
Es ist eine Entscheidung, die in Heppenheim und weit über die Stadtgrenzen hinaus für Wehmut sorgt: Engelbert Senn, das „Gesicht der Weihnachtszeit“ in der Region Worms, beendet nach über vier Jahrzehnten sein ehrenamtliches Wirken als Nikolaus. Mit 82 Jahren hat der Senior nun beschlossen, Bischofsstab und Mütze dauerhaft im Spind zu belassen – ein Abschied von einer Lebensaufgabe, die Generationen von Kindern geprägt hat.
Alles begann im Jahr 1984 mit einer Bitte seiner Ehefrau Anni. Der örtliche Kinderchor suchte für die Weihnachtsfeier eine Besetzung für den heiligen Mann. „Ich habe das doch noch nie gemacht“, war Senns erste Reaktion – eine Skepsis, die bereits nach dem ersten Auftritt verflog. Aus der einmaligen Aushilfe wurde eine Leidenschaft, die über 40 Jahre lang den Adventskalender der Region bestimmte. Senn lieh sich zunächst Gewänder, bevor er von einem Pfarrer aus Offstein eine traditionelle Albe erhielt, die er bis zum heutigen Tag in Ehren hält.
Die wohl bekannteste Anekdote seiner Laufbahn markiert die Geburtsstunde seines Markenzeichens. Nachdem ein aufmerksames Kind bei einem Hausbesuch bemerkte, dass der Nikolaus „zwei Bärte“ trug – den künstlichen über dem echten Dreitagebart –, traf Senn eine konsequente Entscheidung: Ab sofort wurde der Bart echt. Seitdem blieb der Rasierer ab Sommer ungenutzt, damit pünktlich zum ersten Advent ein prachtvolles, naturweißes Unikat das Gesicht des Heppenheimers zierte.
Dass diese Echtheit auch einer kritischen Prüfung standhielt, zeigt eine rührende Begebenheit: Ein kleines Mädchen fragte den Nikolaus einmal vorsichtig, ob es an seinem Bart ziehen dürfe. Als sich dieser – zur Überraschung des Kindes – nicht löste, erschrak das Mädchen und war den Tränen nahe, da es nun die Gewissheit hatte: Vor ihm stand tatsächlich der „echte“ heilige Mann. Es ist genau diese Unverfälschtheit, die Engelbert Senn ausmachte. Die kleine Zweiflerin von damals ist heute längst eine erwachsene Frau, die sich sicher mit einem dankbaren Schmunzeln an diesen magischen Moment ihrer Kindheit erinnert.
Engelbert Senns Geschichte ist jedoch nicht nur eine der Freude, sondern auch eine des beeindruckenden Kämpfergeistes. Als er 2012 infolge eines Aneurysmas die Fähigkeit zu sprechen verlor, schien seine Ära beendet. Doch Senn bewies, was man heute als „Stehaufmännchen-Mentalität“ bezeichnet: Mit Hilfe einer engagierten Logopädin und dem Rückhalt seiner Familie erkämpfte er sich jedes Wort zurück. Diese persönliche Erfahrung prägte auch seinen Umgang mit den Kindern: Er nahm ihnen die Angst, begegnete ihnen auf Augenhöhe und vermittelte stets die Botschaft, dass es keine „bösen“ Kinder gibt – höchstens solche, die manchmal nicht richtig hinhören.
In Spitzenzeiten leistete Senn bis zu 45 Auftritte pro Saison. Er besuchte Weihnachtsmärkte, Altenheime und Privatfamilien, manchmal auch begleitet von „Engeln“ aus den Reihen der Weinmajestäten. Wichtig war ihm dabei immer eines: Der kommerzielle Gedanke blieb ihm fremd. Seine Dienste bot er stets unentgeltlich an; die strahlenden Augen der Kinder waren ihm Lohn genug.
Der Rückzug erfolgt nun aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit und die logistischen Herausforderungen, die das Alter mit sich bringt. Dennoch wird es um Engelbert Senn nicht still werden. Als fest verwurzeltes Mitglied der katholischen Kirchengemeinde bleibt er als Küster aktiv und leiht seine Stimme weiterhin vier verschiedenen Gesangvereinen.
Wenn die Menschen in Worms und Umgebung in diesem Winter vergeblich nach dem vertrauten Klopfen an der Tür oder dem stattlichen weißen Bart in den Gassen Ausschau halten, bleibt die Erinnerung an einen Mann, der das Ehrenamt nicht nur ausgeübt, sondern von ganze Herzen gelebt hat.
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