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So., 23. Juli 2023, 18:10 Uhr
KONZERTBERICHT: The Boss, Bruce Springsteen, bat zur Heiligen Messe in den Motodrom nach Hockenheim und 80.000 kamen!
„One-Two-Three-Four“ – Naturereignis der Rockmusik
Bruce Springsteen und die E Street Band feierten gemeinsam mit 80.000 Anhängern in Hockenheim ein dreistündiges Konzert der Extraklasse. Foto: Rudolf Uhrig
Von Rudolf Uhrig › Sein Jahresgehalt liegt, so schätzen Auguren, bei rund 80 Million US-Dollar. Aber: er muss ja schließlich auch davon seine Musiker bezahlen. Und das tat Springsteen früher, wie es in der guten alten Zeit üblich war, in bar; nach jedem Konzert. So machten es die Firmenbosse; daher: The Boss.
Und jener hatte nun nach sechs Jahren Abstinenz zum Hochamt eingeladen. 80 Tausend Gläubige kamen am Freitagabend zur Messe auf das Open Air-Gelände ins Motodrom nach Hockenheim. Die einen viele, viele Stunden vorher, die anderen eher 1 ½ Stunden zu spät. Ärgerlich, sie standen im Stau.
„Könnte heulen vor Glück“
Das ist die eine Geschichte. Nun eine andere, positivere. Vor einem Jahr schrieb mir ein Freund per WhatsApp, dass Bruce Springsteen in Deutschland Konzerte geben werde. Eine Vorfreude, die ihn ein Jahr lang auf den Freitag hin fiebern ließ. Am frühen Morgen kam die WhatsApp von ihm „… ich freue mich so…!“ Und am Abend als er in der Menge stand die Nachricht: „… ich könnte heulen vor Glück.“ Hier wie da: die Neuronen schwingen eben mal wieder das Tanzbein.
Dann die Nachricht, das Konzert beginnt ca. eine halbe Stunde später, viele, zu viele stehen noch im Stau. Ein Umstand den der Boss überhaupt nicht mag… später zu beginnen, Fans, seine Fans warten zu lassen. Aber da geht er, eben wegen der verspäteten Konzertbesucher, diesen Kompromiss ein.
Man kommt mit seinem Nachbarn ins Gespräch. „Wo kommt ihr her“ will ich wissen. „Aus Hamburg.“ „Oh, aber da trat doch Bruce schon auf“ entgegnete ich. „Ja, da waren wir auch. Wir waren in Kopenhagen, wir waren in Düsseldorf, wir sind heute hier, und am Sonntag sind wir in München.“ „Aha“, sage ich, nach dem ich weiß, was die Tickets kosten, wo die Hamburger da eben stehen, „da habt ihr mal locker euer Urlaubsgeld verbraten.“ Die Norddeutschen lachen und antworten trocken „… wer kann der kann!“ – Touché!
Zum Auftakt ein Raunen, ein kollektiver Aufschrei
Und dann, die halbe Stunde ist noch nicht vorüber, ein Raunen, ein kollektiver Aufschrei: die E-Street-Band mit Max Weinberg und Roy Bittan betreten die Bühne, Soozie Tyrell, Charlie Giordano, Jake Clemmons und Garry Tallent, Nils Lofgren und Steven van Zandt, folgen. Little Steven trägt einen bombastischen Hut, den er vor dem Publikum zieht. Sein obligatorischer Piratenturban kommt zum Vorschein. Klar trägt der Silvio Dante-Darsteller aus der Soprano-Serie Klunker und Ketten, auch mächtiges Geschmeide zerrt an den Ohrläppchen. So mögen die Fans ihren charismatischen E-Streeter.
Ikone und Institution
Und schließlich Bruce Springsteen. Mit schwarzem Kurzarmhemd und Jeans bekleidet, zieht Springsteen seine Telecaster vom Rücken hervor. Er hebt die Hände und lächelt – In diesen Sekunden ist alles vergessen. Und ja, die Neuronen tanzen Rock 'n' Roll. „One-Two-Three-Four“, mit kräftiger, aber kratziger, rauer Stimme startet Springsteen und die E-Street-Band mit “No Surrender“ von 1984 in den knapp dreistündigen Konzertabend. Und ich bin sicher, spätestens jetzt schießen meinem Freund die Freudentränen in die Augen. Weil er noch da ist! Weil er wirklich da ist: der „Last Man Standing.“
The Boss ändert in der Regel bei jedem Konzert die Setlist. Aus dem 2020er-Album "Letter To You" malträtiert Weinberg seine Hi-Hats, die Akkorde von “Ghosts” wabern ins Motodrom; und zwar mit jenem Schalldruck den wohl auch die einstigen Formel-1-Boliden hier hervorbrachten. “Prove It All Night“, “Letter to You”, “The Promised Land”, “Out in the Street”, “Darlington County”, “Working on the Highway” und die jazzig-swingende Gangsterballade "Kitty’s Back" aus dem ersten Album "The Young, The Wild & The E Street Shuffle" erreicht die Ohrmuscheln. Seit über 50 Jahren singt der Mann aus New Jersey über das wahre Leben in den USA, über Liebe und Liebende, über Abgehängte und Vergessene, die Songs sind zu wahren Hymnen geworden.
