KLINIKUM WORMS: Friedensdorf-Kind aus Afghanistan zur Behandlung im Klinikum
Rettung für den kleinen Mirwais
Prof. Dr. Jochen Blum mit seinem kleinen Patienten. Foto: Klinikum Worms
Das Klinikum Worms behandelt seit vielen Jahren Kinder aus Krisengebieten über die Aktion Friedensdorf. So auch den kleinen, siebenjährigen Mirwais aus Afghanistan, dem die Hilfe durch Prof. Dr. Jochen Blum, Chefarzt des Zentrums für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet hat. „Leider gibt es nach wie vor viele unsägliche Krisenherde in der Welt. So auch in Afghanistan, wo durch die Übernahme der Macht seitens der Taliban die Schrecken des Bürgerkrieges weiter eskalieren“, so der Chefarzt. „Ein Opfer von Gewalt in Afghanistan ist auch der kleine Junge Mirwais aus einem der einsamen Täler der Paschtunen. Auf brutale Art wurde der siebenjährige Junge mit einer schweren Metallplatte geschlagen, die ihm den linken Unterschenkel brach, aber ihm dazu eine komplexe offene Wunde erzeugte, sodass der gebrochene Knochen frei lag.“
Über Düsseldorf nach Worms
Ärzte gibt es in dem abgelegenen Paschtunen-Tal nicht, ein „Wunderheiler“ hatte ihm den Knochen ohne Betäubung eingerenkt und die Wunde mit unsterilen Tüchern abgedeckt, auf die ein „Naturheilmittel“-Extrakt eingerieben wurde. Dieses Verfahren wurde, da sich kein Erfolg einstellte, mehrfach wiederholt. Es kam zu einer schweren Knochenentzündung, einer sogenannte Osteomyelitis, die immer weiter fortschritt und letztlich den Jungen mit dem Leben bedrohte. Der Vater des Jungen kam in Kontakt mit der Rettungsaktion von verletzten Kindern des Friedensdorfes, wodurch Mirwais in eine Liste von Kindern aufgenommen wurde, die diese für eine medizinische Behandlung auf karitativer Basis in Deutschland vorgesehen hatte. Ende März kam er dann mit einem Transport von 80 verletzten afghanischen Kindern über Düsseldorf in das Klinikum Worms.
Viele einzelne Operationen
„In vielen einzelnen Operationen wurde die offene Verletzung mit einem großen Knochendefekt am linken Schienbein zunächst von den infizierten Knochenanteilen befreit, wobei sich hier eine sehr große Defektzone an der Vorderseite des Schienbeines zeigte. Nachdem dazu eine aufwändige Antibiotika-Therapie parallel zu den Operationen eine Keimfreiheit des Knochens ergab, konnten wir anschließend den Knochenaufbau der Defekthöhle mit einem speziellen biologischen Implantat wieder aufbauen, welches sich über viele Wochen dann über Stoffwechselvorgänge in richtigen Knochen umbauen wird,“ erklärt Professor Blum, der den kleinen Mirwais operiert hat. Aktuell stehen noch einige weitere Operationen für die Revitalisierung der geschädigten Haut über dem Knochendefekt an, aber die behandelnden Ärzte aus der Unfallchirurgie und der Kinderklinik des Klinikums sind optimistisch, dass die Heilung bald erreicht sein wird.
„Liebes, freundliches und offenes Wesen"
Für das Team des Klinikums ist es sehr schön zu sehen, dass es dem jungen Patienten jeden Tag ein bisschen besser geht: „Der junge Mirwais verdankt dem pflegerischen und ärztlichen Personal des Klinikums viel auf dem Weg zur Heilung und zum Überleben, aber andersherum gibt er durch sein liebes, freundliches und offenes Wesen auch sehr viel an uns zurück“, erzählt Professor Blum sichtlich berührt. „Sein strahlendes Lächeln, aber auch die wache Ausstrahlung seiner hellgrünen Augen berührt hier viele nachhaltig. Die Augen erinnern an ein Titelbild des ‚National Geographic‘ vor vielen Jahren zur Zeit des russischen Angriffs auf Afghanistan, bei dem ein junges paschtunisches Mädchen mit den gleichen grünen Augen die Leser faszinierte.“
Hilfsbereite afghanische Mutter
Mirwais gehört dem Zadran-Clan der Paschtunen an, bei denen die Legende sagt, sie seien Abkömmlinge griechischer Stämme, mit denen Alexander der Große in den Krieg nach Persien zog und die dort in den einsamen Tälern über Jahrhunderte verblieben waren. Ihre Sprache ist das Paschtu, welches mit den anderen Landessprachen Afghanistans keinerlei Gemeinsamkeiten hat. Sprachbarrieren sind trotzdem das geringste Problem, wie der Chefarzt berichtet: „Das eigentliche Afghanisch ist ansonsten dem Persischen ähnlich, was wiederum Mirwais nicht sprechen kann. Hier hilft sehr engagiert und soweit zeitlich möglich eine afghanische Mutter aus Frankfurt, die Paschtu sprechen kann. Sie kommt hilfsbereit ins Klinikum, um dem Jungen etwas Nähe, aber auch immer wieder eine afghanische Speise zu schenken.“
Geplant ist, dass Mirwais nach definitiver Heilung dann bis zum Rücktransport in sein Heimatland im September in das Friedensdorf nach Oberhausen kommen wird, wo er gemeinsam mit anderen Kindern, so auch solche aus Afghanistan, betreut wird. „Nach der Erfahrung mit dem fremden Land Deutschland wird es dann in Afghanistan auch wieder eine Weile dauern, bis er sich in der alten Heimat wieder vertraut fühlt. Wie er sagt, hat sein Vater dann den Schulbesuch versprochen, was bisher nicht möglich war und worauf er sich schon sehr freut“, so Professor Blum weiter.
Im Klinikum Worms gibt es seit vielen Jahren eine Kooperation mit dem Friedensdorf seitens des Zentrums für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie (ZUOH) unter der Leitung von Prof. Dr. Jochen Blum, der sich für eine kostenfreie Behandlung solcher verletzter Kinder einsetzt. Das Friedensdorf ist eine gemeinnützige Organisation auf Spendenbasis in Oberhausen, die solche Aktionen koordiniert und ermöglicht. Bisher kamen diese traumatisierten Kinder im Klinikum meist aus dem Konfliktland Angola, aber angesichts der aktuell enormen Dramatik in Afghanistan stimmte die Geschäftsführung des Klinikums der Bitte von Prof. Blum, auch den kleinen Mirwais kostenfrei im Klinikum zu behandeln, mehr als nur sehr gerne zu.