Sa., 08. April 2023, 11:33 Uhr
Musik: Limp Bizkit mit dem schlimmsten Konzert in ihrer Karriere in der Jahrhunderthalle
Oh, oh, oh – das ist böse!
Von Rudolf Uhrig > Reden wir doch mal über alte Zeiten. Na ja es liegt viele, viele Jahre zurück, Jahrzehnte? Okay ja! Da gab es ein sehr, sehr erfolgreiches Country-Duo in den USA: Howard und David Bellamy; die Bellamy Brothers. Einer ihrer größten Hits hieß “Let Your Love Flow”, das war im Jahr des Herrn 1976. Ein Deutscher Schlagersänger coverte diesen Song: Jürgen Drews - Ein Bett im Kornfeld. Dies ist sicherlich mittlerweile deutsches Kulturgut und der Vollständigkeit halber für die jüngere Generation, die davon schon mal irgendwie gehört haben könnte, erwähnt.
Also bei einem Konzert der Bellamy Brothers war ich mal, ich gebe es zu. Da klappte es hinten und vorne nicht mit dem Soundcheck. Die Crew probierte alles, über Minuten, gar über eine Stunde. Pappbecher und Getränkedosen flogen auf die Bühne, die Fans zerrissen ihre Eintrittskarten – die Band trat auf – es war grauenvoll. Ein Sound zum vergessen.
Anders war es vor ca. genau sechs Jahren in der Batschkapp in Frankfurt. Peter Doherty (okay, jetzt sind auch die Jüngeren dabei…!) trat, bzw. sollte auftreten. Geschlagene zwei Stunden ließ er seine Fans (und die Journalisten) warten. Irgendwie hatte er sich wohl (ver-)kifft. Auch da Fan-Unmut ohnegleichen. Dass das auch Justin Bieber kann, oh ja, wissen alle.
Und nun DAS am Mittwochabend in der Jahrhunderthalle in Höchst. Nach einigen Corona bedingten Konzertverschiebungen, aber auch weil Frontmann Fred Durst erkrankt war, sollte es nun soweit sein: Limp Bizkit is in the House! Die Nu-Metal-Band schlechthin, lud ihre Fangemeinde zur „Still Sucks“-Tour ein. 4.800 Konzertbesucher wurden gezählt, sold out!!!
Gleich zwei (… eigentlich waren es drei, aber dazu später mehr) Supports dürften das geneigte Publikum anheizen.
Den Anfang machten fünf geheimnisvoll maskierte Menschen aus Brooklyn, frech, dreist und unverblümt, wie die Fans es im „Schubladenfach“ Nu-Metal eben verorten. „Blackgold“ nennen sie sich, sie, das sind: Spookz, SP3, Lux, Judge und 6SiZ. Okay, keine Ahnung wer das ist!? Auf jeden Fall aber schien Hannibal Lecter dabei zu sein – irgendwie. Sind es Altruistische Rebellen? Jedenfalls wollen sie dem Nu-Metal wieder mehr Realität und Mentalität verleihen. Und man nimmt es ihnen ab. Mit “Way Out”, “Sound of the Underground”, “Sorry”, “Rhythm”, “On Another Level”, “Freak”, “ Ain't Goin' out Like That”, (Cypress Hill cover) und “Boogeyman” bekommen sie ordentlich Spielzeit, nicht schlecht. Die Besucher in der Pfaffenwiese applaudieren brav und zustimmend. Auch bei der nächsten Band, eigentlich ein Duo, Wargasm, wurde es wild. Punk, Rock und Pop mischen Gitarrist Sam Matlock und Bassistin Milkie Way miteinander. Gut eine Stunde haben sie Zeit ihre Songs „Fukstar”, “Lapdance”, „Spit“ und „Fuel“, da allerdings nur das Intro des Metallica Covers, zu intonieren und zu performen... Dass Milkie daraus auch noch eine kleine Peepshow macht, geschenkt, das kennt man vom ehemaligen Modell, mal mehr oder weniger bekleidet. Die Stimmung war nun definitiv und absolut da! Die beiden Bands hatten ihre „Arbeit“ gemacht und gut vorgelegt.
