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  • Sa., 20. April 2013, 10:02 Uhr
    Die Wormser Religionsgespräche erlebten mit einem intellektuellen Redefeuerwerk von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert einen glänzenden Auftakt

    Warum laufen Politik und Kirche die Schäfchen weg?

    Bundestagpräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hielt eine beeindruckende Rede zum gelungenen Auftakt der dreitägigen Wormser Religionsgespräche, die zukünftig alle zwei Jahre stattfinden sollen. Foto: Gernot Kirch


    Von Gernot Kirch „Wie werden sie wohl ankommen, die ersten Wormser Religionsgespräche vom 19. bis zum 21. April?“, war eine bange Frage der Organisatoren von evangelischer Kirche und Stadt Worms im Vorfeld der Veranstaltung. Und zumindest nach dem Auftakt am Freitagabend mit der großartigen Rede von Bundestagpräsident Prof. Dr. Norbert Lammert im voll besetzten Mozartsaal des WORMSER kann man diesbezüglich beruhigt sein, denn die Erwartungen wurden erfüllt, ja sogar übertroffen.

    Mit scharfer Zunge, analytischem Verstand und gespickt mit Humor und Redegewandtheit, äußerte sich Lammert zu Fragen nach Politik, Religion und Toleranz. Er schonte dabei weder die Kirche noch die Politik oder die Gesellschaft, sondern legte schonungslos den Finger in die Wunden und mahnte bzw. regte zum Nachdenken an.

    Wobei er dies nie laut oder polemisch tat, sondern stets mit intellektuell geschliffenen Worten. Was es manchmal nicht ganz einfach machte, ihm zu folgen. So zum Beispiel wenn er den Philosophen Jürgen Habermas oder den ehemaligen Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde zitierte und deren Überlegungen präsentierte.

    Zunächst grenzte Lammert in seiner Rede den Glauben von der Politik ab. So handele die Politik nach Interessen, die Kirche hingegen vertrete eine bzw. ihre Wahrheit. Somit stehe der Wahrheitsanspruch der Kirche im Gegensatz zu den Mehrheitsentscheidungen in einer Demokratie. Und wer Mehrheiten anstrebe, wie Politiker, der gehe eben nicht davon aus, die Wahrheit zu besitzen, sondern sich eben „nur“ in einem pluralistischen Gesellschaft durchzusetzen.

    Wer andererseits einen Wahrheitsanspruch habe, der würde darüber nicht abstimmen lassen. Aus diesem Grund bedürfe es der Trennung von Staat und Religion. Ja, dies sogar eine Grundvorrausetzung für eine funktionierende Demokratie.

    Hier stellte er auch die Frage: „Wie viel  Region verträgt eine liberale, aufgeklärte Gesellschaft oder andersherum, wie viel Religion braucht eine demokratische Gesellschaft?“

    Kritisch ging er mit der Kirche ins Gericht, als es um Toleranz ging. Sie sei kein herausragendes Element der Kirchengeschichte gewesen. Er erinnerte diesbezüglich an die Inquisition, die Hexenverbrennungen oder die Glaubenskriege. Wobei dies prinzipiell keineswegs ein europäischen, sondern ein globales Phänomen sei. Weiter führte Lammert aus, das die Religion oft ein ambivalentes Verhältnis zur Toleranz hätte, da sie diese in der Lehre meist vertreten würden, sie in der Praxis  aber oft verweigern.

    Spannend wurde es, als Lammert zum Verhältnis von Kirche und Glauben sowie einer gewissen Parallelität zur Politik sprach. Zunächst nannte er ein einige Zahlen. So gehörten zwei Drittel der Deutschen einer Religionsgemeinschaft an, davon allerdings nur 60 Prozent  zur evangelischen oder katholischen Kirche. Ein Drittel der Bundesbürger habe keinen Glauben bzw. seien keine Mitglieder einer Kirche.

    In der Konsequenz bedeute dies, dass weniger als die Hälfte aller Deutschen einer christlichen Kirche angehörten. Die Kirchenbindung lasse also nach. Interessant sei aber, so Lammert, dass gleichzeitig kirchliche Werte sehr wohl anerkannt und gefragt seien.

    Ähnliche Befunde gebe es aus dem Politik zu verzeichnen. Das Interesse der Menschen an der Politik sei da, aber die Bindung an Parteien nehme ab. Wobei das Interesse der Bürger häufig nur ganz speziellen Themen gelte, was dann ein „Interesse der Interessenten“ sei. Grundsätzlich gebe es aber weder eine Politik- noch Glaubensverdrossenheit, sondern die Menschen lehnten die betreffenden Organisationen ab und wollten sich dort nicht engagierten, da sie sich dort nicht Zuhause fühlten.

    Die Frage sei also, was machten Kirchen und Parteien falsch, wenn die Leute teilweise gar die Kirchen als Hinderungsgrund nannten, um zum Glauben zu finden. Wobei das Nachlassen der Kirchenbindung eher ein europäisches Phänomen sei, weltweit gesehen, würde es eine Revitalisierung des Glaubens geben.

    Am Schluss seiner etwa einstündigen Rede Sprach er über Toleranz und die Grenzen der Toleranz. So sei es kein Geheimnis, dass Deutschland inzwischen eine sehr heterogene und multikulturelle sowie multireligiöse Gesellschaft handle. Und daran werde sich auch nichts mehr ändern, die Frage sei nur, was diese Gesellschaft langfristig zusammenhalte. Geld oder die Wirtschaft könne dies nicht sein. Aber ohne einen gemeinsamen Kitt würde unsere Gemeinschaft irgendwann auseinanderbrechen. Und Toleranz sei daher nicht überall zweckmäßig.

    Zum Abschluss mahnte er an, dass der Dialog der Religionen heut so wichtig sei, wie der Dialog der Konfessionen nach der Reformation.

     

     

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