumentalen Doppelpferdstatue – verpuffen in operettenhaften „Auflockerungen“ nach dem scheinbar unverzichtbaren Rezept „Sex sells“. Um die Raufbolde und ihre Ideologie fragwürdig erscheinen zu lassen, hätte es nicht unbedingt weißer Unterhosen und eines 5000-Liter-Badezubers bedurft.

    Insgesamt sind diese Festspiele zweifellos ein ernster Abschied Wedels, ein eindringlicher Appell gegen Kriegstreiberei, Gleichgültigkeit und Kompromisslosigkeit – aber kein leicht verdaulicher.

    Costa Cordalis war einer der Promis bei der Premiere. Foto: Karolina Krüger


     



     

     

     

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