DJ Lethal alias Leor Dimant ist zurück, nachdem er aufgrund von Drogenproblemen zwischenzeitlich mehrmals aus der Band raus war, darf er nun eröffnen. Die Fans sind begeistert. Auch Drummer John Otto ist da. Gut, okay, man sieht ihn kaum hinter seiner gewaltigen Drum-Machine. Und dann, dann betritt Gitarrist Wes Borland im neuen Look die Bühne. Seit Jahrzehnten ist er das Kreativ-Element der Band, zumindest in Sachen Outfit. Jetzt eher nein, eine Maske!? Da kann man sich an ganz andere Zeiten erinnern. Und – die Vorahnung schleicht voraus – Mastermind Fred Durst kommt. In der Tat, er schleicht eher so nebenbei herein. Ein schlechtes Omen – leider ja. Der 52-jährige William Frederick aus Jacksonville, Florida, trägt Bart, einen grauweiß melierten Vollbart. Okay, es sei ihm gegönnt, denn er ist ein echter Kerl, er hat Eier, die er im Laufe des Abends öfter mal checkt. Eigentlich wollte er doch Latzhose und Zipfelmütze tragen getreu seiner Textzeile aus „Out Of Style“ „We cannot change the past, but we can start today to make a better tomorrow“. Na ja – so viel zu selbstreferentiell – vielleicht wäre ihm der Look auch zu Deutsch gewesen und man hätte ihn mit einem Gartenzwerg verwechselt. Oh, oh böse. Und warum heißt eigentlich die Tour „Still Sucks“? Denn das Album ist mit nur 32 Minuten eher kurz, unverschämt kurz. Sind Limp Bizkit zwischenzeitlich zu selbstironisch und selbstverliebt geworden. Sei‘s drum. Mit „Fuck“, „Bitch“ oder „Shit“, der eigenen Anarcho-Proll-Mucke stehen sie nun hier in Höchst.
Ja, ja, ja: sie haben rund 50 Millionen Tonträger verkauft, drei ihrer Alben standen in Deutschland in den Charts auf Platz eins… die ersten drei Songs am Abend in der Jahrhunderthalle „Show Me What You Got”, „Out of Style“ und „Pill Popper“ sind „okay“ allerdings nicht so voluminös wie erwartet … Und dann, dann bricht die Stimme von Fred Durst ab. Eine Tragödie, schlimm, aber menschlich.
Wir ersparen euch den Rest. Denn hier hätte natürlich eine wohlfeile Konzertkritik gestanden, denn was passierte ist – wie gesagt menschlich – aber auch peinlich. Denn Durst bricht nicht das Konzert ab, meint sogar „Ich habe mich entschieden, das gottverdammte Konzert zu spielen", so sagt es Durst frustriert und großmäulig. Stattdessen holt Durst, eben die „3. Vorband“ – das Publikum auf die Bühne und lässt die Protagonisten singen…. Oha! Die geplante Setlist ist nur noch ein Stück Papier, nichts stimmt, nichts geht mehr. „Wir haben 60 Euro bezahlt, damit wir Fred selber hören“, ruft ein Besucher in Richtung Bühne*. Bei Fred kommt die Botschaft an, aber er ist machtlos, die Stimme ist weg. Mit Dutzenden von Fans versucht Durst einen Chor zu bilden – vergebens. Der dritte Support versagt.
Das Limp Bizkit-Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst wird in die Rock-Annalen eingehen. Und ich war dabei, wie bei den Bellamy Brothers, Peter Doherty und… und… und noch einigen anderen. Im Sommer sind sie bei Rock am Ring und Rock im Park dabei – ist dann alles vergessen?
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