Springsteen verkörpert Hoffnung und Traum
Sein Zeigefinger weist zum Himmel, dann auf fast jeden einzelnen im Publikum, die Faust schlägt auf die Brust, breitbeinig steht er da, kernige, drahtige Posen und nette Gesten, das ist es was die Fans immer wieder frenetisch begleiten. Genau das macht Springsteen zur Ikone und die E-Street-Band, die er 1989 auflöste und 1999 reanimierte, zur Institution. Alles folgt der Dramaturgie, aber die ist echt. Springsteen ist ein wahres Kraftwerk, ein Energiebündel, ein Berserker. Er ist das gute Amerika, Hoffnung und Traum zugleich.
Mit schwarzem Kurzarmhemd zelebriert Bruce Springsteen unter anderem “Nightshift“. Das Konzert gleicht für Fans einem Hochamt, der Song kommt für sie einem Gebet gleich. Foto: Rudolf Uhrig
Es wird ruhig; Das Fell der Congas vibriert, rhythmisch wird der Schlag, die langsam einsetzende Orgel bildet den tragenden Klangteppich. Bruce steht regungslos da. Dann geht die Hand nach oben, die Augen sind geschlossen, er ist hochkonzentriert… „Marvin, he was a friend of mine, and he could sing his song, his heart in every line…” “Nightshift“, der Coversong der Commodores von 1985 ist bei Springsteen mehr als eine Hommage an Marvin Gaye und Jackie Wilson. Swing und Soul, die E-Streeters werden zur Rhythm- and Blues-Band, der Mann am Mikrophon tänzelt, scharfe Bläsersätze und engelsgleiche Backgroundstimmen machen den Song zum Besten seines aktuellen Albums “Only The Strong Survive.“ Es ist ein Gebet.
Gigantisches Repertoire
Aus seinem gigantischen Repertoire folgt „Mary’s Place“ das er oft nur laut zu hauchen scheint. Mit dem eher düsteren „The River“ wird der Tag zur Nacht, es wird dunkler, die langen Abende sind vorbei. Weiß Gott, aber nicht heute.
Das akustische "Last Man Standing" bei dem Barry D. Trompete spielt, ist Melancholie pur. Springsteen erzählt vor dem Song über seine Gefühle, als das neben ihm letzte lebende Mitglied seiner ersten Band “The Castiles“ starb. Er ist nun der letzte dieser Band, die in den Jahren von 1965 bis 1967 bestand. Er ist „The Last Man Standing.“ Er sagt, wie wichtig und bedeutsam diese Zeit für ihn war, vor allem aber wie prägend drei Jahre für einen Teenager sein können. Und Bruce sagt, diese Jahre sind heute noch präsent.
Der Hitreigen geht weiter “Backstreets”, “Because the Night“ (ein Patti Smith-Cover), “She’s the One“, “Wrecking Ball“, “The Rising”, “Badlands” und “Thunder Road” beschließen den Hauptteil.
Mehr Emotion geht nicht
“Born to Run”, “Bobby Jean”, “Glory Days#”, “Dancing in the Dark“ sind die Zugaben, bei denen Springsteen nochmals nachträglich unterstreicht, welche Wucht seine Songs haben. Ausgiebig und liebevoll stellt er jede und jeden der Band vor. Dann bleibt er alleine zurück, der „Last Man Standing“. “Tenth Avenue Freeze-Out“ spielt er und schließt den Kreis mit den Videoeinblendungen der Fotos, die an die verstorbenen E Street Band-Mitglieder Danny Federici und Clarence “Big Man“ Clemons erinnern. Gästehaut überkommt einem. Aber die Achterbahnfahrt der Gefühle ist noch nicht zu Ende. Mit den Worten: “I’ll See You In My Dreams“ verabschiedet sich der Boss. Mehr Emotion geht nicht. Der Mann ist ein Zauberer.
Auf der Nachhausefahrt erreicht mich mein Freund per Freisprechanlage noch mal. Und ja, es kommt der Satz, auf den ich gewartet habe: „… ich habe geheult!“ Und ja, auch ein Journalist ist nur ein Mensch, insofern gebe ich zu: Bruce hat meine Seele berührt.