HAUS UND GRUND WORMS/ALZEY: Wie die Vermietung an Sozialmieter klappt / Berührendes Thema – aber mit Risiken / Gast-Referent gibt Tipps
„Vermieter können Lebens-Chancen geben“
Haus & Grund Vorsitzender Hans-Joachim Lock (links) und Gastreferent Eric Eisenhardt freuen sich über das Interesse des Publikums. Foto: Jens Kowalski
„Wer an Sozialmieter vermietet, kann Menschen dadurch eine Lebens-Chance bieten.“ Dies war ein Schlüsselsatz bei der Mitgliederversammlung der Eigentümerschutzgemeinschaft Haus & Grund Worms-Alzey, die jüngst im Wormser stattfand. „Das Thema ist sehr berührend“, sagte der Vorsitzende von Haus & Grund, Hans-Joachim Lock. „Es birgt aber auch Risiken.“
„Rational bleiben. Risiken abwägen“
Wie sich dieses Risiko minimieren lässt, dieser Frage ging Eric Eisenhardt nach, der geschäftsführende Gesellschafter der Oppenheimer „Wohn(T)raum Rheinhessen GmbH“. Das Unternehmen ist auf die Wohnraumvermittlung für sozial Benachteiligte spezialisiert. „Ein Dach über dem Kopf kann der erste Schritt zu einem neuen Lebensabschnitt sein“, sagte Eisenhardt. Gleichwohl warnte er, sich bei der Vermietung von Emotionen mitreißen zu lassen. Er gelte, Chancen und Risiken abzuwägen. Gründlich.
Auf die Probe gestellt
Die etwa 100 Haus & Grund Mitglieder, die zu dem Vortrag gekommen waren, stellte Eisenhardt auf die Probe. Er zeigte einen Facebook-Aufruf, den der Verein #rheinhessenhilft vor einiger Zeit für Andy gestartet hatte, einen krebskranken Obdachlosen aus Mainz. Für diesen suchte der Verein dringend eine Bleibe für eine Brutto-Kaltmiete von 520 Euro. 50 Hotels hatte der Verein demnach erfolglos angefragt. Eisenhardt stellte nun die Gretchenfrage im Wormser: Wer von Ihnen würde an Andy vermieten? Die Reaktion im Saal war: Stille. Niemand meldete sich. Doch ein Zuhörer stellte klar: „Es liegt nicht daran, dass keiner von uns an Sozialmieter vermieten will.“ Nur hätten manche schon so ihre Erfahrungen gemacht – und in diesem Fall hatten offenbar viele ein seltsames Bauchgefühl. Eric Eisenhardt hatte zu dem Fall recherchiert. Sein Ergebnis: Die Hoteliers hatten Andy demnach nicht etwa aus Hartherzigkeit abgelehnt, sondern weil dieser schon in mehreren Hotels Hausverbot hatte… Eine gesunde Portion Skepsis sei also grundsätzlich angebracht, sagte Eisenhardt. Doch die Risiken ließen sich minimieren.
„Erster Eindruck kann täuschen“
„Lassen Sie sich nicht vom Äußeren abschrecken“, lautete eine Faustregel. Das Leben auf der Straße hinterlasse Spuren. Fast jeder könne unverschuldet in eine Notlage kommen. „Entscheidend ist, wie sich der Mieter im Mietverhältnis benimmt.“ Um hier zu einer besseren Prognose zu kommen, sei ein Finanzcheck möglich. Wie Lock ausführte, hilft Haus & Grund seinen Mitgliedern dabei. Eisenhardt empfahl außerdem, bei besonderen Problemlagen eine Hilfsperson als Vermittler ins Boot zu holen. Sich um eine Vollmacht zu bemühen, sei ebenfalls sinnvoll, um im Falle eines Falles Auskunft beim Sozialamt zu erhalten.
Vorurteile abgebaut
Und noch etwas zähle: die Sympathie. Denn Sozialmieter seien ganz verschieden – dazu gehörten Menschen, die in einer Lebenskrise stecken ebenso wie Obdachlose, Flüchtlinge oder Alleinerziehende. Und auch nicht alle seien vollständig vom Staat abhängig. Die Hälfte der Bewohnerinnen im Frauenhaus beispielsweise gehe einem Beruf nach.
„Direktes Gespräch unersetzlich“
Ganz wichtig sei das persönliche Gespräch, das in vielen Fällen einer Mail vorzuziehen sei. Manches kläre sich dann schnell. Wenn beispielsweise plötzlich die Miete nicht mehr pünktlich kommt, könne das einfach daran liegen, dass ein Mieter, der bislang von Sozialleistungen gelebt hat, nun sein eigenes Geld verdient. Das komme dann nämlich nicht mehr im Voraus aufs Konto zum Monatsanfang, sondern erst am Monatsende. „Die betroffenen Mieter haben dann also vorübergehend mit einem Einkommen zwei Monate zu überbrücken.“
„Kommunen spielen wichtige Rolle“
Wer in die Sozialvermietung einsteigen möchte, finde Ansprechpartner etwa beim Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, der Zitadelle Mainz, dem Frauenhaus Worms, oder Jugendscouts der Kreisverwaltung Alzey-Worms. Eine wichtige Rolle komme den Kommunen zu. Denn wenn Mieter tatsächlich einmal großen Schaden hinterlassen sollten – dann sei mitunter mehr nötig, als das, was dem Vermieter rein rechtlich zustehe. „Dann sollten die Kommunen Vermieter nicht hängenlassen.“ Besonders gute Erfahrungen habe Eisenhardt dabei in der Verbandsgemeinde Wonnegau gemacht.
Auch mit einem Vorurteil gegen Vermieter räumte Eisenhardt auf. Seiner Erfahrung nach komme es so gut wie nicht mehr vor, dass jemand eine Gammel-Immobilie mit unzureichenden Standards als „Sozialwohnung“ zu Geld machen will. „Da hat der Gesetzgeber zum Glück längst einen Riegel vorgeschoben.“
„Wir können als Vermieter nicht die ganze Welt retten“, fasste Eisenhardt zusammen, „aber wir können etwas tun“. Dass diese Botschaft auf offene Ohren – und möglicherweise auch Herzen – stieß, darauf deutete der rege Applaus hin, den die Gäste Eisenhardt spendeten.