Im zweiten Teil der Reportage über einen kostenlosen ÖPNV schaut der NK auf Erfahrungen anderer Kommunen mit diesem Experiment
Teil 2: Kostenloser Busverkehr auch für Worms?
Nach dem Diesel-Urteil rückt die Förderung des ÖPNV wieder in den Fokus der Diskussion. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Im ersten Teil der Reportage am vergangenen Mittwoch (21. Februar) über einen kostenlosen ÖPNV stellte der NK die allgemeine Problematik vor und brachte Stellungnahmen der Wormser Kommunalpolitiker. Im heutigen Teil geht der NK auf Chancen und Risiken anhand bereits durchgeführter, weltweiter Versuche ein. Ein Problem ist dabei meist, dass mit der kostenlosen Nutzungsmöglichkeit von Bussen die Fahrgastzahlen explodieren, was wiederum immense Kosten nach sich zieht, da es mehr Busse und Busfahrer bedarf. Auf ähnliche Schwierigkeiten müsste sich auch Worms einstellen. Für die Nibelungenstadt kommt es nun erst einmal darauf an, alle Zahlen auf den Tisch zu legen: Wie viele Fahrgäste werden in Worms zurzeit transportiert? Was kostet der städtische Busverkehr insgesamt? Und wie hoch sind die Einnahmen aus dem Ticketverkauf, also wie groß ist die Summe, die mit Subventionen von Stadt, Land oder Bund ausgeglichen werden müsste.
Erfolgsmodelle
Als absolutes Erfolgsmodell beim kostenlosen ÖPNV wird stets die lettische Stadt Tallin (450.000 Einwohner) genannt. Dort besteht seit 2013 die Möglichkeit zur kostenfreien Fahrt mit den Stadtbussen und -bahnen. In einer Volksabstimmung hatte sich die Bevölkerung für das Modell entschieden. Die Bewohner müssen sich lediglich eine Chipkarte für zwei Euro kaufen und können dann im gesamten Stadtgebiet den ÖPNV nutzen, Touristen müssen allerdings ein Ticket lösen. Im englischen Manchester gibt es seit 2002 immerhin drei kostenlose Buslinien. Da hier Elektro- und Hybridbusse eingesetzt werden, reduzierte sich die Luftverschmutzung zusätzlich. Die Zahl der Mitfahrer stieg in den Anfangsjahren stark an. Inzwischen nahm die Fahrgastzahl allerdings deutlich ab. Weltweit gibt es rund 50 Kommunen, die einen kostenlosen ÖPNV zumindest auf Teilstrecken anbieten, viele davon übrigens in Polen. Mehr unter: www.freepublictransport.info
Gescheiterte Projekte
In Deutschland machte die brandenburgische Stadt Templin (16.000 Einwohner) ab dem Jahr 1998 den Versuch mit einer kostenlosen Busbenutzung. In den folgenden Jahren stieg das Passagieraufkommen um mehr als das Zehnfache. Damit liefen die Kosten aus dem Ruder, da mehr Busse und Fahrer benötigt wurden. Einige Passagiere, meist Kinder und Jugendliche, fuhren gar aus Langeweile Bus. Im Jahr 2003 wurde das komplett kostenlose Busfahren eingestellt. Billig ist es aber immer noch, für 44 Euro kann eine Jahreskarte erworben werden. Die belgische Stadt Hasselt (77.000 Einwohner) führte 1997 das kostenlose Busfahren ein und entschied 2013 es wieder einzustellen bzw. zu modifizieren. Die Gründe waren massive Kostensteigerungen, weil immer mehr Bürger das System nutzten. Zudem brachen die Einnahmen aus Parkgebühren weg. Inzwischen kann man in Hasselt aber für nur 0,50 Euro den Bus benutzen. Auch in den amerikanischen Städten Portland (600.000 Einwohner) und Seattle (750.000 Einwohner) scheiterte das Projekt. Der Grund war auch dort, dass die Fahrgastzahlen und damit die Kosten gewaltig anstiegen. In Portland wurde zudem beklagt, dass die Busse kaum mehr vorankamen, da nun selbst Fahrgäste einstiegen, die nur eine Station weiter wollten. In Wien hat man eine Art Kompromiss gefunden, dort ist die Fahrt mit dem ÖPNV nicht kostenlos, dafür aber billig. Eine Jahreskarte kostet 365 Euro, also einen Euro pro Tag.
Tübingen ist vorbereitet
Interessant für Worms sind die Planungen in Tübingen. In der 90.000 Einwohner zählenden Stadt in Baden-Württemberg liegt bereits ein fertiges Konzept für einen kostenlosen ÖPNV vor. Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (Grüne) erklärte, dass rund neun Millionen Euro an Fahrgeldeinnahmen durch öffentliche Subventionen ersetzt werden müssen. Schon jetzt hätte der Tübinger ÖPNV rund 20 Millionen Fahrgäste jährlich, wäre das Angebot kostenlos, würden noch mal sieben Millionen Passagiere dazukommen, so die Überlegung. Seit zwei Wochen führt Tübingen eine Art Testphase durch und lässt an Samstagen alle Passagiere kostenlos mit den Bussen fahren. Für dieses Experiment hat der dortige Stadtrat rund 200.000 Euro zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2019 soll es in Tübingen eine Volksabstimmung über den kostenlosen ÖPNV geben. Um das Vorhaben langfristig finanzieren zu können, müsste bzw. soll jeder pro Jahr eine Zusatzabgabe von 15 Euro bezahlen.
Warum nicht Autofahren teurer machen?
Anstatt den ÖPNV kostenfrei anzubieten, könnte natürlich auch, wie dies in anderen europäischen Städten schon geschieht, das Befahren der Innenstädte mit dem Auto mit Gebühren belegt werden. So zahlt jeder, der mit Auto nach London will, etwa rund 13 Euro pro Tag. Diese Praxis, genannt City-Maut, gibt es längst auch in anderen europäischen Städten. Und damit hat man es geschafft, dass viele Menschen auf den ÖPNV umgestiegen sind. Andere europäische Kommunen schränken besonders das Befahren der Innenstädte mit Dieselfahrzeugen ein oder lassen gar nur noch Elektroautos in die City.