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  • Mi., 23. September 2020, 00:21 Uhr
    DEPORTATION: Für die Errichtung Gedenk- und Lernort am ehemaligen Güterbahnhof sollen endlich Fakten geschaffen werden / Infoveranstaltung und Diskussion am 8. Oktober im LincolnTheater

    „Nur Lippenbekenntnisse, sonst nichts“

    Setzt sich weiterhin für die Realisierung eines Gedenk- und Lernortes am ehemaligen Güterbahnhof in Worms ein: Heiner Boegler, Sprecher des Bündnisses gegen Naziaufmärsche Worms. Foto: Steffen Heumann


    VON STEFFEN HEUMANN | Seit 10 Jahren köchelt das Thema und die Realisierung eines Gedenk- und Lernortes auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes hoch. Der Flyer, mit dem die Initiatoren, das Bündnis gegen Naziaufmärsche, für das Projekt werben, hat inzwischen leichte Patina angesetzt. Dass die Errichtung der Stätte, die an die Deportation von Juden, Sinti und Roma aus Worms am Original-Schauplatz der Laderampen erinnern soll, immer noch auf Eis liegt, hat Gründe. Dass außer Lippenbekenntnissen nichts passiert ist, ärgert Heiner Boegler maßlos. Willensbekundungen, die großes Interesse auch an der Aufarbeitung der eigenen (Reichs-) Bahnvergangenheit vermuten lassen, gibt es sowohl von der Bahn als Grundstückseigentümer, also auch vom Rat der Stadt, der bereits einen Grundsatzbeschluss gefasst hat. Nur an konkreten Schritten mangelt es.

    Entscheider für Bedeutung des Vorhabens sensibilisieren

    Von einer Informations- und Diskussionsveranstaltung, zu der das Bündnis und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes mit Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Worms-Alzey am 8. Oktober um 19 Uhr in das LincolnTheater einladen, erhofft sich Heiner Boegler die entscheidenden Impulse. Mit dem Historiker und VVN-BdA-Bundessprecher Dr. Ulrich Schneider, erläuterte ein profunder Kenner, warum gerade in Zeiten verstärkter rassistischer Angriffe und Morde wie in Hanau, die Gedenkstättenarbeit einen besonders hohen Stellenwert haben sollte. Einen Beitrag dazu zu leisten, die Vergangenheit den jungen und interessierten Menschen präsent zu machen, dass wünscht sich auch Heiner Boegler. „Es geht darum, die Entscheider für dieses Vorhaben zu sensibilisieren“, betont Boegler im Gespräch mit dem NK. „Ehe es zu spät ist und bevor Fakten geschaffen werden“, ergänzt Boegler. Der Verkauf von Grundstücken auf dem Bahngelände sei bereits im Gange, wie Heiner Boegler weiß. Wenn die dortigen Filetstücke bereits an private Käufer vermarktet sind, stünden die Aussichten, den auf eine Fläche von 300 Quadratmeter konzipierten Gedenk- und Lernort, doch noch realisieren zu können, sehr schlecht. „Es muss jetzt gelingen, viele Befürworter ins Boot zu holen“, unterstreicht Boegler, „nur dann können wir etwas erreichen“.

    Austausch mit der Bahn ohne konkretes Ergebnis

    Dass es auch Stimmen gibt, die Gedenkarbeit als fragwürdig abtun oder das Schicksal von mehreren hundert Menschen, die nach der Deportation zumeist in den Tod geschickt wurden, in Worms bereits in ausreichendem Maße gewürdigt sei, kann Heiner Boegler nicht nachvollziehen. Nach der öffentlichen Debatte im Rahmen des Projektes „Grüne Schiene/Soziale Stadt“ entlang der Güterhallenstraße, neben Wohnanlagen sowohl ein Jugend und Kulturzentrum als auch ein Mahnmal zu errichten, sei das Bündnis an die Bahn mit dem Vorschlag einer Schenkung der benötigten Fläche einschließlich der darauf befindlichen Gleisanlage mit Prellbock herangetreten. In dem Schreiben vom Juli 2018 an Bahnvorstand Dr. Richard Lutz hatte das Wormser Bündnis auch zum Ausdruck gebracht, dass das Erinnerungsprojekt nicht nur bei den Bürgern von Worms, sondern auch auf landespolitischer Ebene eine positive Resonanz erfahren habe.

    Im August 2018 mochte der Konzernbevollmächtigte, Jürgen Konz, im Auftrag des Bahnvorstandes noch keine Auskunft über die Folgenutzung auf dem Areal erteilen, da sich die erforderliche Planungsvereinbarung mit der Stadt noch in Abstimmung befinde. Die schließe auch die Erneuerung der Eisenbahnüberführung in der Gaustraße ein. Grundsätzlich aber habe die Deutsche Bahn AG ein großes Interesse daran, ihre eigenen Grundstückssituationen optimal zu ordnen und zukunftsfähig zu gestalten, wie Konz in einem früheren Schreiben unterstrich. Auch ein detaillierter Zeitablauf lasse sich nicht darstellen, so der Konzernbevollmächtigte bereits Anfang 2017.

    Aus der Vergangenheit lernen

    Beharrlich wandte sich das Bündnis im September 2018 mit dem Dank für die grundsätzlich geäußerte Bereitschaft an der Gedenkstätte Güterbahnhof Worms mitwirken zu wollen, erneut an den Bevollmächtigten und bat um eine aktive Unterstützung und Beschleunigung des Projektes. „Das klingt alles wie ein goldener Eiertanz“, kommentierte Heiner Boegler die bisherigen Reaktionen seitens der Bahn und der Politik. Der Versuch, das Thema Deportation von Wormser Sinti, Roma und Juden stärker in den Schulen zu etablieren, sei misslungen, wie Heiner Boegler anfügte. „Null Reaktion aus der Lehrerschaft, der Schulverwaltungsrat habe der Anregung wohlwollend gegenüber gestanden. Mit einem Gedenk- und Lernort würde ein authentischer Schauplatz geschaffen. Daher setzte er sich weiterhin für die Realisierung des Vorhabens ein, „um aus der Vergangenheit zu lernen und um sich gegen heutige Nazis aktiv zu wehren“. Für die Infoveranstaltung am 8. Oktober ist eine Anmeldung unter heiner.boegler@t-online.de erforderlich. Die Anzahl der Teilnehmer ist coronabedingt begrenzt.

    INFO:
    In der Schoah, dem nationalsoziaslistischen Völkermordwurde die Jüdische Gemeinde ausgelöscht. Mehr als 400 Wormser wurden deportiert und ermordet. Die Deportation derjenigen, die zuvor nicht hatten fliehen können, fand in mehreren „Aktionen“ statt, am 20. März 1942, vom 24.–27. September 1942, am 30. September 1942, 1944 gegen „jüdische“ Partner aus „Mischehen“ und noch am 24. März 1945 wurden bei einer Erschießung durch die Gestapo Rosa Bertram und Erich Salomon aus Worms ermordet. Darüber hinaus wurden viele ermordet, die zunächst zwar noch hatten ins Ausland fliehen können, aber dann von den deutschen Besatzern eingeholt wurden und so wieder dem mordenden Zugriff nationalsozialistischer Rassenpolitik ausgesetzt waren. Bereits im Mai 1940 wurden 61 Sinti deportiert. (Quelle: Wikipedia)

    So könnte die geplante Stätte am Güterbahnhof gestaltet sein. Foto: Steffen Heumann

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