CORONA-REALITÄT: Klinikum Worms ist auf Herausforderung bestmöglich eingestellt / Beschimpfungen und Beleidigungen
„Schwer zu verdauen und frustrierend“
Bis sich die Infektionszahlen auf ein Minimum reduzieren, ist es noch ein langer Weg. Solange müssen auch die Kliniken die Corona-Herausforderung meistern und den Alltag bewältigen. Foto: Fernando Zhiminaicela/Pixabay
VON STEFFEN HEUMANN | Erfolge im Bereich der Impfstoff-Testungen nähren die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie. Künftige Impfzentren befinden sich bereits im Testlauf. Die Zeichen stehen aber erst mal auf Verlängerung des Teil-Lockdowns. Corona betrifft uns alle. Unabhängig von kruden Verschwörungstheorien oder der Diskussion um Sinn und Unsinn beschlossener Maßnahmen seitens der Bundesregierung oder der Länder: Corona stellt auch das Klinikum Worms vor enorme Herausforderungen. Auch in Worms wurde bereits das OP-Programm reduziert. Der Betrieb im Ambulanten OP-Zentrum ist bis auf Weiteres komplett eingestellt, um im Fall der Fälle genug freie Behandlungskapazitäten zur Verfügung zu haben. Bislang musste „nur“ eine geringe Anzahl an Covid-19-Patienten stationär im Klinikum versorgt werden.
Jetzt steigen die Zahlen der Erkrankten. Bei Personen mit leichten Symptomen reicht die häusliche Quarantäne, wie viele Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf könnte das Klinikum anhand seiner Beatmungskapazitäten überhaupt aufnehmen?
Auch im Klinikum spüre man – analog zu den weiter steigenden Zahlen der Neuinfektionen – aktuell einen deutlichen Zuwachs an Corona-Patientinnen und Patienten, die stationär behandelt werden müssen. „Zuletzt versorgen wir 31 an Covid-19 erkrankte Patienten – hiervon 20 auf der Isolations- und 11 auf der Intensivstation. Die maximale Obergrenze von Corona-Patienten, bei denen eine intensivmedizinische Behandlung inklusive Beatmung notwendig ist, die wir im Notfall aufnehmen können, liegt bei 30“, erklärt Dr. Eva Ehmke, Pressesprecherin in Klinikum Worms, die dem Nibelungen Kurier auch für weitere Fragen gerne Rede und Antwort stand.
NK: Gibt es einen „Notfallplan“, falls es tatsächlich zu Engpässen in der Versorgung kommen sollte. Welche Maßnahmen greifen, falls die Kapazitätsgrenze an Betten erreicht ist oder sich ein Mangel an Ärzten und Fachpersonal abzeichnen sollte?
EHMKE: Ja, es existieren Notfallpläne, die unter anderem die Nutzung von zusätzlichen Beatmungsgeräten aus dem OP oder den Personaleinsatz regeln. So würde – bei entsprechend reduziertem OP-Programm – beispielsweise das OP- und Anästhesie-Personal die Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen unterstützen.
NK: Wäre die Politik aus Sicht der Klinik und der Corona-bedingten Erfahrungen gefordert, die Voraussetzungen zu schaffen, damit umgehend mehr Fachkräfte für die Intensivpflege zur Verfügung stehen? Gibt es diesbezüglich bereits eine erste Weichenstellung?
EHMKE: Fachpflegekräfte für Intensivmedizin sind hoch qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, die in der Regel eine mindestens zweijährige Zusatzweiterbildung absolviert haben. Dieses Wissen lässt sich natürlich nicht in Form von kurzfristigen Ad-hoc-Maßnahmen vermitteln. An dieser Stelle wären langfristige Lösungen seitens der politischen Entscheidungsträger gefragt, um den Pflegeberuf ganz allgemein nochmals attraktiver zu machen.
NK: Zum Schutz der Patienten, aber auch der Mitarbeiter sind besondere Reglungen getroffen worden, die nur in Ausnahmefällen einen Besuch im Klinikum ermöglichen. Gibt es Verständnis für diese Ausnahmesituation oder stoßen sie in der Praxis auch auf Ignoranz und Kritik?
EHMKE: Die Mehrheit unserer Patientinnen und Patienten, aber auch Besucherinnen und Besucher hat Verständnis für die aktuelle Situation – auch wenn wir sie alle nicht schön finden. Dennoch kommt es aber immer wieder vor, dass unsere Kolleginnen und Kollegen an der Information oder auch das Sicherheitspersonal am Haupteingang, massiv beschimpft oder auch beleidigt werden, weil der Krankenbesuch nicht möglich ist und die Besuchsregularien als „überzogen“ empfunden werden.
NK: Bundesweit ist die Zahl der beatmeten Intensivpatienten seit Oktober stark angestiegen. Quellen in einschlägigen Fachblättern sprechen aktuell von bis zu 60 Prozent. Neben den Betroffen selbst und unabhängig von den Sorgen der Angehörigen: Spüren nicht auch Ärzte und Pfleger mehr Angst auf den Covid-Stationen vor einer möglichen Ansteckung? Ganz zu schweigen von der erhöhten psychischen Belastung für Pflegekräfte und Mediziner? Wie geht das Klinikum Worms mit dieser Situation für die Mitarbeiter um?
EHMKE: Natürlich ist die Situation – vor allem zu Beginn der Pandemie – für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwierig gewesen und auch die Sorge um sich selbst oder um Angehörige, die älter oder chronisch krank sind, hat bei dem ein oder anderen sicherlich eine Rolle gespielt. Auf der anderen Seite sind wir alle Profis und betreuen bei uns im Klinikum auch unabhängig von Corona infektiöse Patientinnen und Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung isoliert werden müssen. Die Sicherheitsstandards für das Klinikpersonal sind – gerade auf den Covid-19-Stationen – extrem hoch. Jeder trägt eine persönliche Schutzausrüstung, die vor einer Ansteckung schützt. Im gesamten Klinikgebäude besteht eine Maskenpflicht für Mitarbeitende und Patientinnen und Patienten. In bestimmten Klinikbereichen wird grundsätzlich mit FFP2-Maske gearbeitet. Auch die derzeitigen Besuchseinschränkungen haben wir ja nicht aus Willkür ergriffen, sondern sie dienen dem Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der uns anvertrauten Patientinnen und Patienten.
NK: „Kennst Du jemanden, der Corona hat?“ „Nur Fake News“ bis zu „Lügenpresse“ – Die freie Meinungsäußerung u. a. in den sozialen Medien treibt so manche Stilblüten – mutiert jedoch immer öfter zu Kommentaren unterhalb der Gürtellinie. Wie reagieren Menschen, die täglich im Bereich der Medizin und Pflege mit Erkrankten konfrontiert werden, auf solche „Ausführungen“?
EHMKE: Mit Unverständnis. Natürlich hat jeder das Recht darauf, seine eigene Meinung zu vertreten und diese auch zu äußern, aber solche Aussagen sind nur schwer zu verdauen, wenn man weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen auf der Intensivstation gerade um das Leben eines Corona-Patienten kämpfen. Die Patientinnen und Patienten sind ja „physisch“ bei uns – dann zu hören, das seien alles nur „Fake News“ ist für uns immer wieder frustrierend und macht zum Teil schon ziemlich sprachlos.