Do., 02. Januar 2014, 07:49 Uhr
Der Nibelungen Kurier druckt hier einen offenen Brief von Augenärztin Dr. Elke Eicher ab, der nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wiedergibt
Offener Brief zum Augenärztlichen Notfalldienst in Worms
Darstellung zum Augenärztlichen Notfalldienst durch die Augenärztin Dr. Elke Eicher:
Zu Beginn meiner Darstellung zu dem während des Pressegespräches im Rathaus am 03.12. von der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV RLP) Ausgesagten ein dazu passender Satz von Albert Schweitzer, Arzt, Theologe und großer Menschen- und Tierfreund: „Wer Gutes wirken will darf nicht darauf gefasst sein, dass ihm Steine aus dem Weg gerollt werden, er muss darauf gefasst sein, dass ihm welche darauf gerollt werden.“
Die KV RLP rollt riesige Gesteinsbrocken auf den Weg der Menschen in Worms und Umgebung, sowie auf meinen Weg. Diese gilt es gemeinsam wegzurollen mit aller dazu erforderlichen Kraft. Dass die Bevölkerung für diesen Kraftakt bereit ist, zeigen die 3697 Unterschriften, die sie, im Gegensatz zu der Behauptung des stellvertretenden Vorsitzenden der KV Dr. Peter Heinz freiwillig, ohne jeglichen Zwang und ohne Versetzen in Angst leistete. Froh darüber, auf diese Art und Weise der KV zu zeigen, dass sie mit der seit Jahren bestehenden misslichen Augennotdienstsituation nicht einverstanden ist.
Dem von mir sehr wertgeschätzten Seniorenbeiratsvorsitzenden Heiner Bögler, der sich während der Rathaussitzung unter Beisein des Wormser Oberbürgermeisters vehement für die Bedürfnisse der Menschen einsetzte, verschlug es die Sprache, als Dr. Peter Heinz der KV RLP die Unterschriftenliste unter verleumderischen Worten nicht entgegennahm. Deutlich wurde dabei die menschenverachtende Haltung des KV-Vizen.
Darunter fällt auch die Verunglimpfung meiner Person. Dr. Heinz äußerte, dass das Augennotdienstthema nur ein Eicher-Thema sei, ich einen Feldzug gegen meine Kollegen führen würde und er mir den Stempel der Querulantin aufdrückte.
Meinem Berufsethos gebührt folgender Satz: „Wir Ärzte sind die Anwälte der Patienten.“ Wir müssen ihnen zur Seite stehen, wir müssen ihnen in ihrer Not helfen und gegen eine KV verteidigen, die die Patienten offensichtlich als Gegner sieht und diesen mit ihrer Fehlentscheidung Schaden zufügt, bedingt durch die für Augennotfallpatienten unzumutbare weite Fahrstrecke von Worms nach Mainz in die dortige Augenklinik.
Von Herrn Jürgen Wolff, Redakteur des Südwestrundfunkes recherchiert: Jeder niedergelassene Vertragsarzt nimmt am Bereitschafts- und Notdienst teil. Von dieser Aufgabe kann er nur auf Antrag und im Vorliegen schwerwiegender Gründe befreit werden, etwa gesundheitlicher Art oder besonderer familiärer Belastung. Die Erbringung von Wochenend- und Feiertagsdiensten ist somit ein Aspekt vertragsärztlicher Arbeit.
Diese Sätze stehen im Versorgungsatlas der KV RLP. Vor zirka 6 Jahren machten die notdienstunwilligen Augenärzte in Rheinhessen die KV RLP mobil, um eine andere Möglichkeit der Notdienstübernahme zu erschließen. Bei den damaligen ersten Gesprächen in den KV-Räumen in Mainz war ich zugegen und vertrat schon damals eine andere Meinung. Im Gegensatz zu den meisten anwesenden Ärzten stellten ich und ein paar Wenige die Patienten in den Vordergrund.
Zum damaligen Zeitpunkt entstand zwischen der KV RLP und Prof. Pfeiffer, Direktor der Univ.-Augenklinik in Mainz ein Kooperationsvertrag, der vor Kurzen verlängert wurde. Dabei wurde bewusst, wie sich jüngst bei all den Debatten herausstellte, nicht bedacht, dass Worms am Rand von Rheinhessen liegt und für Augennotfallpatienten die zirka 60 Kilometer nach Mainz in die Universitäts-Augenklinik zu weit und damit für diese unzumutbar sind. Bis heute zeigt die ärztliche Spitze der KV keine Einsicht. Gemeinsam mit Prof. Pfeiffer mutet sie den Patienten weiterhin die lange Fahrstrecke zu, das Leid der Patienten oder gar die Gefahr einer möglichen Erblindung billigend im Kauf nehmend. Das spricht für ein patientenfernes Denken und einer damit verbundenen großen Menschenverachtung. Um eine Ausrede per excellence zu verwenden, spricht die KV von einer zu geringen Fallzahl von Augennotfallpatienten pro Quartal und pro Jahr.
