Graffiti-Künstler Alexander Schmidt im Interview beim Nibelungen Kurier / Blumenwiese passend zu „Worms blüht auf"
„Perfektion ist Plastik“
Alexander Schmidt beim Sprayen in der Hafergasse.
Von Leonie Ahlert | Einige haben seine Arbeiten bereits gesehen, sei es beim E-Bike-Store e-motion, 2016 beim Pop-Up-Festival Worms oder 2017 auf seiner ersten Vernissage – Graffiti-Künstler Alexander Schmidt hat sich fest vorgenommen die Nibelungenstadt bunter zu gestalten. Der schon immer sehr kunstaffine Wormser sprayt nicht nur selbst für sein Leben gern, auch gibt er Workshops an Schulen, Jugendzentren, Sozialen Kinder- und Jugend-Einrichtungen, Berufsschulen, etc. Wichtig dabei ist ihm nicht nur, den Kursteilnehmer seine Form der Kunstauslebung näher zu bringen, sondern besonders den richtigen Umgang mit den Sprühlacken aufzuklären. „Man kann nicht einfach wahllos irgendwo seinen Namen oder irgendwelche Schmierereien hinsprayen“, erklärt der Künstler dem Nibelungen Kurier im Interview, „das ist Sachbeschädigung und schadet dem Ruf der Szene. Eigentum und Kultur müssen respektiert werden.“
Nach Außen hin sehe er sich des Öfteren einem Zwiespalt in der gesellschaftlichen Meinung zur Graffiti-Szene gegenüber. Kunden seien sehr offen und aufgeschlossen, wenn er seine Ideen für das gewünschte Projekt vorstellt, ist er vor Ort am Arbeiten, kommt es jedoch hin und wieder zu kleineren Konflikten. „Manche Passanten bleiben stehen, werfen mir unreflektierte Sprüche entgegen, beschweren sich oder diskutieren. Meistens kann man mit diesen Leuten aber gut sprechen und sobald sie sehen, was da gerade für ein Bild entsteht – besonders, wenn er etwas mit der Stadtgeschichte oder Umgebung zu tun hat – kann ich doch Freude und Überraschung in den Gesichtern lesen“, sagt er schmunzelnd, als er von vergangenen Arbeiten erzählt.
Sprayen als Lebensphilosophie
Sprayen ist für ihn eine Lebensphilosophie und -kultur. Es geht ihm darum, mehr Farbe ins Leben zu bringen, daneben liegt Schmidt vor allem die Nachhaltigkeit am Herzen. Auf die Frage, ob das überhaupt möglich sei, wenn man für die eigene Kunst Sprühdosen benutzt, die als Sondermüll gehandelt werden, antwortet er erfrischend gelassen: „Das habe ich früher auch problematisch gesehen und lange darüber nachgedacht, was ich mit den leeren Dosen mache, ohne der Umwelt zu schaden.“ Die meisten Dosen werden wiederverwendet. Er wandelt sie um in Blumenvasen und hat auch schon den ein oder anderen Lampenschirm aus dem aufgebogenen Blech gemacht.
Nach einem abgebrochenen Studium in BWL in Mannheim, hat Schmidt eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert und sich dann anderweitig orientiert. Zunächst arbeitete er Vollzeit im Möbelgroßhandel seiner Eltern, mittlerweile hat er die Beschäftigung auf eine Teilzeitstelle reduziert, da seine Kunst immer mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Eine Blumenwiese mit blauem Himmel – Besser könnte es gar nicht zum Aktionswochenende „Worms blüht auf“ passen.
Das Stadtbild verschönern
Sein neuestes Projekt betraf die Verschörung der Fassade des Pfaff Samenhauses in der Hafergasse 8. „Gerd Rosenbaum, ein Familienangehöriger der Geschäftsbetreiber, hat mich nach der Komplettsanierung der Fassade an Bord geholt“, lächelt der Graffiti-Künstler, „mir fehlt in Worms manchmal der Aha-Charakter, den man in größeren Städten wie Mannheim oder auch Berlin sehen kann. Etwas zum Stadtbild beizutragen ist eine ganz besondere Aufgabe für mich, da musste ich gar nicht überlegen und habe sofort zugesagt.“ Das Konzept war schnell gefunden: eine Blumenwiese mit blauem Himmel. Etwas, was den Samenhandel repräsentiert und Farbe in die Innenstadt bringt. 10 Tage hat er für die gesamte Fassade gebraucht und ist pünktlich zum Aktionswochenenede „Worms blüht auf“ fertig geworden.
Worms zu verschönern ist eine wahre Passion für ihn. „Ich bin in Worms geboren und verbinde so viel gutes mit der Nibelungenstadt“, sagt er. Es war ihm immer ein Anliegen in der Region zu bleiben, die er immer mehr lieben lernt. Mit Anreiz, Ehrgeiz und Impressionen möchte er einen Teil seiner Kunst an seine Heimatstadt weitergeben.
Als er gefragt wird, ob es jemals ein Kunstwerk gab, dass er bereut hat, schüttelt er den Kopf. Man sei mal mehr, mal weniger zufrieden, da man an sich selbst einen sehr hohen Anspruch habe, Das einzige, was Schmidt jedoch wirklich bereuen würde, wäre etwas nicht gemacht zu haben. „Niemand ist perfekt“, beendet er das Interview schließlich und zitiert einen seiner Lieblingsmusiker, Dendemann: „Perfektion ist Plastik.“