Mi., 16. April 2014, 12:30 Uhr
Mahnmale für Jakob Zacharias am 24. April und Siegmund Herzog am 27. April im Radio / 700 Beiträge geplant / „Stolperstein“-Archiv im Internet
Stolpersteine aus Worms in SWR2
An das Schicksal von Jakob Zacharias aus der Wallstraße 11 in Worms erinnert SWR2 am Donnerstag, 24. April (zwischen 13.05 und 14.30 Uhr im „SWR2 Mittagskonzert“) in einem kurzen Beitrag. Ebenso wird am Sonntag, 27. April (zwischen 9 und 11 Uhr in der ?SWR2 Matinee?), der Lebenslauf von Siegmund Herzog vom Neumarkt 10 skizziert.
Erinnerung an sehr menschlichen Geschäftsmann
Das Haus, in dem Jakob Zacharias (1871-1940) mit seiner Frau Klara und seinem Sohn Heinrich lebte, steht noch heute in der Wallstraße 11 in Worms. Hier hatte Zacharias einen Handel mit Stoffen und Herrenkonfektion. Er soll ein sehr menschlicher Geschäftsmann gewesen sein: Wenn ein Kunde wenig Geld hatte, gab er die Kleidung billiger ab. Sein Sohn verließ die Stadt schon 1933.
Als kurze Zeit später seine Frau starb, war Jakob Zacharias auf sich gestellt und durch den ständigen öffentlichen Druck, nicht mehr bei Juden zu kaufen, ging es auch wirtschaftlich bergab. Man erklärte ihn eines Steuervergehens für schuldig, in einer Zeitungsanzeige vom 19. Juni 1938 wurde er in diesem Zusammenhang öffentlich diffamiert. Danach musste Zacharias sein Geschäft aufgeben, seine Ware wurde konfisziert. Ein alter Mann, wehrlos, ohne Familie?
Ein leichtes Opfer
Er war ein leichtes Opfer. Ende 1939 wurde Jakob Zacharias ins KZ Buchenwald gebracht. Er starb dort drei Monate später. Seine Asche wurde auf dem neuen israelitischen Friedhof in Worms neben der seiner Frau beigesetzt. Was von seinem Besitz übrigblieb, listete die Kommandatur des KZ Buchenwald in einem Schreiben an die Polizei Worms auf: die Kleidungsstücke, die er bei seiner Verhaftung getragen hatte, zwei Silbermünzen, eine Nagelschere. Nach Abzug der Spesen wurde sein restliches Geld einer Verwandten ausgehändigt: 18,37 Reichsmark.
Viele verkannten die Gefahr
Auch das Schicksal des Wormser Geschäftsmannes Siegmund Herzog belegt, wie viele Juden bis zuletzt nicht die tatsächliche Gefahr des Nationalsozialismus erkannten. Obwohl ihm systematisch die Lebensgrundlage geraubt wurde, blieb er in Deutschland, bis er deportiert und ermordet wurde. Siegmund Herzog, Jahrgang 1880, betrieb in Worms ein bekanntes Trikotagen- und Kurzwarengeschäft am Neumarkt 10.
Ab 1933 litt das Geschäft unter Boykotten. Während des Novemberpogroms 1938 zerstörte die SS den Laden wie viele andere. Nur wenige Wochen später wanderte Siegmund Herzogs Tochter Elsbeth, geboren 1921, in die USA aus und überlebte als einziges Familienmitglied den Holocaust. Siegmund Herzog wurde nach Gurs in Südfrankreich deportiert und starb dort 1941. Beide Stolperstein-Beiträge entstanden in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Wormser Stadtarchivs, Prof. Dr. Gerold Bönnen.
Lebensgeschichten von NS-Opfern erzählen
Die sogenannten „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig nimmt das Kulturradio des SWR zum Anlass, die Lebensgeschichten von NS-Opfern zu erzählen. Wöchentlich laufen bis zu fünf „SWR2 Stolpersteine“ als kürzere Radiobeiträge im Programm. Das Projekt ist auf zwei Jahre ausgelegt, insgesamt werden 700 Stolpersteine in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg für Radio und Internet aufbereitet.
42.000 an über 1000 Orten in Europa
Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt seit 1997 die kleinen kubischen Mahnmale vor den Häusern, in denen die Verfolgten und Ermordeten gelebt haben. Inzwischen gibt es über 42.000 an über 1000 Orten in Europa. Der Künstler macht damit deutlich, dass die Ausgrenzung und Verfolgung mitten im Alltag vor den Augen der Nachbarn stattfand und holt die Opfer aus der Anonymität zurück.
SWR2 greift diesen Gedanken auf und macht die Lebensgeschichten hinter den Stolpersteinen im Südwesten hörbar. 700 der Steine mit beschrifteten Messingtafeln, eingelassen in die Gehwege von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, nimmt sich der SWR vor, um die Geburts- und Sterbedaten der Menschen mit Leben zu füllen und ihr Schicksal zu rekonstruieren. Die Beiträge entstehen in den Regionalstudios, gesammelt und zu einem Archiv zusammengestellt werden sie von den Redakteurinnen Else Brault und Angelika Schindler. Als Grundlage dienen Briefauszüge, Tagebucheinträge und Gespräche mit Zeitzeugen.
Im Radioprogramm SWR2 und auf der Internetseite
SWR2.de/stolpersteine sind die Beiträge zu hören, Fotos und Dokumente ergänzen die Lebensgeschichten im Netz. Es ist auch eine App verfügbar. Infos dazu auf
SWR.de/stolpersteine/stolperstein-app.