Auftakt zum „Runden Tisch Flüchtlinge“ / Ortsvorsteher in der Kritik
Wenn aus dem Asylbewerber ein Mensch wird
Am Donnerstagabend konstituierte sich der "Runde Tisch Flüchtlinge" in der Jugendherberge. Foto: Gernot Kirch
VON GERNOT KIRCH Am Donnerstagabend trat in Worms der „Runde Tisch Flüchtlinge“ zu seiner ersten von insgesamt acht Sitzungen zusammen. Die rund zweistündige Sitzung fand in der Jugendherberge statt und diente der Konstituierung. Sie brachte noch nicht die kontroversen Aussprachen. Der Moderator des Runden Tisches, Professor Dr. Karl-Rudolf Korte, erläuterte zunächst dass sich insgesamt 54 Personen um die Teilnahme beworben hätten, aus denen 20 ausgewählt wurden. Wirkliche Gegner von Flüchtlingen hätten sich aber nicht gemeldet. Er habe zwar fünf dumpfe Mails mit Beleidigungen erhalten, sich aber konstruktiv mit „offenem Visier“ an der Diskussion beteiligen, wollte sich aus dem Kreis der Gegner jedoch niemand. Um aber dennoch die Meinung der Gegner in die Diskussion aufzunehmen, schlug Professor Korte vor, auf einer der nächsten Sitzungen einen „Block“ von vielleicht zehn Gegner einzuladen, die dann ihre Meinung darlegen könnten.
Ziele des Runden Tisches
Professor Korte betonte, dass der „Runde Tisch Asyl“ kein Ersatz für den Stadtrat sei, sondern eine beratende, begleitende Funktion habe. Das Ziel des „Runden Tisches Flüchtlinge“ sei es, die Sorgen der Bürger aufzunehmen, Wege des verbesserten Miteinanders zu finden, die hitzigen Debatten in demokratische Bahnen zu leiten und natürlich auch zu informieren.
Angst vor dem Fremden
Die große Mehrheit der Bürger, so Professor Korte, würde der Problematik aufgeschlossen gegenüberstehen, dennoch gebe es Ressentiments. Es ginge hier um die Angst vor dem Fremden, denn die Menschen befürchteten, dass sich ihre vertraute Umgebung verändert oder sie sie gar verlieren. Diese Ressentiments könnten nur durch Begegnungen abgebaut werden, wenn aus dem anonymen Asylbewerber plötzlich ein Mensch wird
Einwohnerversammlung im WORMSER
Oberbürgermeister Michael Kissel wies daraufhin, dass der „Runde Tisch Asyl“ eines von mehreren Instrumenten der Bürgerbeteiligung sei. Ein anders sei etwa die große Einwohnerversammlung für alle Wormser im Mai im Mozartsaal. Der Stadtchef betonte, dass das Asylrecht ein Grundrecht sei. Zur Information sagte er, dass die Stadt im Laufe des Jahres mit einer Zuweisung von rund 540 Flüchtlingen rechnen müsse und diese Zahl auch in den nächsten Jahre hoch bleiben werde. Wobei dies von der Entwicklung in Afrika und im Nahen Osten abhänge.
Motive der Teilnehmer
Im Anschluss stellten sich die Teilnehmer des „Runden Tisches Flüchtlinge“ vor und legten ihre Motivation zur Mitgestaltung dar. So schilderte etwa Prof. Dr. Heino Skopnik, Kinderarzt im Klinikum, wie viele traumatisierte Kinder und sprachlose Eltern bei ihm auf die Station kämen. Er wolle daher helfen, die Integration zu verbessern. Agnes Denschlag, Leiterin der Volkshochschule, bemängelte die langen Entscheidungswege der Verwaltung. Sie würde an der vhs gerne mehr Flüchtlinge aufnehmen, damit diese etwa Deutsch lernten, aber dazu brächten diese einen Aufenthaltstitel. Eric Niekisch vom Bund der Katholischen Jugend merkte an, dass die Bürger größtenteils positiv gegenüber den Flüchtlingen eingestellt seien, aber niemand wollte sie in ihrer Nachbarschaft haben. Es sei auch problematisch, eine Containerunterkunft in einer sozial-benachteiligten Gegend aufstellen. Abschließend betonte er, dass niemand aus Langeweile aus seiner Heimat flieht, sondern weil er politisch verfolgt ist oder in existentieller Not ist.
Sprachkenntnisse als Voraussetzung
Prof. Dr. Jens Hermsdorf, der Präsident der Wormser Hochschule formulierte, dass der Schlüssel der Integration Bildung und Sprachkompetenz sei. Die Studentin Sabrina Romig befürchtete, dass rechte Gruppierungen die Sorgen der Bürger ausnützten. Sie wolle daher den Menschen die Berührungsängste vor den Flüchtlingen nehmen, damit die NPD nicht noch stärker wird. Margit Zobetz, Direktorin der Nibelungen-Realschule, erklärte, dass sie Schüler aus 27 Nationen habe und das Kernelement des Zusammenlebens sei, jeder müsse an ihrer Schule jeden akzeptieren. Daher müsse etwa jeder mit Namen angeredet werden und nicht etwa mit „Türke“. An ihrer Schule geben es auch Intensivkurse Deutsch, sodass jedes Kind eine Chance bekomme. Sie plane auch Besuche von Schulklassen in den Flüchtlingsunterkünften. Jürgen Weiss schlug sehr kritische Töne an und lehnte eine Containerunterbringung ab, vielmehr müssten die Flüchtlinge dezentral untergebracht werden. Krista Fleischer berichtete von ihrem Helferkreis in Rheindürkheim, dem es gelungen sei, acht Familien in den Ort zu integrieren.
Ortsvorsteher in der Pflicht
Die nächste Sitzung des „Runden Tisches Asyl“ findet am 1. Juni statt. Obwohl Dezernent Waldemar Herder erst dann die Fakten zur Situation in Worms präsentieren wird, sagte er am Donnerstag schon einige sehr emotionale Worte. So seien Sammelunterkünfte kein Wunschvorstellung der Stadt, aber man müsse zur dezentralen Unterbringung erst einmal freie Wohnungen finden. Worms sei eine wachsende Stadt, anders als Pirmasens oder Kaiserslautern, wo großer Leerstand herrsche. Herder bemängelte auch das Verhalten von manchem Ortsvorsteher in Worms, die bei der Flüchtlingsunterbringung eher denken: „Muss es unbedingt in meinem Ortsteil sein?“ Hier wünschte sich der Dezernet eine größere Bereitschaft zur Aufnahme.
Bauarbeiten planmäßig
Unterdessen gehen die Bauarbeiten an der Flüchtlingsunterkunft in Containerbauweise auf dem Motorpoolgelände ihrem Ende entgegen. Das Gebäude ist funktional aufgebaut und bietet mehrere Sanitärräume und Kochmöglichkeiten. Es ist kaum von einem normalen Gebäude zu unterscheiden.