STEUERSENKUNG BEIM SPRIT: Ab heute gilt das Entlastungspaket der Regierung / Wie steht es um die hiesige KfZ-Branche?
Rabatte & Riesenschlangen oder Ruhe?
Fred Michel ist Betreiber dreier Tankstellen in Worms, Worms-Pfeddersheim und Bockenheim. Auch er zeigt sich ent- und gespannt, würde sich aber über günstige Preise und einen großen Ansturm freuen. Denn in diesem Falle profitiert er von dem Zusatzgeschäft in seinen gut sortierten Tankstellenshops.Foto: Robert Lehr
Von Robert Lehr › „Unsere Tanks sind voll…“ – Mattheo Stabel sieht dem 1. Juni gelassen entgegen. Denn ab heute soll auch bei seiner ARAL-Tankstelle in Wachenheim der Rabatt gelten, mit dem bis zum 31. August den explodierenden Spritpreisen ein Riegel vorschoben werden soll. Er ist Teil des milliardenschweren Entlastungspakets der Bundesregierung, mit dem Benzin um 30 Cent und Diesel um 14 Cent günstiger werden soll.
Um Geld zu sparen, hätten viele darauf verzichtet, Zapfsäulen aufzusuchen. Sie warteten lieber ab, bis der Tankrabatt gilt, um dann voll zu danken, so Stabel. Auch werde nur so viel getankt, wie unbedingt nötig sei. Statt einmal voll, sei auch bei ihm derzeit oft nur für 10, 20 oder 30 Euro getankt worden.
Doch statt der erhofften Entlastung für unzählige Autofahrer könnte Branchenmedien zufolge – wie dem „Kfz-Betrieb“ – der Tankrabatt ein größeres Chaos verursachen: Denn es drohen lange Schlangen an den Zapfsäulen, ein Benzin-Notstand und Experten sprechen sogar von steigenden statt sinkenden Spritpreisen.
Mattheo Stabels Gelassenheit ist verständlich: Auch er weiß erst heute, wie die Preise an seinen Zapfsäulen letzten Endes aussehen – denn diese werden zentral von den Mineralölgesellschaften an ihren Pachttankstellen eingestellt.
„Auch wir müssen uns überraschen lassen“, so der Junior-Chef des gleichnamigen Autohauses mit Tankstelle im Zellertal. Da er als Pächter am Verkauf des Sprites pro Liter nur mit einem Cent-Betrag beteiligt ist, hofft er zwar auf verbrauchergünstige Preise, sieht die ganze Aktion von der politischen Seite aber als „schlecht vorbereitet“.
Automobilclubs wie der ADAC oder der Auto Club Europa (ACE) empfehlen, nicht gleich heute zu tanken, um dem zu erwartenden Ansturm zu entgehen. Am besten sei es, noch ausreichend Sprit im Tank haben und erst in einigen Tagen an die Tankstelle zu fahren
Niemand weiß, was passiert Die Situation stelle laut „dpa“ die Tankstellen bzw. die Mineralölkonzerne vor das Dilemma, ob sie der Erwartung der Kundinnen und Kunden folgen und den noch teuer versteuerten Sprit dem Steuernachlass entsprechend billiger verkaufen oder teuer lassen und dadurch Kunden an die Konkurrenz verlieren. Was heute passieren wird, können derzeit auch Experten nicht beantworten. Sowohl eine schnelle Senkung der Preise in Höhe des Steuernachlasses als auch eine möglicherweise mehrere Tage dauernde Anpassungsphase gelten als möglich.
Die Ungewissheit angesichts der zukünftigen Preisentwicklung bei den Benzin- und Dieselpreisen trifft die gesamte KfZ-Branche in einer Zeit, die diese ohnehin vor enorme Herausforderungen stellt.
Autobauer starten „solide“ Aber: Die deutschen Autobauer gehen laut Brancheninsidern „solide“ in ein Jahr 2022, das vom Ukraine-Krieg und hier den weitgehenden Wegfall der Kabelbäume, Krisen und Corona geprägt wird. So erzielten sie 2021, im zweiten Jahr einer weltweiten Corona-Pandemie mit massiven Auswirkungen auf die Autobranche wie ausgebremsten Lieferketten, deutliche Gewinne!
An der Spitze liegt der VW-Konzern mit einer Verdopplung des Gewinnes vor Steuern von 20,1 Milliarden Euro. Damit konnte er seinen Gewinn vor Steuern im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln. Und dies, obwohl man über 40.000 Neuwagen weniger verkaufte. Eine noch höhere Gewinnmarge von satten 14,4 Prozenthat der BMW-Konzern verbucht und verdreifachte sein Ergebnis auf 16,1 Milliarden Euro. Die Marke mit dem Stern erwirtschaftete einen Gewinn von 14,2 Milliarden Euro, mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Dabei sank der Absatz um fünf Prozent auf 2,09 Millionen Neuwagen.