Schon einem einzigen Augennotfallpatienten würde eine schnelle und adäquate augenärztliche Versorgung vor Ort oder zumindest wohnortnah gebühren. Das OB-Büro lässt Notfallzahlen abdrucken und nicht genauestens zuvor hinterfragt an auskunftswürdiger Stelle: 2007: 28 Patienten, 2008: 47 Patienten, 2009: 50 Patienten, 2010: 43 Patienten, 2011: 30 Patienten.
Diese Zahlenangaben sind falsch, da ich genau in diesem Zeitraum den Augennotdienst alleine durchführte und die meisten Augennotfallpatienten vor Ort in meiner Praxis behandeln konnte. Auch die Zahl von 20 Patienten pro Quartal, die die KV der Mainzer Augenklinikstatistik entnahm, ist falsch. Nicht bedacht dabei hat die KV die Patienten, die nicht nach Mainz fahren können, bis zum kommenden Tag oder zum folgenden Montag ausharren nach schmerz- und angstvoller Nacht oder dem dementsprechenden Wochenende, um dann einen niedergelassenen Augenarzt zur Behandlung aufzusuchen. Viele fahren auch wegen der geringeren Entfernung in die Augenklinik nach Mannheim. Dies ist ebenfalls in dem Zahlenmaterial der KV nicht erfasst.
Während meines allein gestemmten Notdienstes behandelte ich pro Jahr 150-200 Patienten. Sie mussten nicht ausharren, sie mussten nicht in das weit entfernte Mainz, auch nicht nach Mannheim.
Nun zur weiteren Ausrede par excellence. Die Patienten hätten Lappalien. Für uns Augenärzte sind es oft Lappalien, aber nicht für den Laien, nicht für den Hilfe suchenden Patienten!
Ein Hornhautmetallsplitter, eine Hornhautabschürfung durch z. B. Äste, Blattspitzen, Fingernagel, Tierkrallen etc. sind für den Patienten äußerst schmerzhaft, er hat Ängste um sein Augenlicht. Mit dann nur einem funktionstüchtigen Auge kann er kein Auto fahren, oft findet er keinen Fahrer und ein Taxi für ca. 150-200 Euro (mit Wartezeit des Taxifahrers) ist ihm zu teuer. Also leidet er und harrt aus, bis zu den üblichen Praxiszeiten am Tag.
Folgerichtig schrieb ein Patient in einem Leserbrief: „sind die Ärzte dazu da, Patienten leiden zu lassen?“
Bedrohlich für das Augenlicht sind u. a. Gefäßverschlüsse am Augenhintergrund, Netzhautablösungen und akute Augeninnendrucksteigerungen (Glaukomanfall). Diese Erkrankungen benötigen eine rasche augenärztliche Behandlung. Die allgemeine ärztliche Bereitschaftsdienstzentrale im Klinikum in Worms kann Augenerkrankungen nicht diagnostizieren, da diese keine Augenfachärzte hat und die Augendiagnostikgeräte nicht bedienen kann. Ein notdiensthabender niedergelassener Augenarzt in einer Stadt, die keine Augenklinik hat, kann die Verschleppung von Notfällen verhindern!
Der KV-Vize Dr. Peter Heinz behauptet, es sei vor Ort kein Augennotarzt notwendig, da die Augennotfallpatienten sowieso gleich in eine Augenklinik müssten, um dort operativ versorgt zu werden. Welch irrige Behauptung, von Unwissenheit geprägt.
90 Prozent der Inanspruchnahme im Augennotdienst kann der niedergelassene Augenarzt in seiner Praxis behandeln.
10 Prozent der Augennotfälle müssen in eine Augenklinik eingewiesen werden zur stationären Behandlung.
Diese 10 Prozent der sogenannten harten Fälle können nicht von einem hiesigen Grauen Star Operateur versorgt werden, der zudem keine Betten zur stationären Aufnahme hat. Hierzu benötigt man hochspezialisierte Netzhautchirurgen (z. B. für eine Operation einer Netzhautablösung) in Augenkliniken, die auch für u.a. Glaukomoperationen oder anderen schweren Eingriffen am Auge ausgebildet sind und die dementsprechende Erfahrung haben.
