
Von Regina Urbach Nun hat auch der Rhein – wie eigentlich nur die Moldau - seine musikalisch-orchestrale Würdigung erfahren - durch den Musikethnologen, Harfenisten und Bundesverdienstkreuzträger Rüdiger Oppermann. Wie schon sein 2013 uraufgeführtes Musikepos „The Brendan Voyage“ fertigte er auch das „Rheingold“ im Auftrag des Wormser Musikfestivals wunderhoeren an. Die teils poetischen, teils erklärenden Texte dazu stammten von Festival-Initiator Volker Gallé und wurden ausdrucksstark vorgetragen von Berth Wesselmann.
Die mit Einleitung dreieinhalbstündige Veranstaltung im voll besetzten Mozartsaal des Wormser Kulturzentrums stieß auf großes Interesse auch von Besuchern aus der Region. Aus Elementen überlieferter römischer, keltischer, volkstümlicher und Renaissancemusik kreierte Oppermann einen Stücke-Reigen entlang dem Flusslauf von der Quelle im Gotthardgebiet über Basel, Straßburg, Worms, Mainz, Bingen, Oberhausen bis Rotterdam. Einen „von Anfang an gewalttätigen Fluss“ – so charakterisierte den Rhein Volker Gallé, der sich zum Schluss, im multikulturellen, lebendigen Rotterdam wieder in Tröpfchen auflöst. Und das Gold? Schon der weise Wels im Bodensee warnt vor dem Besitzenwollen dieses Glitzerstoffs, der – nur kurz – die Sonne einfange und fürs Weitegeben geschaffen sei.
Eine originelle Deutung gelang Oppermann mit dem Nibelungenlied, einer gesanglichen Zwiesprache zwischen mittelalterlicher Melodik (Gesang: JØrgen Lang) und „Etzels“ (Enkh Jargal Dandarvaanchig) mongolischen Obertönen, tenorartiger Melodieführung und abgrundtief schnarrenden Bass. Gelungen war auch die schrill-sirenenhafte „Lore Lay“ (Jenny Thiele) sowie „römische Weltmusik“ im Neunachtel-Rhythmus mit starken bulgarischen Anleihen. Als echt römische Erfindung trug dazu die (hydraulische) Wasserorgel bei, gespielt von Musikwissenschaftlerin Susanna Rühling.
Die Hörer konnten sich bei dieser sehr hörbaren Uraufführung als Teil eines lebendigen Weltmusikseminars fühlen: asiatische Flötenblas- und afrikanische Leierspieltechniken trafen „authentisch“ nachempfundene Schamanengesänge und historische Instrumente, etwa eine nachgebaute alemannische Leier, in grenzenloser Vielfalt. Zusammengehalten wurde das grenzüberschreitende Vater-Rhein-Epos durch einen Oppermann, der mit Harfe oder eigen entwickeltem „Schrottofon“ überall mitwirkte wie ein weiser Homer.
Auch beim Experimentellen blieb ein klarer Bezug zum Inhalt erhalten, etwa bei den Streichern, die das absinkende Kaltwasser im Bodensees wie einen modernen Sinkflug klingen ließen. Einzelarrangements ließen der Renaissance- oder Streichquartettmusik oder klösterlichem Gesang (Sigi Hausen) ihren Charakter. In den Tutti-Passagen dominierten die (zu) zahlreichen Bläser. Weniger war hier mehr. Standing Ovations und begeisterte Beifallrufe aus dem altersmäßig gemischten Publikum entlohnten das wunderhoeren-Experiment reichlich.
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