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  • Mo., 06. Februar 2017, 17:04 Uhr
    Sporthalle IGS: Stadt prüft nochmals Möglichkeiten für Barrierefreiheit / Kontroverse Erörterung / Machbarkeit und Kosten

    Theoretisch denkbare Lösung muss auch in der Praxis funktionieren

    Foto (von links): Johannes Kühn, Matthias Rösch, OB Kissel, Wolfgang Schall und Uwe Franz im Gespräch.


    Es hätte ein freudiger Tag für den Schulstandort Kerscheinsteiner werden sollen: Die Einweihung der für 2,9 Millionen Euro sanierten Sporthalle stand, passend zur Örtlichkeit, ganz im Zeichen des Sports. In den Fokus der Öffentlichkeit rückte dann jedoch ein ganz anderes Thema: Hätte die Stadt die Halle barrierefrei zugänglich machen müssen? Die bauliche Situation des in den siebziger Jahren entstandenen Gebäudes gebe diese Möglichkeit nicht her, hatte Baudezernent Uwe Franz bereits bei der offiziellen Eröffnung der Halle erläutert. Zudem verfügt die Schule bereits über eine ebenfalls sanierte, komplett barrierefreie Sporthalle im selben Gebäude.

    Nichts desto trotz wird das Thema seither in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Elternsprecher und Schulleitung bedauern, dass die sanierte Dreifeldhalle nicht von Rollstuhlfahrern genutzt werden kann - wohlgemerkt, obwohl die Schulleitung in die Planungen eingebunden war – die Fronten sind verhärtet. Jüngst hatte sich der städtische Behindertenbeauftragte Wolfgang Schall in die Diskussion eingeschaltet; nun suchte er auch gemeinsam mit dem Landesbehindertenbeauftragten Matthias Rösch das Gespräch mit Oberbürgermeister Michael Kissel, Baudezernent Uwe Franz sowie dem zuständigen Abteilungsleiter Johannes Kühn.

     Kontroverse Erörterung

    „Wir haben das Thema verständig und konstruktiv erörtert“, sind sich OB Kissel und Wolfgang Schall einig. Die Planungen hinsichtlich der Sanierung der Sporthalle erfolgten im Jahre 2010 zu einer Zeit, in der der städtische Behindertenbeauftragte noch nicht im Amt war. „Warum ich in die Planungen nicht involviert war, liegt somit auf der Hand“, so Schall. Die Stadt hatte damals jedoch einen Architekten der Landesberatungsstelle „Barrierefrei Bauen und Wohnen“ konsultiert. Dieser hatte nach einer Begehung der Sporthalle im Planungsprozess mitgeteilt, dass die ehemalige Schwimmhalle barrierefrei ausgebaut werden soll und kann, inklusive entsprechender sanitärer Anlagen und Umkleideräumen.

    Ein anderes Bild ergebe sich jedoch bei der Prüfung der dreizügigen großen Sporthalle, hatte der Architekt in einem Schreiben mitgeteilt. Diese liegt etwa vier Meter unterhalb des Geländeniveaus. „Der Einbau eines Aufzugs, der z.B. mehrere Rollstuhlfahrer aufnehmen und befördern kann, wäre theoretisch möglich. Da aber keine Möglichkeit besteht, einen zweiten Rettungsweg zu schaffen, fällt diese Lösung des Problems aus“, hatte der sachverständige Architekt dargelegt. Die alternative Schaffung einer Rampe hätte, mit den vorgeschriebenen Ruhepodesten, eine Länge von mindestens 82 Metern. Die Durchführung sei absolut unrealistisch und unwirtschaftlich, ganz abgesehen von den nicht darstellbaren Kosten, hieß es in der Stellungnahme weiter.

    Alle damals erdenklichen Möglichkeiten durchexerziert

    „Wir haben in der Planung alle damals erdenklichen Möglichkeiten durchexerziert und sind gemeinsam mit dem Berater für barrierefreies Bauen zu dem Schluss gekommen, dass die Dreifeldhalle aufgrund des nicht zu realisierenden zweiten Fluchtweges für Rollstuhlfahrer nicht barrierefrei nutzbar sein kann. Die Kostenfrage spielte dabei keine Rolle“, berichtete der Stadtchef in dem Gespräch mit den beiden Behindertenbeauftragten. Diese Entscheidung sei auch mit der Schulleitung abgesprochen gewesen. Landesbehindertenbeauftragter Matthias Rösch hinterfragte insbesondere den Umgang miteinander: „Wenn alle Beteiligten in dieser Frage eingebunden waren, muss man auch seitens der Schule Verantwortung dafür übernehmen“, unterstrich er.

    Erneute Prüfung angeregt

    Nichts desto trotz regte er eine erneute Prüfung der heutigen Möglichkeiten an. „Ich fände es gut, wenn sich eine definitive Klärung herbeiführen ließe, eventuell auch in einem weiteren Gespräch mit der Landesberatungsstelle“, so Rösch. Denkbar wäre aus seiner Sicht etwa die Schaffung von Rettungsräumen, aus denen Gehbehinderte von der Feuerwehr gerettet werden könnten. Für eine solche Lösung müsste die Stadt einen Brandschutzgutachter einbeziehen, der sich ausdrücklich für diese Möglichkeit aussprechen müsste, erläuterte Baudezernent Franz. Denn solche Rettungsräume müssten etwa im Brandfall jederzeit von der Feuerwehr zu erreichen sein, müssten also in Abschnitten liegen, in denen sich ein Feuer nicht ausbreiten könne.

    Theorie, Praxis und Kosten

    „Jede theoretisch denkbare Lösung muss aber auch in der Praxis funktionieren, weil sich im Extremfall erfahrungsgemäß nicht alle so verhalten, wie es Rettungspläne vorsehen“, machte OB Kissel nochmals deutlich. Und schließlich müsse jede Lösung, unabhängig von den Kosten, auch verhältnismäßig sein, so Kissel weiter. In Worms gebe es 27 Sporthallen, die meisten davon seien barrierefrei zugänglich. Sämtliche Vereine, die Behindertensport anböten, seien in solchen Hallen untergebracht. Und auch die Kerschensteiner Schule verfüge am selben Ort über eine aufwändig sanierte, komplett barrierefreie Halle, in der bislang der Sportunterricht problemlos stattgefunden habe. Auch Behindertenbeauftragter Wolfgang Schall hält die Nutzung eben dieser Halle für Klassen mit gehbehinderten Schülern für die optimale Lösung. Die kombinierte Sporthalle/Aula sei vorbildlich barrierefrei saniert. Eine barrierefreie Nutzung der großen Dreifeldhalle solle jedoch nicht an den erforderlichen finanziellen Mitteln scheitern, betonte der Stadtchef. Schließlich investiere die Stadt am Standort Kerschensteiner Schule rund 30 Millionen Euro. Insgesamt rund 200 Millionen Euro habe die Stadt seit 2009 in ihre Schulen gesteckt. Insofern will die Stadt nun gemeinsam mit Wolfgang Schall nochmals über die Landesberatungsstelle ergebnisoffen alle Möglichkeiten prüfen.

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