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  • Sa., 12. Mai 2018, 10:32 Uhr
    Veranstaltung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes

    „Tag der Befreiung“

    Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN/BdA) hatte im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe zur politischen Bildung zum Gedenken an den 8. Mai 1945 – dem Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus eingeladen. Reiner Schalk bedauerte in seiner Begrüßung, dass diesmal nur Insider ins DGB Haus kamen und begründete warum am 8. Mai ein Gedenktag der Befreiung sein müsste.


    Auch wenn, um den 8. Mai 1945,  unter den Menschen in den Luftschutzkellern die Ungewissheit, was werden würde vorherrschte, der Überlebenskampf der Hungernden, der Begriff der Befreiung nicht gegenwärtig gewesen sein dürfte, sei es für die Überlebenden aus den Konzentrationslager, den Folterkellern, den Zwangsarbeitern, den Angehörigen der Ermordeten der Tag der Befreiung gewesen. Ebenfalls für alle europäischen Völker, die Opfer des faschistischen Terrors geworden seien. Die Wormser Antifaschisten, stellvertretend nannte Schalk: Philipp Wahl, Willi Vogel, Anton Steinbach, Karl Saulheimer, hätten diesen Begriff ebenfalls benutzt bzw. so empfunden. Ebenso Richard von Weizäcker in seiner Rede als Bundespräsident zum 8.Mai 1985, in der er vom Tag der uns alle befreit hat, von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Herrschaft, gesprochen hätte. Auch der Schwur von Buchenwald, würde darauf verweisen, in dem die des Überlebenden des Konzentrationslagers beschwörten:  „Heute sind wir frei! (…) Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“


    Schalk kritisierte, dass genau diese Passage, die Verfassungsbehörden auf den Plan riefen, Antifaschisten zu beobachten, da diese Passage unter Umständen gegen die freiheitlich, demokratische Grundordnung gerichtet sei, obwohl das Grundgesetz keinerlei Aussage zur Wirtschaftsordnung mache. Das Gegenteil sei der Fall und aufgrund des Grundgesetzes, sei der Schluss zulässig, dass der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung keinen Platz in Deutschland haben dürfte und er nannte die Artikel 1 bis 20, exemplarisch:  die Menschenwürde, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Benachteiligungsverbot aufgrund der politischen und religiösen Anschauung,  der Abstammung, der Rasse, die Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Recht auf Asyl und vor allen Dingen, die  Art. 14 und 15, die das Eigentum auch an Produktionsmittel dem Allgemeinwohl verpflichtend ansehen. Hier hätten die Väter des Grundgesetzes verhindern wollen, dass kapitalistische Unternehmen, ihre Macht missbrauchen, wie 1933.


    Heiner Boegler als Zeitzeuge begründete ebenfalls, durch eigene Erlebnisse und seine Sozialisation in einem sozialdemokratischen Elternhaus, dass er diesen Tag als Befreiung ansehe. Er erinnerte daran, dass Worms schon am 20. März 1945 befreit wurde. Die Nazis seien über den Rhein geflüchtet und die Amerikaner in die Stadt einmarschiert. Im Brandschutzkeller nahm ihn seine Mutter auf den Arm mit den Worten: „ Jetzt simmer frei, jetzt wird alles besser.“ Damit war auch gemeint, wie Heiner Boegler berichtete, dass der Onkel Karl Lautenschläger von den örtlichen Faschisten misshandelt wurde, er Boegler habe bitterlich geweint, als er dies vom Fenster aus mit ansehen musste. Seine Mutter hätte ihn schon hier mit den Worten getröstet: „Es werde alles besser wenn der Hitler weg ist.“ Der Großvater aktiver Gewerkschafter in der IG Metall,  sein Vater leidenschaftlicher, erfolgreicher Sportler, der deshalb erst 1943 an die Front musste und schwer verwundet wurde, der Onkel Heiner sei im Krieg, in seinem Geburtsjahr 1941 schon in Russland getötet worden. Zum Andenken an ihn, bekam Heiner Boegler seinen Vornamen. Dies prägte den Antifaschisten Boegler. Früh ging er mit den Falken ins Zeltlager, engagierte sich in der Laienspielgruppe und kassierte eine Rüge, als er in der Schule Karten verkaufte. Sein Vater wurde nach der Befreiung gleich wieder politisch tätig. Er war mitbeteiligt an der Gründung der örtlichen Gewerkschaften und der SPD. 1947 seien wieder politische Parteien zugelassen worden. „Meine Hauptaufgabe war allerdings die Versorgung sicherzustellen“, so Boegler. „Der Weizen wurde in der extra angefertigten Arbeitskleidung versteckt und zu Hause, aus der Hose gelassen.“ Die Arbeiter richteten notdürftig die Fabriken wieder her. Er erinnerte sich auch, dass sein Vater enttäuscht berichtete, dass viele Wormser ein antifaschistisches Mahnmal als überflüssig ansahen. 1956 sei er früh in eine Funktion bei der Gewerkschaft gekommen, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sah er hier schon als Aufgabe. 


    1968 bezog er mit den Gewerkschaften konsequent Stellung gegen die Notstandsgesetze, als eine undemokratische Aktion der damaligen großen Koalition. Seine Bewährungsprobe hätte er als Kreisvorsitzender des DGB Ludwigshafen gehabt, als der Kreisvorstand beschlossen habe, die Politik der Regierung Kohl mit einer symbolischen Übergabe einer Kiste Bananen zu kritisieren. Als Kreisvorsitzender musste er die Kiste in Oggersheim, vorbei an dem Polizeiaufgebot vorm Hause Kohl übergeben. Heiner Boegler forderte zum Schluss seines Beitrages, der 8. Mai müsse ein gesetzlicher Feiertag zum Gedenken an die Befreiung vom Faschismus werden. Er begründete dies, dass nur mit die Kenntnis der Geschichte, die Gegenwart begriffen werden kann und somit die Zukunft menschenwürdig und friedlich gestaltet werden könne.


    In der anschließenden Diskussion ging es um die insbesondere um die Politik im Nachkriegsdeutschland, insbesondere um das politische Bewusstsein. Billa Eichberger berichtet von der Kommunistenverfolgung, die sich im Kalten Krieg auch gegen sie und ihren Mann richtete. Mit Hausdurchsuchungen, Berufsverboten, Verhaftungen seien auch sie, 10 Jahre nach Kriegsende, konfrontiert gewesen. Bei Friedensdemonstrationen sei schon wieder auf Demonstranten geschossen worden. Heiner Boegler sah sich daran bestätigt, dass es am Geschichtsbewusstsein fehle und die Diskussionsteilnehmer an diesem Abend, waren sich einig, dass sehr viele Nazirichter und Staatsanwälte wieder nach 1945, in Amt und Würden gekommen seien, ebenso hätte die ‚ Adenauerregierung einige Nazifunktionäre in leitende Stellungen gebracht. Heiner Boegler wies noch darauf hin, dass dies auch ein begleitendes Thema zur NSU Ausstellung, die im Herbst vom Bündnis gegen Naziaufmärsche im Wormser Rathaus gezeigt wird, sein werde und verwies auf den Vortrag eines ehemaligen Landesrichters am 4. Oktober, ebenfalls im Rathaus.   

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