Mo., 14.09.2026
Die Gratiszeitung für Worms und das Nibelungenland
  • Startseite
  • Sport
  • Termine
  • Stellenmarkt
  • Do., 24. Dezember 2020, 08:45 Uhr
    ZEITREISE: NK-Leserin Sigrid Maurer (Jg. 46) verfasst ihre persönliche Weihnachtsgeschichte aus ihrer Kindheit

    Weihnachten damals

    An sie erinnern sich auch noch viele Ältere: Die „Elektrisch“ wurde nach 50 Jahren Betrieb 1956 auf dem Markplatz verabschiedet. Foto: Sammlung Horst LöschElektrisch


    worms

    Mama hatte schon lange einen Einkaufszettel angefangen, auf dem immer etwas zugefügt wurde. Dieses Jahr durfte ich das erste Mal vor Weihnachten mit ihr zum Einkaufen in die Stadt fahren. Ich konnte es kaum erwarten, bis es hieß „morgen fahren wir in die Stadt!“. Jetzt stand ich an Mamas Hand an der Haltestelle in Pfiffligheim bei der Kirche und war ganz aufgeregt, voller Vorfreude. Endlich sah ich die „Elektrische“ kommen. Wir suchten uns gleich einen Platz auf den Holzbänken, bevor sich das Gefährt ruckelnd und bimmelnd in Bewegung setzte. Manche Erwachsenen hielten sich an den Lederschlaufen fest, die unter der Decke angebracht waren. Ich stellte mir vor, auch einmal so groß zu sein, dass ich mich daran festhalten konnte. 

    Gleich kam der Schaffner zum Kassieren. Er hatte eine Münzkasse vor seinem auch hängen. Oben sortierte er die Münzen ein, dann fiel das Wechselgeld auf Tastendruck klimpernd unten raus. Nun bekamen wir unseren Fahrschein, den er von einem Block abtrennte. Mama steckte unsere Scheine sicherheitshalber in ihre Tasche, falls der Kontrolleur kam. Lieber hätte mein Billett selbst in die Hand genommen, ich sammelte solche Sachen zum Spielen. Von da an wollte ich unbedingt Schaffnerin werden, wenn ich erwachsen bin. Die hatten so schöne Kostüme an und ein Käppi auf dem Kopf. So zuckelten wir dahin, bis der Schaffner bimmelte und laut „Marktplatz!“ rief. „Wir müssen jetzt aussteigen“, sagte Mama. 

    Ich war wie berauscht, als ich die weihnachtliche Stadt sah. Die hell beleuchteten Schaufenster blendeten mich fast. Es duftete nach Tannen und gerösteten Kastanien. Wir gelangten zu „Kaufhof“, dem größten Warenhaus in Worms. „Alles unter einem Dach“ lautete der Slogan und die Außenfassade war überwältigend geschmückt. Dazu waren großen Märchenfiguren hell angestrahlt. Ich bewunderte „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen und der Wolf“ und auch „Frau Holle“ schüttelte ihren Betten aus, genau wie in meinem Märchenbuch! Hier wollte ich am liebsten stehen bleiben, es gab so viel zu sehen. „Wir müssen weiter“, sagte Mama. Zuerst gingen wir zu „Hussel“, ein Süßwarenladen, damals noch in der Hafergasse. So muss es im Schlaraffenland sein, dachte ich. Von allen Verlockungen hätte ich gerne gekostet. Zu Weihnachten kaufte Mama immer Dominosteine, die sie mit ihrem „Selbstgebackenem“ auf dem Weihnachtsteller vermischte. Den Teller habe ich übrigens immer noch in Gebrauch. Eine Tüte Magenbrot für Oma dürfen wir auf keinen Fall vergessen. „Ich möchte gerne noch ein paar Cremehütchen! Bitte, bitte!“ Außen schokoladig und innen rosa, weiß oder gelb. Die sahen so fein und zart aus. Ein Hochgenuss. 

