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  • Mi., 29. März 2017, 11:53 Uhr
    Am Donnerstag startet in Worms mit der „Mohnblume“ die erste Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen 

    Wenn das Essen zur Lebensbedrohung wird

    VON ROBERT LEHR | Ein Feld voller Mohnblumen strahlt in kräftigen Farben und wirkt als Ganzes robust – einzeln werden sie im Wind hin- und hergerissen und zeigen ihre Schwachheit. Für Sabine* ein ideales Bild, um ihre Krankheit zu umschreiben, und zugleich eine neue Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen zu betiteln. 

    Am morgigen Donnerstag, dem 30. März, kommt sie zum ersten Mal im 2. Stock in der Wormser Ludwigstraße 3 zusammen. 

    Danach soll die „Mohnblume“ immer an jedem 4. Donnerstag im Monat, von 19 bis ca. 20.30 Uhr, Menschen eine Plattform geben, die an Magersucht, Bulimie oder dem Binge-Eating-Syndrom leiten.

    Nach einer repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) leiden 1,5 Prozent der Frauen und 0,5 Prozent der Männer unter Essstörungen. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber höher liegen.

    Für Menschen mit Essstörungen gibt es ab dem morgigem Donnerstag eine erste Selbsthilfegruppe in Worms.Foto: fotolia/VadimGuzhva


    Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt drei Hauptformen der Essstörungen: Die Magersucht (Anorexia nervosa) als starker Gewichtsverlust, den die Betroffenen bewusst herbeiführen. Sie sind auffallend dünn und empfinden sich auch dann noch als zu dick, wenn sie schon unter starkem Untergewicht leiden. Die Betroffenen reduzieren dabei ihr Gewicht in erster Linie durch Hungern und/oder durch exzessive sportliche Aktivität oder beides. Auch Appetitzügler, Abführmittel, entwässernde Medikamente oder selbst herbeigeführtes Erbrechen unterstützen die Gewichtsabnahme.

    Dieses Erbrechen ist für die an Bulimie (Ess-/Brechsucht) Erkrankten ihr Mittel der Wahl, um die Kalorienzufuhr ihrer häufigen Essattacken „rückgängig“ zu machen und nicht zuzunehmen. Doch auch Fasten und Missbrauch von Abführmitteln sind üblich. 

    Ihre Furcht, dick zu werden, bekämpfen die Betroffenen zwischen den Anfällen mit einer Art Dauerdiät. Im Gegensatz zu magersüchtigen, fallen bulimische Menschen nicht zwangsläufig durch extremes Dünnsein auf. 

    Wiederholte Essattacken kennzeichnen die Binge-Eating-Störung. „Binge“ ist das englische Wort für ein Gelage. Also eine Situation, in der übermäßig viel gegessen oder auch getrunken wird. Bei den wiederkehrenden Essanfällen werden enorm große Mengen herunter geschlungen. Die Betroffenen haben das Gefühl, bei diesen Anfällen die Kontrolle über das Essen verloren zu haben.

    Im Unterschied zur Bulimie werden diese Essattacken nicht durch andere Maßnahmen „ungeschehen“ gemacht. Das heißt, es erfolgt z. B. kein extremer Sport, Hungern oder Erbrechen. Die Betroffenen sind deshalb häufig übergewichtig. Zwingend notwendig ist das Übergewicht allerdings für diese Essstörung nicht.

    Sabine leidet schon seit ihrem 13. Lebensjahr unter einer Essstörung. Diese äußerste sich zunächst darin, dass Sabine nichts mehr aß, exzessiv Sport trieb, und entwickelte sich dann über die Bulimie zu einer richtigen Sucht.

     Die Krankheit hat die heute 47-jährige Wormserin zunächst bis zu ihrem 21. Lebensjahr begleitet, wo sie sich erstmals einer psychologischen Therapie unterzogen hat. Diese erwies sich als erfolgreich, woraufhin Sabine heiraten und mit der Geburt eines Kindes eine Familie gründen konnte,

    Erneuter Krankheitsausbruch 
    Erst als es vor einigen Jahren in der Ehe zunächst erste und dann ernste Probleme gab, trat die Krankheit wieder auf. Jetzt, nach erneuter erfolgreicher Therapie, fühlt sich Sabine stark genug, um auch anderen Betroffenen durch den intensiven Austausch zu helfen. 

    Daher auch die Motivation zur Gründung der „Mohnblume“, einer Selbsthilfegruppe, die nicht von einem Therapeuten oder Sozialarbeiter geführt wird. 

