Vortrag von Bestsellerautor Gerfried Münkler im Andreasstift
Vom Fluch deutscher Effizienz 1914-18
Fesselte durch freie Rede und einen neuen Blick auf die Geschichte: Prof. Herfried Münkler, Autor des Bestsellers „Der Große Krieg“ (2014) im Andreasstift vor hochinteressiertem Publikum. Foto: Regina Urbach
VON GERNOT KIRCH Gleich zwei Historiker räumten zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns 1914 mit der lange akzeptierten These von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands auf: der Australier Christopher Clark und der deutsche Politikprofessor Herfried Münkler, von Historikerpapst Heinrich August Winkler scharf kritisiert. Am Freitag erläuterte Münkler seine Thesen frei und allgemein verständlich in der gut besuchten Andreaskirche.
Vor dem Hintergrund des bis heute virulenten Konflikts um junge Nationen in Ost- und Südosteuropa, der 1914 kriegsauslösend wirkte und heute die Ukrainekrise befeuert, ging er den Fragen nach: Warum konnte Deutschland, damals wie heute zentrale Wirtschaftsmacht in Europa, den Serbienkonflikt nicht eingrenzen und deeskalieren? Warum beendete man den Krieg nicht schon Ende 1914, als allen Beteiligten klar war, dass sie keinen langen Krieg gewinnen konnten? Und warum legte kein „Kampfstreik“ der Soldaten die elende Kriegsfortführung bis Ende 1918 lahm?
„Blankoscheck“ für Österreich-Ungarn
Zur Erklärung machte Münkler auf zweierlei aufmerksam: Zum einen waren die Engländer massiv daran interessiert, dass sich die anderen Mächte, eben auch die verbündeten Franzosen, in einem langen Konflikt gegenseitig aufrieben. Nicht nur der deutsche Kaiser mit seiner bedingungslosen Unterstützung („Blankoscheck“) für Österreich-Ungarn förderte die Eskalation, auch Frankreich (Blankoscheck an Russland) und Russland (Blankoscheck an Serbien) verhielten sich nicht friedensfördernd.
Zum anderen war es trotz des Scheiterns sämtlicher Kriegsstrategien ein wieder aufkeimender Glaube, doch noch gewinnen zu können, der sich fatal auf den Kriegsverlauf auswirkte. Die Engländer gewannen diesen Glauben mit dem Kriegseintritt der USA 1917. Und die Deutschen? Ihnen gerieten technische Überlegenheit und Effizienz, ihre Fähigkeit, aus Fehlern bei Kriegführung und -strategie schnell zu lernen, zum tragischen Fehler. Statt aufzuhören, wollte man es „in der nächsten Runde besser machen“, schloss Münkler provokant. Ohne diese Denkweise wäre nicht schon 1919 neuer Revanchismus aufgekeimt und so der Boden für Hitler und den Zweiten Weltkrieg bereitet worden. Nach kurzer, intensiver Diskussion konnte Münklers Buch „Der große Krieg“ über Bücher Bessler erworben werden. Der Vortrag wurde im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung vom Museum Andreasstift und dem Worms-Verlag organisiert. Ab Mittwoch, dem 1. Oktober, ist in Andreasstift und Museum Heylshof eine Ausstellung zu Kunst und Künstlern zum I. Weltkrieg zu sehen.