    Vor einem Schaufenster von „Siegel“, einem Spielzeugparadies, blieben wir als Nächstes stehen. Als kleines Mädchen konnte ich nicht alles aufnehmen, was es zu sehen gab. Aber trotz allem erblickte ich eine Pupe, in die ich mich auf der Stelle verliebte. Sie stand an die Rückwand gelehnt in einem großen Karton, der mit feinem Papier gleich einer Tortenspitze ausgelegt war. Sie trug ein hellblaues Organzakleid und hatte blonde Locken. „Mama, die wünsche ich mir vom Christkind! Sonst nichts, nur diese Puppe!“, rief ich. „Das weiß ich nicht“, antwortete Mama in beiläufigem Ton, „wenn du brav bis. Wir werden sehen.“ Nun mussten wir noch zum „Italiener“ Macro. Dort bestaunte ich die vielen exotischen Früchte, die uns verlockend aus dem Körben anlachten. Viele sah ich zum ersten Mal. Noch nie hatte ich einen Granatapfel gegessen. Ananas, Orangen und Bananen kannte ich, allerdings mehr von Bildern. Das waren Raritäten, genau wie Feigen oder Datteln. Mama kaufte Verschiedenes davon. „Weil Weihnachten ist“, meinte sie. Zu Hause hab es ab und an mal Äpfel. Die schmeckten auch, zumal sie von Oma geschält wurden.

    Mit einem Stück Banane in der Hand lief ich in Mamas Schlepptau noch einmal in Richtung „Siegel“. Sie meinte, ich solle mir doch einmal die große Märklineisenbahn im Schaufenster anschauen. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie. Viele Kinder drückten sich hier die Nasen platt. Alles sah wie eine winzige Stadt aus. Die kleinen Häuser mit Lichtern und Bäumchen. Da kam eine Dampflock, wie ich sie am Bahnübergang in unserer Straße öfter sehen konnte! So allerliebste winzige Figürchen, auch die Tiere sahen wie lebendig aus. Als Mama nach einer Weile mit einem großen Paket neben mir stand, hatte ich die Zeit fast vergessen. „Was hast du da für ein Paket?“, fragte ich. Sie versuchte mich abzulenken und bot mir ein Cremetütchen an. Ich war überzeugt, dass sich meine Wunschpuppe in dem Karton befinden würde, zumal im Schaufenster eine Lücke klaffte, wo vorher „meine“ Puppe ausgestellt war. Oder hatte ein anderer sie inzwischen beim Christkind reserviert?

    Als wir später nach Hause kamen, sah ich, dass Papa wie jedes Jahr am 1. Advent einen Adventskranz an einem Haken an der Zimmerdecke befestigt hatte. Der Kranz war mit roten Bändern und Schleifchen geschmückt sowie mit weiß betupften roten Pilzen. Die roten Wachskerzen auf der Oberseite durften nicht lange brennen, sonst wäre die Decke vom Ruß schwarz geworden. Schade! Der 6. Dezember war da, Nikolaustag! Ich fürchtete mich immer vor dem Tag, denn mir wurde vorher immer gedroht: „Wenn du nicht brav bist, steckt er dich in den Sack!“ Immer wenn ich im Flur ein Geräusch hörte, pochte mir das Herz bis zum Hals. Wie erleichtert war ich, als dieser Abend vorüber war. Meine abgestellten Schuhe zogen mich magisch an, vorsichtig nahm ich sie in Augenschein. Oben schaute ein Lebkuchenmann heraus, der mit einem Glanzbild beklebt war. Dann kamen Nüsse und Mandarinen zum Vorschein. Ganz unten entdeckte ich Süßigkeiten, die mit Buntpapier verpackt rausblitzten. Dann die Schokoriegel, sie waren schnelle verputzt! Nur Weihnachtsplätzchen vermisste ich. „Dem Christkind fehlt wohl die Zeit“, tröstete mich Oma. Wenn der Himmel abends rot leuchtete, dann backte das Christkind Plätzchen!