    „Die Essstörung ist immer Ausdruck ganz anderer, viel tief sitzender Probleme“, gibt Sabine freimütig zu. So erzählt sie von ihrer Kindheit, in der der Vater keine große Rolle gespielt habe, weil er nur selten da gewesen sei, von der Mutter, die sie geschlagen, und von dem Cousin, der sie sogar sexuell genötigt habe. Nicht zuletzt diese traumatische Erfahrung habe ihr tiefsitzende Angst gemacht vorm Älter- und Frauwerden, so dass sie durch das Schlankbleiben ihre Kindlichkeit bewahren wollte. 

    So habe sie schon früh gelernt, ihr ständiges Erbrechen zu kaschieren, ohne ihre Familie und ihr Umfeld davon etwas mitbekommen zu lassen. 

    Nach der ersten Therapie und glücklichen Jahren kam es durch Eheprobleme zum erneuten Ausbruch der Krankheit.

    Als sie von der ehelichen Untreue ihres Mannes erfuhr, begann der Teufelskreis von Essen und Erbrechen erneut. Zum zwanghaften Abnehmen kamen aber jetzt noch für einige Jahre Selbstverletzung und Tablettenmissbrauch – bis sie ohnmächtig aufgefunden wurde. Die sofortige Behandlung in einer Spezialklinik habe „Schlimmeres vermieden“. 

    Im Unterschied zu früher hatte Sabine jetzt aber die Kraft, sich auch selbst Hilfe zu organisieren, und begab sich u. a. in eine Therapie in einer Wormser Tagesklinik. Vor allem durch den hiesigen Therapeuten sei ihr der Weg aus der Abhängigkeit von diesem gestörten Essverhalten aufgezeigt worden, unterstreicht Sabine die Notwendigkeit professioneller Hilfe.

    Verschiedenste Ursachen
    Dabei betont sie, wie sehr die verschiedenen Essstörungen sich bei Betroffenen auch abwechseln können und dass es sie in den unterschiedlichsten Ausprägungen gäbe. Immer aber lägen die diversen Ursachen zugrunde und meist gingen noch andere Krankheitsbilder mit einher. 

    Eine Esssucht ist für Sabine wie eine Sucht – wie Drogen oder Alkohol. Bei sehr schwierigen Lebenslagen und der damit verbundenen Emotionen, kann diese Suchtkrankheit  wieder auftreten. Psychisch wirklich krank sind dabei wenige.

    Eher sind Probleme die eigentlichen die Auslöser für die Essstörungen. So werde z.B. Scham, Einsamkeit oder Trauer mit Esssucht kompensiert, weil es als Kind nicht anders gelernt oder erlernt wurde. 

    Was die Essstörungen im Allgemeinen auch so schwer identifizierbar mache, sei die Tatsche, dass den Betroffenen ihre Krankheit oftmals nicht anzumerken sei. 

    So kaschierten Magersüchtige z. B. mit dem „Zwiebellook“ ihren abgemagerten Körper und Menschen mit Bulimie hätten gelernt, sich völlig unbemerkt zu erbrechen. Oft wirkten sie „tough und kontrolliert“, aber in Wirklichkeit seien sie sehr zerbrechlich.

    Sabine selbst kennt betroffene Frauen, die ihre Krankheit sogar vor dem Partner jahrelang geheim halten können. Dabei seien es immer mehr Männer und vor allem Jungs, die an Essstörungen litten. Hier seien es wie bei Frauen oder Mädchen oft die falschen Schönheitsideale, die verstörend wirkten.

    All diesen Menschen einen „Ort der Begegnung und des Austausches“ zu geben, sei die Motivation, so die Initiatorin der Gruppe, die heute von ihrem Mann geschieden ist, sich aber einvernehmlich mit ihm das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn teilt. Auch beruflich will sich Sabine umorientieren, um einen echten Neuanfang zu schaffen. Gerade hat sie zudem damit begonnen, sich in einer Wormser Institution ehrenamtlich zu engagieren. 

    Wie nachhaltig all dies für ihre Gesundheit und Zufriedenheit wirkt, weiß Sabine jetzt noch nicht zu sagen. 

    Wie wichtig es aber ist, über die vielgestaltigen Probleme zu sprechen, weiß sie ganz genau. Daher soll auch die „Mohnblume“ blühen und sich nicht schon vom leisesten Windhauch des Schicksals abknicken lassen.

    Weitere Informationen gibt es direkt morgen Abend (30. März) um 19 Uhr in der Ludwigstraße 3, 67547 Worms, im 2. OG. 

    *richtiger, kompletter Name ist der Redaktion bekannt

     

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