Dr. Heiner Geißler übte beim Pfarrertag heftige Kritik am Finanzkapitalismus und mahnte die Passivität der Kirchen an
„Warum sagen Sie nichts?“
Dr. Heiner Geißler war am Dienstagmorgen beim 73. Deutschen Pfarrertag in Worms. Foto: Kirch
Von Gernot Kirch Er ist immer für markige Worte gut und bezieht häufig unbequeme Positionen, die den „Oberen“ nicht gefallen. Die Rede ist vom ehemaligen CDU-Generalsekretär Dr. Heiner Geißler, der am Dienstagmorgen ab 10 Uhr auf dem 73. evangelischen deutschen Pfarrertag im Wormser Theater sprach. Und der inzwischen 84-jährige Dr. Heiner Geißler wurde seinem Ruf gerecht, wobei es ihm wohl nicht um Klamauk, sondern um Inhalt ging.
Geld, Geiz, Gier
In seinem anderthalbstündigen Vortrag stellt er eindeutig den ungezügelten Finanzkapitalismus an den Pranger, mahnte aber mit genauso deutlichen Worten die Sprachlosigkeit und Untätigkeit der Kirchen zu diesem Thema an. Dabei müssten sie es eigentlich sein, die nach der Entmachtung der Gewerkschaften dem Gefühl der Ohnmacht vieler Menschen eine Stimme geben. An den Beginn seines Vortrages stellte Dr. Heiner Geißler eine Bestandsaufnahme der Welt oder exakter der Werte, die sich verschoben haben. Ab etwa dem Jahr 1980 habe der Neoliberalismus die Weltwirtschaft in seinen Griff genommen und habe die Gewichte verschobenBis zu den 1980 Jahren hätten die Realwerte mit einem Weltbruttosozialprodukt von zwölf Billionen Dollar noch mit dem Geld der Banken und Aktien übereingestimmt, so Geißler Für jede Aktie habe es noch einen realen Sachwert gegeben. Heute habe das Weltbruttosozialprodukt eine Größe von 70 Billionen Dollar (Eine 70 mit zwölf Nullen), das virtuelle Geld übersteige dies aber um ein Vielfaches. Und das Kapital habe sich jeder Kontrolle entzogen und wird in Sekundenbruchteilen mit einem „Maus-Klick“ von London nach New York oder Tokio transferiert. So sei ein globaler Markt entstanden, bei dem es nur noch darum gehe, mit Geld noch mehr Geld zu verdienen. Hier zitierte er den ehemaligen Sprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, der gesagt habe: „Die Welt wird von drei ‚Gs‘ regiert. Und dies sind Geld, Geiz und Gier!“ Im Anschluss ging er heftig mit Devisenspekulanten ins Gericht und sagte: „Die Gier nach Geld hat ihnen ihr Hirn zerfressen!“ Weiter führte Geißler aus, dass die reale Arbeit kaum noch eine Rolle spiele, ja, sie sei zu einem Kostenfaktor geworden. Dramatisch sei, dass die Schere auf der Welt zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe. Es sei auch die Unwahrheit, dass es für viele Dinge keine Mittel gebe, wörtlich sagte er: „Es gibt Geld wie Dreck auf dieser Welt, aber es haben die falschen Leute.“ Als Beispiel führte er aus, dass die 85 reichsten Menschen auf der Erde über so viel Kapital verfügen wie 3,8 Milliarden andere Menschen.
Sprachlose Kirche
An dieser Stelle setzte die massive Kritik von Dr. Heiner Geißler an der evangelischen wie katholischen Kirche ein. Provokant fragte er in das vollbesetzte Theater: „Warum sagen Sie nichts dazu? Wissen die Kirchen eigentlich, was gerade passiert?“ Im Detail mahnte er an, dass sich die Kirche zu wenig mit den wahren Problemen der Menschen beschäftigen. Insgesamt seien die Kirchen noch zu obrigkeitshörig. Geißler betonte, dass das Evangelium sehr wohl eine politische Dimension besitze. Um wieder eine Rolle in der gesellschaftlichen Diskussion zu spielen, müssten die Kirchen sich in diese Fragestellungen einmischen und Postion beziehen. Im Kern gehe es darum, so Geißler, was wir für ein Menschenbild haben? Hier seien die zentralen Begriffe Menschlichkeit, Solidarität und Nächstenliebe, auch wenn letzter Begriff eine alte Bezeichnung sei. Aber es gehe darum, dass alle Menschen gleich sind, egal was und wie viel sie leisten können. Als bedenklich bezeichnete es Geißler, dass der Leistungsgedanke und die Orientierung am Geld wie ein schleichendes Gift auch in der Politik und in den Kirchen angekommen seien. Selbst in Sozialeinrichtungen und Krankenhäusern der Kirche spiele die Betriebswirtschaft eine immer größere Rolle. Es werde von Kunden gesprochen, dabei gehe es um Patienten, die unsere Hilfe bräuchten. Dr. Heiner Geißler forderte eine Art Reaktivierung der sozialen Marktwirtschaft, denn diese habe sehr gut funktionert und für einen Ausgleich zwischen den Interessen von Arbeitnehmern und dem Kapital gesorgt. Es habe einen Wettbewerb gegeben, aber einen gerechten. Die Devise in der sozialen Marktwirkschaft sei gewesen: Wohlstand für alle. Heute hätten nur noch zwei Drittel der Bürger Anteil an diesem Wohlstand mit absteigender Tendenz. Ein wichtiger Schritt sei auch die Einführung der Devisentransaktionsteuer, selbst wenn diese nur 0,05 Proent betrage, wären dies für die Europäische Union Einnahmen von rund 70 Milliaraden Euro.
Pfarrertag
Der 73. evangelische deutsche Pfarrertag fand vom 21. - 24. September mit Teilnehmnern aus allen Teilen Deutschlands in der Nibelungenstadt statt.