    An Heiligabend gingen wir zusammen zum Friedhof. Meine Mutter hatte beim Gärtner ein kleines Tannenbäumchen mit Kerzen gekauft. Beim Anzünden der Kerzen wurde der Verstorbenen gedacht. Diesmal war es für meine Eltern besonders schmerzlich, da ein Jahr zuvor, kurz vor Heiligabend, mein kleiner Bruder verstorben war. Er wurde nur ein Jahr alt. Wieder zu Hause wurden die Tränen getrocknet und die feierliche Stimmung der bevorstehenden Bescherung nahm den Raum ein. Mit meinem Sonntagskleid wartete ich aufgeregt auf das Christkind. Der Duft von Tannen lag in der Luft. Gemeinsam saßen wir in der Essküche, die gleichzeitig von meinem Vater als Büro genutzt wurde, denn schließlich wurde im Winter nur ein Raum beheizt, Kohle und Holz waren teuer. Oma saß in ihrem Ohrensessel am Ofen und wärmte sich. Ich wusste genau, das Christkind kam immer um 18 Uhr zu uns. 

    Auf einmal klingelte ein Glöckchen! Doch Papa war nicht da. Ich war so unruhig, mir war ganz heiß! Gott sei Dank, nun hatte Papa sich zu uns gesellt. Da stand der geschmückte Weihnachtsbaum. Ich spürte, wie meine Wangen vor Aufregung glühten. Die weißen Kerzen am Baum brannten schon. Auf den Zweigen steckten kleine Vögelchen mit haarigen Schwänzchen, Trompetchen sowie allerlei Glocken. Mir gefielen die gläsernen Eiszapfen am besten, die waren noch aus Omas Fundus. Lametta durfte auf keinen Fall fehlen. Nach Weihnachten wurde es wieder vorsichtig glatt gestrichen und in Zeitungspapier aufbewahrt. Papa stimmte „Oh du fröhliche“ an und alle sangen mit. Papa konnte am besten singen, denn er war bei einem Gesangsverein. Anschließend folgte „Ihr Kinderlein kommet“, die Spannung war für mich unerträglich! Ich fieberte dem Auspacken der Päckchen entgegen, die unter dem Christbaum lagen. Da ich mir gerne Bücher anschaute, fand ich auch gleich eins. Auch über ein Malbuch und Buntstifte war ich froh. Aber ich suchte ein ganz bestimmtes Päckchen! Es war nicht zu sehen. 

    Da war die Puppenküche mit Marzipangebäck, kleine Äpfelchen und Birnen, Lebensmittelpäckchen, eben alles, was man in der Küche so braucht. Marzipan mochte ich nicht, somit hielten sich die Früchtchen lange. Später erfuhr ich, dass meine Mama schon mit dieser Puppenküche gespielt hat, die mein Opa selbst hergestellt hatte. Doch das konnte mich nicht trösten, nicht mal die neun Puppenkleider für meine Gisela! Eines aus feinem geblümten Batist mit Puffärmeln, das andere ein Strickkleid in rosa und weiß. Gisela bekam auch neue Schuhe und gehäkelte Söckchen. Wann hat das Christkind das denn alles gemacht? Meine Eltern mussten meine Enttäuschung bemerkt haben. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragte Mama: „Hast du schon auf Papas Aktenschrank geschaut?“

     Ich blickte nach oben - und da stand sie! Meine Traumpuppe! Blond im hellblauen Organzaklei. Ich konnte zuerst nichts sagen, ich war sprachlos. Mit großen Augen staunte ich sie an. Es war die Puppe, die ich im Schaufenster gesehen hatte. Das Christkind hatte sie versteckt wie der Osterhase. Dieses selige Glücksgefühl, was ich damals empfand, rinnt durch die Zeit und ich fühle manchmal noch heute.

    Beitrag aus der Rubrik

    » Worms und Ortsteile
    Anzeige Reifen Mast KN10123Anzeige Platten NOLLAnzeige Online StellenmarktAnzeige VHS
    Anzeige Cecil Cycle KN18256Anzeige AmtsblattAnzeige das Wormser
    Anzeige TicketshopAnzeige Klinikum Worms - Tag der offenen TürAnzeige Tip Südhessen