Seit September 2021 zeichnet Christian Höhne als Obermeister für die KfZ- Innung Worms verantwortlich. Fotos: Robert Lehr
Ältere Autos werden gepflegt Über dieses und andere Themen hat der NK u.a. mit Christian Höhne gesprochen. Als Obermeister der Wormser KfZ-Innung vertritt er rd. 60 hiesige Betriebe, zu denen u.a. Autohäuser und Werkstätten gehören. Als Geschäftsführer des Autohauses Tallafuss in Worms-Pfiffligheim kennt er die aktuelle Problematik aus erster Hand. „Vor allem die aktuell langen Lieferzeiten bei Neuwagen führen bei den Händlern zu Problemen“, weiß der Fachmann, wobei er einschränkt, dass demgegenüber die Werkstattleistungen verstärkt nachgefragt würden. „Wer keinen Kauf eines neuen Fahrzeuges plant, hält sein altes bestmöglich in Schuss und fährt es eben einfach länger, da es derzeit keine Alternativen gibt“, unterstreicht Höhne das Problem der langen Lieferzeiten für da neue Wunschauto.
Run auf Elektro- und Hybrid-Autos Christian Höhne sieht „einen Run auf Elektro- und Hybrid-Autos, wobei das Geld keine Rolle zu spielen scheint“. Das sei umweltpolitisch durchaus wünschenswert, allerdings störten die langen Lieferzeiten diesen Trend. Positiv sieht er die Tatsache, dass es angesichts der angespannten Situation „kein Dumping gibt und die Geschäfte in der Menge zwar rückläufig sind, aber der Ertrag besser ist“. Ganz ähnlich erklärt er die oben genannten positiven Zahlen der Hersteller. Sie fokussierten sich eben auf ihre Premium-Modelle, die eine höhere Rendite versprächen.
Der Obermeister sieht trotz der Umstände recht optimistisch in die Zukunft, obwohl er nicht genau sagen, wann sich die Situation wieder normalisieren wird.
Kunden akzeptieren lange Lieferzeiten Ralph Nickolay als Geschäftsführer von Löhr Automobile in Worms schließt sich dieser Prognose an, wobei er hofft, dass schon im 3. und 4. Quartal bestellte Modelle ausgeliefert werden können .
Seine VW-, Audi- und SEAT-Kunden akzeptierten die langen Lieferzeiten, wobei „die Nachfrage erfreulicherweise ungebrochen hoch ist“.Vor allem e- und Hybrid-Fahrzeuge stünden hoch im Kurs, wobei es um deren Verfügbarkeit momentan schlechter bestellt sei.
Bei Gebrauchtfahrzeugen sei die Auswahl ebenfalls stark eingeschränkt, zumal auch hier die Preise enorm angezogen hätten. Grundsätzlich wisse man „mit der Situation umzugehen“, umschreibt er die Möglichkeit, Neufahrzeuge auch über das EU-Ausland als Zukaufsquelle zu beziehen. Dabei müssten Kundinnen und Kunden allerdings Abstriche bei der Farb- oder Innenausstattung machen.
Lothar Heydasch vom gleichnamigen NISSAN-Autohaus in Worms-Horchheim nimmt die Händler-Herausforderung an, die sich ergibt. „Wir verkaufen nach wie vor Autos – allerdings gleich mit den entsprechenden Lieferzeiten“.
Die Normalisierung der Lage sieht er zurückhaltend: „Bestimmt nicht vor dem nächsten Jahr“, ist er sich sicher.
Er selbst hat das neue elektrische Top-Modell ARIYA für sich bestellt. Heydaschs Wunschauto kommt zwar am morgigen Donnerstagnach Horchheim – allerdings nur für wenige Stunden zur Präsentation für ausgewählte Kunden – Und es muss dann aber gleich wieder weiter zum nächsten NISSAN-
Autohaus! Es sind einfach zu wenige Modelle des begehrten Crossovers verfügbar!
Einzelne Modelle lieferbar Der eingangs erwähnte Mattheo Stabel aus Wachenheim zeigt sich bezüglich seiner Mitsubishi- und Ssang-Yong-Modelle recht entspannt. Bei Mitsubishi sei derzeit z.B. der Eclipse Cross Plug-in Hybrid sehr gut nachgefragt, wobei Stabel unterstreicht: „Wir sind bei diesem Modell voll lieferfähig. In spätestens 3 Wochen ist dieses Wunschauto da“.
Über solche Nachrichten freut sich die Kundschaft, aber auch Christian Höhne. Der Obermeister weiß demgegenüber von Konzernen, bei denen auch die Bestellbarkeit im Internet nicht mehr gegeben ist. „Sind überhaupt keine Autos mehr verfügbar, wird die Prozesskette unterbrochen!“ Für den Fachmann der „worst case“ mit unabsehbaren Folgen für das entsprechende Unternehmen.
Lothar Heydasch zeigt sich darauf gespannt, wie die Automobilbranche langfristig auf die vielfältigen Veränderungen reagieren wird. Er vermutet, dass der Kauf eines Automobiles durch flexiblere Mietmodelle abgelöst wird.