Nach telefonischer Rücksprache mit Herrn Dr. Stumpp, dem Verwaltungsdirektor des städtischen Klinikums in Ludwigshafen erfuhr ich, dass entgegen der Darstellung der KV von einem intensiven Kontakt zwischen ihm und der KV keine Rede sein kann!
Es erfolgte im Frühjahr diesen Jahres ein einziges persönliches Gespräch und ein Telefonat im Sommer. Dabei wollte die KV RLP nur eine 1-2 stündige Augennotdienstbereitstellung am Abend einführen, was er und Prof. Hattenbach, Direktor der Augenklinik Ludwigshafen, ablehnten. Man kann Notfälle nicht auf einen kurzen bestimmten Zeitraum bündeln.
Die Augenklinik in Ludwigshafen sei prinzipiell bereit, den Notdienst zu übernehmen. Jedoch nur auf der gleichen Grundlage, wie es Prof. Pfeiffer in der Univ.-Augenklinik in Mainz praktiziert. Die niedergelassenen Augenärzte müssten auch hier einen gewissen Betrag pro Quartal bezahlen, damit die Ludwigshafener Augenklinik 1-2 Assistenten für den Notdienst bereitstellen kann.
Genau um diese Maßnahme soll sich die KV RLP seit Jahren bemühen. Aber sie tut in dieser Richtung nichts! Unverständlich auch, dass der Oberbürgermeister dieser Stadt während der Pressesitzung im Rathaus am 03. Dezember sagte: „Die Entscheidungskompetenz würde bei der KV liegen. Er könne aber die Argumente der KV nachvollziehen, wonach der Bedarf in Worms für einen Augenärztlichen Notdienst begrenzt sei.“ Es ist unglaublich, welchen unsachlichen und fachlich falschen Argumenten er Glauben schenkt.
Des Weiteren sagt die KV, die Lebensqualität der Ärzte sei durch Teilnahme an Notdiensten generell und speziell hier an einem Augennotdienst gestört. Es würden sich deswegen weniger Ärzte niederlassen, deshalb würde eine Zentralisierung der Notdienste stattfinden. Eine völlig werteinflatorische Denkweise, die den gesunden Arzt schützt und die kranken Menschen ungeschützt lässt.
Folgerichtig sagt dazu Heiner Bögler: „Wenn man Medizin studiert, weiß man schon in Vorfeld, dass der Notdienst zur späteren Berufsausübung zwingend dazugehört.“
Es mag sein, dass in ländlichen Gebieten die Niederlassungswilligkeit abnimmt, der Ärztemangel dort droht und die flächendeckende Ärzteversorgung und Notfallversorgung in der mittleren Zukunft nicht mehr gewährleistet zu sein scheint. Aber Worms ist mit
8 Augenärzten in dem Fachbereich Augenheilkunde nicht unterbesetzt!
Hier verwechselt die KV RLP und der KV-Vize bewusst Äpfel mit Birnen!
In einem einzigen Punkt stimme ich meinen Augenkollegen zu, den sie als 4. Punkt angeben, um keinen Notdienst machen zu müssen. Der Augennotdienst wird zu schlecht bezahlt. Aber dazu kann der Patient nichts! Hier ist die KV gefragt, mit den Krankenkassen eine bessere Honorierung für die Notdienstärzte auszuhandeln. Auch hierbei tut sie nichts!
Dr. Peter Heinz verunglimpft in folgendem Satz die niedergelassenen Ärzte, indem er diesen wohl keine gute Notfallversorgung zutraut: „Uns ist eine qualitativ gute Versorgung wichtiger als ein kurzer Weg.“
Um mit Richard Daniel Precht, einem anerkannten Philosophen, Publizisten und Autor der heutigen Zeit zu entgegnen: „Was auf der Strecke bleibt, ist die Pflege von Werten, Gesinnungen und Haltungen.“ Dieser Satz lässt sich transferieren auf das Verhalten der KV und von Dr. Peter Heinz.
Ich fordere im Namen der Mitmenschen in Worms und Umgebung eine konstruktiv agierende Runde zu dem Thema Augennotdienst in Worms unter Beisein des Seniorenbeiratsvorsitzenden Heiner Bögler, des gesamten Vorstandes der KV RLP, der
8 Augenärzte
in Worms, von Prof. Pfeiffer der Univ.-Augenklinik Mainz, von Prof. Hattenbach der Augenklinik des städtischen Klinikums Ludwigshafen und der Pressevertreter.