
Unter dem Motto „Ritter! Tod! Teufel?“, dem Titel des berühmten Kupferstiches von Albrecht Dürer (1513), wird bis zum 25. Oktober im Landesmuseum Mainz die Sonderausstellung „Franz von Sickingen und die Reformation“ gezeigt.
Für die Reichsstadt Worms im Umbruch vom Spätmittelalter zur Neuzeit hat Franz von Sickingen besondere Bedeutung, denn mit seinem Fehdebrief an den Rat der Stadt Worms vom 1. November 1514 startete er sein Geschäftsmodell zur Eintreibung fremder Schulden (’Inkassogesellschaft’). Sickingens Fehde gegen den Trierer Kurfürsten endete 1523 mit seinem Tod auf Burg Nanstein oberhalb von Landstuhl. Eigentlich war die Fehde, die Durchsetzung von Rechtsansprüchen mit Gewalt, seit dem Ewigen Landfrieden, der 1495 auf dem Wormser Reichstag beschlossen worden war, ein überholtes Rechtssystem, das der Niederadel aber noch für sich in Anspruch nahm. Sickingen war jedoch nicht nur - wie sein Zeitgenosse Götz von Berlichingen - ein berüchtigter ‚Raubritter’, sondern förderte auch die Humanisten und Luthers Ideen: Seine Ebernburg bei Bad Kreuznach wurde zu einem frühen Zentrum der Reformation („Wartburg des Westens“). Ulrich von Hutten besang sie als „Herberge der Gerechtigkeit“.
Die multimedial inszenierte kulturhistorische Ausstellung im Mainzer Landesmuseum präsentiert zahlreiche hochkarätige Leihgaben - Gemälde und Graphiken von Dürer, Lucas Cranach d.Ä., Hans Schäufelin oder Sebald Beham, auch Prunkharnische und Turnierbücher.
Eine Ausstellungssektion ist dem Buchdruck als Grundlage für die Verbreitung der reformatorischen Ideen gewidmet - und besonders hier kommt die Luther-Bibliothek, die Maximilian Heyl zum Lutherjahr 1883 seiner Heimatstadt stiftete und die heute in der Stadtbibliothek Worms aufbewahrt wird, mit zahlreichen Leihgaben zur Geltung.
Mit dem Wormser Edikt vom 8. Mai 1521 erklärte Kaiser Karl V. Martin Luther für ‚vogelfrei’ und stellte Besitz und Verbreitung von Luthers Schriften unter strenge Strafe.
Das Edikt wurde in Plakaten (Einblattdrucken) im ganzen Reich verbreitet, die sich aber als ‚Gelegenheitsdrucksache’ kaum erhalten haben. Die Ausstellung zeigt aus der Luther-Bibliothek den Plakatdruck von Hans von Erfurt, der während des Reichstages 1521 seine Wanderdruckerei in Worms betrieb. Das äußerst seltene Wormser Exemplar wird immer wieder als Leihgabe für Ausstellungen angefragt. Zu Beginn des Reichstages forderte Ulrich von Hutten in einem Schreiben von der Ebernburg (29. Januar 1521) ein Reformkonzil auf dem Reichstag. Die Schrift wurde sofort in Straßburg gedruckt.
Die Ausstellung bietet das Exemplar aus der Wormser Bibliothek. In zahlreiche Flugschriften „verteufelten“ Luther und seine Anhänger den Papst und den Klerus. Besondere Verbreitung fand die von Melanchthon und Luther verfasste Flugschrift über den Papstesel zu Rom und das Mönchskalb zu Freiberg in Sachsen, die mit entsprechenden Holzschnitten versehen wurde: ein schuppenbesetztes Monster mit weiblichem Körper und Eselskopf, das angeblich 1496 aus dem Tiber gefischt worden war, und ein Kalb mit Mönchskopf, das 1522 bei der Schlachtung einer Kuh zur Welt gekommen sein soll - apokalyptische Zeichen Gottes für die Verderbtheit des Papstes und des Klerus. Der Luther-Gegner Cochläus verfasste die Flugschrift über den Siebenköpfigen Martin Luther. Die sieben Köpfe des Titelholzschnittes zeigen u.a. den „Ecclesiast“, der dem Volk nach dem Munde predigt, den Schwärmer mit wirren Gedanken (um seinen Kopf schwirren Wespen), und den Verbrecher „Barrabas“ (den Mitgefangenen Jesu, dem Pilatus nach der Befragung des Volkes die Freiheit schenkte.) Diese beiden „kontroversen“ Flugschriften sind in der Mainzer Ausstellung ebenfalls in Exemplaren (Ausg. Augsburg 1523 bzw. Dresden 1529) aus der Wormser Luther-Bibliothek zu sehen.
Insgesamt ist die Stadtbibliothek Worms mit acht Druckschriften aus der Reformationszeit in der Sickingen-Ausstellung vertreten. Darüber hinaus wird in der Ausstellung ein Sickingen-Porträt aus dem 19. Jahrhundert gezeigt; das Gemälde gehörte zur Ausstattung von Schloss Herrnsheim und wird heute im Museum im Andreasstift aufbewahrt wird. - Zwei weitere Leihgaben aus der Luther-Bibliothek sind in der Parallelausstellung „Am 8. Tag schuf Gott die Cloud“ im Gutenberg-Museum zu bewundern: eine andere Ausgabe von Papstesel und Mönchskalb und ein evangelisches Gesangbuch, das 1524 in Nürnberg gedruckt wurde. Die Ausstellung richtet den Blick auf Luthers Bibel als ‚Medienereignis’ der Reformationszeit.
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